Berlin - Cem Özdemir ist noch bis zum Parteitag Ende nächster Woche Vorsitzender der Grünen. Ein Gespräch über Abschied und Aufbruch.

Herr Özdemir, Sie sagten kürzlich, Sie gingen nicht im Groll. Ehrlich gesagt, kann ich das nicht glauben.

Ich springe jetzt auch nicht vor Freude an die Decke, bin aber dennoch weit entfernt von Groll. Ich spüre Zufriedenheit über das bisher Erreichte. Das kann man wohl nur verstehen, wenn man meine Biographie kennt. So manche Prognosen über mich von anderen haben sich im Kern als falsch erwiesen. Mir wurde immer gesagt, dass ich für das, was ich gerade machen möchte, nicht geeignet sei. Irgendwie habe ich’s dann doch immer geschafft. Insofern schaue ich zurück und sehe, dass jemand aus dem kleinen schwäbischen Bad Urach, dessen Eltern als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen sind, jetzt fast zehn Jahre lang an der Spitze eine deutsche Partei vertreten durfte. Ich bin froh und dankbar, dass ich diese Verantwortung wahrnehmen durfte – wie gut, müssen andere entscheiden.

Bereuen Sie, nicht am Parteivorsitz festgehalten zu haben?

Ich habe das ja sehr früh gesagt. Auch um mich selbst zu binden und der Versuchung zu widerstehen, mich noch einmal anders zu entscheiden. Und das aus zwei Gründen. Zum einen glaube ich, dass es nach fast zehn Jahren wirklich Zeit ist, dass jemand anderes das Ruder übernimmt. Ich bin länger Vorsitzender als alle anderen vor mir. Und zweitens: Gönnen Sie mir doch mal eine Pause von Gremiensitzungen. Sie tragen nicht unbedingt dazu bei, dass die Lebensqualität wächst. Dafür bin ich ja schließlich nicht in die Politik gegangen. Darauf dürfen sich jetzt andere freuen.

Was machen Sie dann?

Nicht zuletzt mehr Lesen. Ich habe die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr auch nicht nur genutzt, um nachzudenken, sondern viel Musik gehört, was ich leidenschaftlich gerne mache.

Was haben Sie gehört?

Them mit Van Morrison, zum Beispiel ihr großartiger Song „Don’t look back“. Und dann war ich beim Abschiedskonzert der schwäbischen Rockband „Schwoißfuaß“, die ich seit Jugendjahren liebe. Eines ihrer bekanntesten Lieder heißt: „Oinr isch emmr dr Arsch“.

Auf Hochdeutsch: Einer ist immer der Arsch.

Zwischen „Don’t look back“ und „Oinr isch emmr dr Arsch“ war so meine Gemütsverfassung. Ich freu mich auch, wenn ich mehr Zeit habe für meine Familie, meine Kinder und meine Themen. Und ich habe mir vorgenommen, die Jüngeren in der Fraktion zu unterstützen, wenn sie meinen Rat brauchen. Deren rebellischer Geist gefällt mir gut. Ich erinnere mich an Joschka Fischer. Er hat uns zwischen 1994 und 1998 ermutigt, Dinge so zu formulieren, dass sie nicht schon fast geistige Null-Emissionen sind, sondern auch mal quer zu denken. Das hat dazu geführt, dass wir 1998 gute Konzepte zum Regieren hatten. Da kann ich mir ja an die eigene Nase fassen. Ich musste auch erst den Mut aufbringen, klarer und unverstellter zu formulieren und authentisch zu bleiben, was in Berlin in so einem Spitzenamt schwer ist.

Bleibt es denn dabei, dass Sie im Falle von Neuwahlen noch mal als Spitzenkandidat antreten?

Das gilt erstmal weiterhin. Sollte es so kommen, freue ich mich, für die Grünen hoffentlich noch mehr rauszuholen. Aber erstmal stelle ich mich darauf ein, dass sich die SPD aus Furcht vor Neuwahlen in die Große Koalition retten wird.

Wie lange gilt das, dass Frau Göring-Eckardt und Sie noch einmal Spitzenkandidaten würden?

Je mehr wir uns von der letzten Bundestagswahl entfernen, desto mehr werden die Karten neu gemischt. Das Ziel muss sein, beim nächsten Mal zwischen zehn und 15 Prozent zu landen und darüber die Chance zu haben, mal wieder eine Zweier- statt einer Dreier-Koalition zu bilden. Wir haben uns durch die Sondierungen auch Anerkennung bei Wählerinnen und Wähler erworben, die ihr Kreuz woanders gemacht hatten. Darauf sollten wir aufbauen.

Sprich: Sie steuern auf Schwarz-Grün zu.

Nach Lage der Dinge ist das gegenwärtig die realistischste Option. Ich kann es ja nicht ändern, dass die SPD eher bei 20 Prozent als bei 30 Prozent liegt. Doch gerade weil die FDP jetzt offenbar die Fundi-Rolle gewählt hat, ergeben sich auch neue Chancen, jene FDP-Anhänger anzusprechen, denen Europa und der Klimawandel nicht egal sind. Da gibt es einige, dessen bin ich mir sicher. Die ticken doch nicht alle neoliberal. Denen sollten wir ein Angebot machen, zu uns zu kommen. Wir wären töricht, wenn wir das Potenzial nicht ausschöpfen.

Sie haben stets betont, dass Sie sich mit dem FDP-Vorsitzenden Lindner gut verstehen. Jetzt hat er Ihnen die Krönung Ihrer Laufbahn verbaut. Was passiert, wenn Sie sich heute begegnen? Gilt da das Motto: Einer ist immer der Arsch?

(Lacht) Ich kann’s ja nicht ändern. Und ich bin ein großer Anhänger von anständigen Umgangsformen. Daran hat sich nichts geändert. Manchmal ist die beste Strafe, dass man seinen Anstand nicht verliert.

Es fällt ansonsten auf, dass Sie in der Bevölkerung beliebter sind als in der Partei. Wie erklären Sie sich das eigentlich?

Wenn ich die Wahl hätte, beliebt zu sein im Berliner Regierungsviertel oder bei den einfachen Mitgliedern und den Wählerinnen und Wählern, dann würde ich mich immer für Letzteres entscheiden. Ich verbiege mich nicht. Insofern bin ich auch da mit mir im Reinen.

Ich will eher darauf hinaus, dass Ihnen die Anerkennung bürgerlicher Kreise manchmal wichtiger zu sein scheint als die der eigenen Leute. Man spürt einen besonderen Stolz, dass Leute Sie akzeptieren, die es vor 20 Jahren noch nicht getan hätten.

Ich habe meine Jobbeschreibung immer so gesehen, dass meine Aufgabe darin besteht, den Laden zu erweitern und nicht zu schrumpfen.

Es gibt da keine persönliche Komponente?

Ich habe mal in einem Porträt über mich gelesen, dass ich als Aufsteiger aus einer Migrantenfamilie ein anderes Verhältnis zur Anerkennung bürgerlicher Kreise hätte. Ich muss aber nicht von Christian Lindner anerkannt werden, sondern von den Wählern. Und man kann in der Sache hart ringen und trotzdem höflich und verbindlich bleiben. Da kommt vielleicht auch meine Erziehung raus. Ich durfte mal drei Wochen während der Sommerferien in der Fabrik arbeiten, in der mein Vater gearbeitet hat. Da hatte man mit Öl zu tun und mit Metallsplittern. Sein blauer Anton war entsprechend verdreckt. Trotzdem hat mein Vater stets Wert darauf gelegt, dass seine Arbeitskleidung in Ordnung ist, die Werkzeuge da sind, wo sie hingehören, und er rasiert zur Arbeit kommt. Darin drückte sich der Respekt vor der Arbeit aus. Das hat mich auch in meinem Verständnis gegenüber meiner Arbeit geprägt.

Sie haben die Partei fast zehn Jahre lang geführt, so lange wie niemand sonst. Sind die Grünen so, wie Sie sie sich wünschen? Oder sind sie Ihnen im Grunde immer noch zu links und zu idealistisch?

Wir sind eine ökologisch-freiheitliche Partei der linken Mitte, die weit ins Bürgertum ausgreifen kann. Dies muss man im Kopf haben, wenn wir die aktuell tollen Umfragen zu Wahlergebnissen machen wollen. Ich habe mit links kein Problem, wenn man es eben nicht ideologisch definiert. 30 Prozent in Baden-Württemberg holst Du ja nicht als linkes Sammelbecken der reinen Lehre, sondern indem Du tief ins Unions-Lager eindringst. Auch daran ist nichts Falsches, wenn man seine Werte bewahrt. Die Grünen sind gut aufgestellt. Aber wir sollten uns nicht ausruhen und selbstgefällig werden. Deshalb wird es jetzt auch entscheidend sein, dass wir zwei starke Vorsitzende wählen, die in die Gesellschaft ausstrahlen. Wir müssen offen auf die Gesellschaft zugehen und möglichst viele Bündnispartner suchen. Die Angst davor, dass die Grünen nicht mehr die Grünen seien, halte ich jedenfalls für  Quatsch.

Wie geht es jetzt weiter? Winfried Kretschmann will in Baden-Württemberg vielleicht noch mal als Spitzenkandidat antreten.

Das hoffe ich sehr. Winfried Kretschmann ist ein Glücksfall für unser Land. Er macht das großartig. Die letzten Wahlergebnisse waren nicht nur grüne Ergebnisse, sondern auch ein klares Votum für seine Person. Ich habe meine  Rolle als Vorsitzender darin gesehen, ihn zu unterstützen und eng zusammen zu arbeiten – und das nicht, weil ich selbst Baden-Württemberger bin, sondern weil Kretschmann ein Glücksfall für die ganze Partei ist.

Aber wären Sie nicht ein idealer Nachfolger? Sie kommen wie er aus Schwaben und ticken politisch sehr ähnlich, sind aber knapp 20 Jahre jünger und stehen voll im Saft.

Unterschätzen Sie Winfried Kretschmann nicht. Der Mann brennt immer noch vor Ideen. Ich gehe davon aus, dass er auch beim nächsten Mal wieder antritt und werde ihn auch dabei wieder voll unterstützen. Er braucht noch gar keinen Nachfolger. Und ich sehe mich auch nicht in dieser Rolle. Im Übrigen hat die Junge Union in Baden-Württemberg ja vor der letzten Wahl Plakate aufhängen lassen, auf denen stand: „Wer Kretschmann wählt, bekommt Özdemir.“ Das haben die gemacht, weil sie erwartet haben, dass ein türkischstämmiger Name abschreckend wirkt. Die Zustimmungswerte, die ich habe, halte ich für alles andere als selbstverständlich – gerade wegen meines Namens. Es ist in Deutschland noch eine erhebliche Wegstrecke, bis es egal ist, wie jemand heißt. Wir sind längst noch nicht da, wo wir eigentlich hin müssten.

Wie alt sind Sie jetzt, 51?

52. Danke, dass Sie mich für so jung halten.

Das gibt’s heute gratis. Aber im Ernst: Es ist ja doch komisch, dass ich als 53-Jähriger mit einem 52-Jährigen über Abschied rede.

Abschied ist es nicht! Ich blicke mit einem gewissen Stolz auf das, was ich und was wir im Team erreicht haben. Jetzt freue ich mich auf neue Herausforderungen. Die werden mit Sicherheit kommen. Allen, die sich wünschen, dass sie den Özdemir los sind, denen kann ich mit Bob Dylan sagen: „The times they are a-changin‘“.

Der Abschied vom Parteivorsitz löst keine Midlife-Crisis aus?

Fragen Sie mich in ein paar Wochen noch mal (lacht). Aber im Moment geht es mir sehr gut. Und mehr Freiheit schadet nie.