#image0

Ach, was wäre das für ein toller Anlass zum Poltern gewesen, dieses 3:0 beim jetzt nicht mehr ganz so großen FC Barcelona. Dieser beeindruckende Sieg, mit dem seine Bayern das erste deutsche Finale in der Geschichte der Champions League perfekt gemacht haben. Dieses Endspiel, das dem deutschen Fußball am 25. Mai den stolzesten Moment seit mehr als 20 Jahren schenken wird. Dieses Duell Schwarz-Gelb gegen Rot, das vor der Saison kaum jemand für möglich gehalten hatte, nun aber von vielen gar als die Konsequenz einer bemerkenswerten Entwicklung gewertet wird.

Da passt wirklich alles. Der Gegner: die Dortmunder, die sich erst am Vortag im Halbfinale gegen Real Madrid durchgesetzt hatten. Der Ort: das mythische Wembley-Stadion in London, in dem man die vor einem Jahr erlittene Schmach aus dem verlorenen „Finale Dahoam“ wettmachen könnte. Und zuletzt die Botschaft: Man kann auch mit einer seriösen Finanzpolitik sehr, sehr erfolgreich sein.

Ja, bestimmt hätte er gestern, heute oder spätestens morgen wieder kräftig ausgeteilt und dabei einen gar nicht so netten Gruß an die vermeintlichen Bösewichte des Weltfußballs gerichtet. An die fußballaffinen Oligarchen und Scheichs, die seiner Ansicht nach als Klubbesitzer aus diesem wunderbaren Spiel da und dort ein seelenloses Geschäft gemacht haben. Aber: Uli Hoeneß, der Noch-Präsident des FC Bayern München, ist wegen seiner Steueraffäre bis auf Weiteres zum Kleinlautsein verurteilt.

Vorbild Bundesliga

Macht nichts. Auch ohne die Einmischung des wortmächtigen Tor- und Wurstfabrikanten lässt sich die Diskussion über den Stellenwert des deutschen Klubfußballs im internationalen Vergleich führen. Wobei die zentrale Frage wie folgt lautet: Ist das mit dem deutschen Finale in der europäischen Eliteliga nur Zufall oder einfach nur logisch und damit womöglich sogar der Beginn einer neuen Ära? Gary Lineker, der ehemalige englische Nationalspieler, der mittlerweile als TV-Kommentator arbeitet, ist sich − zumindest was die Bayern anbelangt − ziemlich sicher. Beeindruckt vom Auftritt der Münchner im Camp Nou brachte er via Kurznachrichtendienst Twitter noch Folgendes in die Welt: „Wir sehen den Beginn des Endes einer Ära für Barça, und das Ende des Beginns einer Ära für Bayern.“

Außer Frage steht, dass sich der deutsche Fußball im europäischen Vergleich in vielen Bereichen zum role model gemausert hat. Er steht mittlerweile sogar für das Gute im Fußball. Für komfortable Stadien, in denen man für relativ wenig Geld Woche für Woche mehr als ordentliche Unterhaltung präsentiert bekommt. Für ein vernünftiges Wirtschaften, was in Anbetracht des von der Europäischen Fußball-Union (Uefa) angestrebten Financial Fair Play womöglich eines Tages tatsächlich zum entscheidenden Faktor werden könnte. Ja, der deutsche Fußball steht mittlerweile sogar für die Moderne des Spiels. Allen voran ein Takt- und Taktikgeber wie Dortmunds Jürgen Klopp, der nicht nur hierzulande wegen seiner Begeisterungsfähigkeit, seines Fachwissens und seines Muts zur Jugend als Trainerideal gilt.

Ganz eifrig hat die Bundesliga also in Reaktion auf die zu Beginn des Jahrtausends allgegenwärtige Tristesse ihre Hausaufgaben gemacht, hat aus ihren Fehlern gelernt und die WM 2006 als Fortschrittmacher genutzt. So gewissenhaft und zielstrebig war sie dabei, dass der Rückstand auf die englische Premier League beziehungsweise auf die spanische Primera Divisiòn mittlerweile fast wettgemacht ist.

Abschneiden in der Europa League

Eine fortwährende Dominanz der deutschen Klubs in Europa kann aus diesem Prozess allerdings nicht abgeleitet werden. So hat Lars Ricken, der Borussia Dortmund 1997 im Finale gegen Juventus Turin zum Titelgewinn in der Champions League gelupft hatte, erst neulich noch einmal den wertvollen Hinweis auf die Europa League ins Feld geführt. Das Abschneiden der deutschen Mannschaften in diesem Wettbewerb spreche eindeutig gegen die Theorie von einer deutschen Marktführerschaft. Eine Meinung, die auch Paul Breitner vertritt. Schon bevor die Finalpaarung feststand, bemerkte der ehemalige Nationalspieler und Profi des FC Bayern: „Nicht die Bundesliga, sondern nur zwei Mannschaften aus der Bundesliga haben in diesem Jahr in Europa reüssiert.“

#video0

Das ist der feine Unterschied, der in der derzeit um sich greifenden Euphorie gar zu leicht in Vergessenheit gerät. Es sind nur zwei Mannschaften, die hier Erfolge feiern. Die einen, die Bayern, die provoziert von den anderen, also den Dortmundern, in den vergangenen vier Jahren mehr als 200 Millionen Euro in den Kader gesteckt haben und für die kommende Saison hoffen müssen, dass das Experiment mit dem neuen Trainer Pep Guardiola nicht scheitert. Die anderen, die Dortmunder, die im Sommer ihre besten Spieler, nämlich die Offensivkräfte Mario Götze und Robert Lewandowski, verlieren und hoffen müssen, dass Trainer Jürgen Klopp wenigstens seinen bis 2016 laufenden Vertrag erfüllt.

Heißt: Für das Glück des deutschen Fußballs gibt es keine Garantie − noch nicht mal mittelfristig.

#video1