Dresden - Ob Markus Ulbig, der sächsische Innenminister, dahintersteckt? Genau einen Tag nach seinem geheimen Treffen mit Kathrin Oertel hat die Dresdner Pegida-Frontfrau erklärt, sie wolle die Bewegung verlassen. Auf der Facebook-Seite von Pegida hieß es am Mittwochnachmittag: „Fakt ist, Kathrin hat vorerst ihr Amt als Pressesprecherin niedergelegt. Dies ist massiven Anfeindungen, Drohungen und beruflichen Nachteilen geschuldet. Sie hat sich aufgeopfert für unsere Sache...“ Oertel selbst war am Mittwoch telefonisch nicht erreichbar.

Wenige Stunden nach den ersten berichten von den Rücktritten hat die Organisation zudem die für den kommenden Montag geplante Kundgebung abgesagt. Das bestätigte ein Sprecher der Stadt Dresden am Mittwoch. Zu den Gründen wurden keine Angaben gemacht.

Nach einem Bericht der Bild-Zeitung gibt es erhebliche Zerfallserscheinungen in der Pegidaführung. Sie zitiert René Jahn, den zweiten Vorsitzenden des Vereins: „Kathrin Oertel, Achim Exner, Bernd-Volker Lincke, Thomas Tallacker und ich sind von unseren Ämtern zurückgetreten. Hintergrund ist der Verbleib von Herrn Bachmann im Orga-Team der Pegida sowie die mangelnde Abgrenzung von Legida in Leipzig.” Es könne nicht sein, so Jahn weiter, „dass wir uns als Verein in aller Deutlichkeit von Lutz Bachmanns untragbaren Äußerungen distanzieren, er dann aber im Orga-Team der Pegida bleiben will. Mit diesem Nazi-Zeug und den rechten Äußerungen möchte ich nichts zu tun haben”.

Nach dem Rücktritt des Gründers Lutz Bachmann, der die seit Oktober stattfindenden Montagskundgebungen gerne mit dem Ruf „Dresden zeigt, wie`s geht!“ begann, ist Oertel die zweite bekanntere Führungsfigur, die sich zurückzieht. Einem breiteren, über Dresden hinausreichenden Publikum wurde sie durch ihren wortkargen Auftritt in der Fernseh-Talkshow mit Günther Jauch bekannt.

Streit um Bachmanns Position

In Dresden heißt es, den erst vor kurzem zurückgetretenen Bachmann dränge es wieder zurück ins Rampenlicht, das habe den Krach ausgelöst. Der 42-jährige vorbestrafte Drogenhändler und Einbrecher trat erst vor wenigen Tagen ab, nachdem im Internet von ihm selbst gemachte Fotos in Hitler-Pose aufgetaucht waren. Außerdem machte er Bemerkungen über Ausländer wie „Gelumpe“ und „Dreckspack“, die den Bemühungen der Bewegung, sich einen fremdenfreundlicheren Anstrich zu geben, doch deutlich widersprechen. Die Dresdner Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Volksverhetzung. Bachmann entschuldigte sich zwar auf Facebook „aufrichtig“ für sein Gehetze, aber offensichtlich nahmen ihm das auch seine Mitstreiter im Organisationsteam nicht so einfach ab.

Zudem, heißt es in Dresden, habe es Bachmann mit dem Totalrückzug nicht so ernst gemeint. Er habe doch nicht alle Führungsaufgaben abgeben wollen und darüber sei es zum Streit gekommen. Zu den Pegida-Gründern und frühen Mitstreitern, die nun, auch wegen der stark von Rechtsextremisten beeinflussten Legida-Bewegung in Leipzig, ausgestiegen sein sollen, zählen neben Oertel und Jahn der Pegida-„Sicherheitsberater“ Achim Exner, AfD-Mitglied und früher Security-Mann für den Fußballverein Dynamo Dresden. Außerdem der Wirtschaftsberater Bernd-Volker Lincke und der ehemalige CDU-Stadtrat von Meißen, Thomas Tallacker, der sich, so behauptet Pegida auf Facebook, aus der Bewegung zurückziehe, weil er als Unternehmer wegen seines Eintretens für die Wutbürgerbewegung Auftragseinbußen erlitten habe.

Innenminister rechtfertigt sich

Alle Beteiligten haben sich angeblich darauf verständigt, bis Donnerstag nicht in die Öffentlichkeit zu gehen. Wie es nun mit Pegida in Dresden und den Ablegern in anderen Städten weitergeht, ist unklar. Am Mittwochnachmittag soll sich die Pegida-Führungsriege zur Krisensitzung getroffen haben.

Angeblich hat es in den vergangene Wochen heftige interne Debatten um den Namen und um eine Neuausrichtung von Pegida gegeben. Angeblich wollte Bachmann dabei nicht mitmachen. Er habe leider nicht erkannt, so wird jemand aus dem Organisationsteam zitiert, dass er der Sache im Wege stehe.

Sachsens CDU-Innenminister Ulbig rechtfertigte sich am Mittwoch in einer Regierungserklärung zum Thema Innere Sicherheit in Sachsen für sein heftig umstrittenes Treffen mit Oertel. Das geheime Rendezvous hatte nicht nur beim Koalitionspartner SPD für Ärger gesorgt. Es widersprach der vereinbarten Koalitionslinie und den noch frischen Worten von Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU), wonach man mit den Anhängern der Pegida-Bewegung den Dialog versuchen sollte, aber keineswegs mit der in Teilen kriminellen Führungsriege, die in ihren Montagsreden regelmäßig auch Bundeskanzlerin Angela Merkel verhöhnte und beschimpfte. (mit dpa)