Berlin - So leicht, so schnell, so billig und so wirkungsvoll war Provokation noch nie zu haben. Es genügt, dass ein obskures Blatt irgendwo in der westlichen Welt ankündigt, Karikaturen des Propheten Mohammed zeigen zu wollen. Und schon laufen zwei enorme Maschinen an: Die strenggläubigen Muslimen empören sich, und die Sicherheitskräften rüsten sich.

Das funktioniert sogar - vielleicht sogar besonders gut - wenn kaum jemand die Bilder kennt, die so beleidigend sein sollen. Die Webseite des französischen Satire-Magazins Charlie Hebdo, das am heutigen Mittwoch mit mehreren Mohammed-Karikaturen erscheinen wollte, ist nicht mehr zu erreichen. Über den Grund dieses Ausfalls lässt sich trefflich spekulieren.

Auch den amerikanischen Mohammed-Schmähfilm "Innocence of Muslims" hat ja so gut wie niemand tatsächlich angesehen. Was strenggläubige Muslime von dem retuschierten Billig-Filmchen zu halten haben, verbreitet sich stattdessen höchst wirkungsvoll durch Mund-zu-Mund-Propaganda. Uralte Flüstertechnik in Kombination mit neuen sozialen Medien ergibt eine gefährliche Mischung.

Auch von den Charlie-Hebdo-Karikaturen ist bislang nur eine einzige Zeichnung bekannt, die Titelseite, auf der ein Rabbi einen Muslim im Rollstuhl schiebt. "Man darf sich nicht lustig machen", sagen beide. Harmloser geht es ja wohl nicht, langweiliger auch nicht. Die weiteren Karikaturen im Blatt, die den Propheten Mohammed nackig zeigen sollen, sind nicht verfügbar.

Bitte nicht so ernst nehmen

Allerdings liegen sie schon seit Dienstag auf dem Schreibtisch des französischen Innenministers Manuel Valls, der sogleich die Polizei anwies, die Sicherheitsvorkehrungen rings um das Redaktionsgebäude zu verstärken. Radikale Islamisten hatten die Redaktionsräume von Charlie Hebdo bereits Ende 2011 verwüstet, nachdem die Zeitschrift zum ersten Mal Mohammed-Karikaturen gedruckt hatte.

Warum tut sie das nun erneut? Um einen Stab für die Meinungsfreiheit zu brechen, wie der Direktor des Magazins, Charb, erklärte? Oder aus Geschäftssinn, um die verkaufte Auflage zu steigern, um Aufmerksamkeit zu erregen? Ein Satiremagazin lebt schließlich von der Lust an der Provokation. Solche Karikaturen kann man missbilligen, verbieten kann man sie nicht. Zu einem Problem jenseits der Geschmacksfrage werden sie erst, weil es Leute gibt, die diese Bilder so fürchterlich ernst nehmen.

Und so gibt es nur ein wirkliches Gegenmittel gegen die Provokation. Nicht das Verbot, nicht der Polizeiaufmarsch. Gelassenheit hilft, sonst nichts. Auch wenn unsere Welt davon noch sehr weit entfernt ist.