Herr Benn, Europa erlebt in diesen Tagen eine Bedrohung durch Terroristen, die für Sie in Israel zum Alltag gehört. Wie ist es, mit solch einer Gefahr aufzuwachsen?

Ich erinnere mich daran, dass mir schon als Grundschulkind immer wieder Bilder von gefährlichen Sprengsätzen in der Schule gezeigt wurden. Und stets wurde uns gesagt: Wenn ihr eine Tasche irgendwo stehen seht und ihr wisst nicht, wem sie gehört: Ruft die Polizei! Auf den Schulhöfen gab es damals mit Metall ausgekleidete Gruben, in die wir alles werfen sollten, was wir verdächtig fanden. Wenn etwas von diesen Sachen explodieren würde, dann würde es dort keinen Schaden anrichten. So war unser Schulhof, unsere Schulzeit. Wir lebten in einer Atmosphäre der Angst, wir waren immer in Alarmbereitschaft.

Gewöhnt man sich irgendwann daran?

Ja sicher, eine der Sachen, die mich immer wieder überrascht: Wenn ich auf Reisen bin, in den USA oder Europa, und durch eine Shopping Mall laufe, dann sehe ich keine Wachen und denke: Wo sind die denn? Wenn Sie in Israel in ein Einkaufscenter gehen, dann müssen Sie erst einmal durch den Metalldetektor. Es ist seltsam für mich, wenn ich einfach in eine Mall hineinspazieren kann. Interessant, dass man so leben kann.

Und wenn Sie in Israel sind, bekommt man das Gefühl der ständigen Bedrohung auch für einen Moment aus dem Kopf?

Ja, doch. Es ist eher so, dass man die Sache die meiste Zeit verdrängt, nur als einen Schatten wahrnimmt.

Wie lehren Sie Ihre Kinder, mit dem Gefühl der Bedrohung umzugehen?

Meine ältere Tochter hat als Kind den Golf-Krieg und die Angriffe auf Israel miterlebt, es ist ja nicht immer nur der Terror, der uns bedroht, es sind auch die Kriege. Wir mussten damals Gasmasken tragen, meine Tochter hat das verängstigt. Aber für jedes Kind und jeden Menschen hier ist es klar, dass die Gefahr immer gegenwärtig ist. Das ist ein Teil unseres Lebens geworden, das müssen Sie niemandem erklären.

Wie haben Sie gelernt, mit dem Terror zu leben?

Gelernt habe ich es nicht, ich habe einfach nie etwas anderes erlebt.

Welchen Ratschlag würden Sie den Europäern geben? Wie kann man mit der Bedrohung umgehen?

Das ist schwer, ich möchte auch niemanden belehren, aber aus meiner Erfahrung kann ich nur sagen, dass man sich irgendwann so verhält wie ein Autofahrer, der sich auch nicht bei jeder Fahrt fragt, wie gefährlich Autofahren ist. Obwohl es viele tödliche Unfälle gibt. Man muss auch lernen, damit zu leben.

Dennoch versucht der israelische Staat alles dafür zu tun, dass der Terror nicht alltäglich ist. Sind die israelischen Sicherheitskräfte nicht viel besser dafür ausgebildet, Anschläge zu verhindern, als die Behörden in Europa?

Da bin ich mir nicht sicher, die Briten und Franzosen haben ebenfalls ihre Erfahrungen mit Terror, also auch ihre Sicherheitskräfte. Vielleicht sind unsere Einheiten aber häufiger in Alarmbereitschaft.

Wie verändert diese ständige Alarmbereitschaft eine Gesellschaft?

Ich glaube, dass vor allem etwas anderes die Gesellschaften verändert: In Europa haben die Leute den Nahost-Konflikt immer als eine Geschichte auf einem anderen Planeten betrachtet. Mit dem Terror auch in Paris und London hat sich das verändert.

In Israel gibt es diese Stimmung, dass die Europäer, vor allem die Deutschen, verrückt seien, so viele junge Muslime aufzunehmen.

Das ist tatsächlich mittlerweile Mainstream-Denken hier in den Medien, in der Politik. Aber die Haltung ist nicht neu. Schon Jitzchak Rabin hat die Europäer einst dafür kritisiert, zu viele muslimische Einwanderer aufzunehmen.

Haben Sie persönlich die Anschläge in Paris überrascht?

Konkret ja, aber dass es passiert, das hat mich nicht überrascht. Nach dem 11. September 2001 kann uns eigentlich ohnehin nichts mehr überraschen, denke ich. Und selbst diese Attentate in New York und Washington hatten Vorboten. Ich glaube vielmehr, dass der Terror in Paris uns etwas anderes gezeigt hat: Nämlich, dass die Terroristen aus Europa selbst kamen und kommen, dort leben.

Was bedeutet das?

Zum Beispiel, dass es keine Lösung ist, die Grenzen zu schließen.

Das Gespräch führte Jochen Arntz