Chemnitz - Es ist kalt geworden in Chemnitz. Windböen schütteln das Laub von den Bäumen, Nieselregen macht die Blätter auf den Gehwegen nass und rutschig. Kein Wetter, um draußen einen Kaffee zu trinken oder Mittag zu essen. Dabei stehen im Garten des Restaurants Mangal an der Straße der Nationen noch Tische und Stühle unter ausladenden Schirmen. Aber auch bei Sonnenschein könnte an diesem Tag hier niemand sitzen. Rot-weißes Polizeiabsperrband flattert im Wind und riegelt den Zugang zu dem Lokal ab. Das Restaurant ist ein Tatort.

Vor zehn Tagen, in der Nacht zum 18. Oktober, haben Unbekannte einen Brandanschlag auf das anatolische Restaurant verübt. Es war der vierte Angriff auf ein ausländisches Restaurant in Chemnitz innerhalb weniger Wochen. Ende August wurde am Rande einer Rechten-Demonstration das jüdische Restaurant Schalom mit Steinen beworfen. Anfang Oktober stürmten drei Männer mit Motorradhelmen das persische Restaurant Safran und griffen den Wirt an, der mit Verletzungen ins Krankenhaus kam. Schon ein paar Tage zuvor hatte er Hakenkreuzschmierereien in seinem Restaurant entdeckt.

Auch eine junge Iranerin fühlt sich nicht mehr sicher in Chemnitz. Sie betreibt zusammen mit ihrem Mann ein persisches Restaurant. Vor gut vier Monaten erst, am 15. Juni, haben sie es eröffnet. Es liegt ein wenig versteckt zwischen den Neubaublöcken unweit vom Brühl, der Einkaufspassage von Chemnitz. Es ist ein gepflegtes Restaurant. Die Tische sind bereits eingedeckt, wenn es am Nachmittag öffnet. „Mein Mann war acht Jahre Koch in einem sehr guten Restaurant in Teheran“, erzählt die junge Frau. 2015 seien sie nach Deutschland gekommen, jetzt hätten sie endlich ihr eigenes Restaurant.

Mit leiser Stimme erzählt sie dann von dem Abend Anfang September, als die drei Männer in ihr Restaurant kamen. „Es war schon dunkel“, sagt sie. „Sie kamen herein, gingen zum Tresen und bestellten sich ein Bier. Dann tranken sie es und schauten dabei zu unseren Gästen, die an den Tischen saßen. Sie sagten kein Wort, schauten nur. An ihren Gürteln trugen sie lange Messer. Als sie ausgetrunken hatten, gingen sie wieder hinaus. Die Leute an den Tischen haben mir danach gesagt, dass es Rechte waren aus der Stadt. Nazis.“

Unheimlicher Besuch

Sind die Männer noch mal wiedergekommen? Die Frau schüttelt den Kopf. Aber zwei Wochen später habe jemand die Scheiben des Lokals so zerkratzt, dass sie ausgetauscht werden mussten. „Ob das was mit den drei Männern zu tun hat, ist möglich, aber ich weiß es nicht“, sagt sie. Und nein, ihre Gäste habe dieser unheimliche Besuch nicht eingeschüchtert, sie und ihr Mann hätten eigentlich jeden Tag ganz gut zu tun. „Außer freitags“, sagt sie noch, „wenn sie wieder demonstrieren in der Stadt. Dann kommen nicht viele Gäste.“

Freitags treffen sich in der Chemnitzer Innenstadt die Rechten. Dann sieht man dort kaum noch Migranten. Wer nicht „deutsch“ aussieht, macht an diesem Tag besser einen weiten Bogen um die Innenstadt.

Seit Ende August ist das so, als bei einer nächtlichen Auseinandersetzung zwischen Deutschen und Ausländern ein Chemnitzer erstochen wurde. An den Tagen danach kam es zu Protestdemonstrationen in der Stadt. Zehntausende „besorgte Bürger“ marschierten mit, sie liefen Seite an Seite mit Neonazis, die den Hitlergruß zeigten und rassistische Parolen brüllten. Die Polizei war überfordert, vereinzelt kam es zu Übergriffen, Ausländer rannten vor den Rechten davon. Schwierige Tage waren das in der 240.000-Einwohner-Stadt im Südwesten Sachsens. Die Schockwellen liefen durch die ganze Republik, Politiker zeigten sich entsetzt, „Regiert der Mob?“, fragte fassungslos Die Zeit.

Fast zwei Monate später scheint es ruhiger geworden zu sein auf den Straßen von Chemnitz. Zwar versammeln sich die Rechten noch immer jeden Freitag vor dem „Nischel“, wie das aus DDR-Zeiten stammende Karl-Marx-Denkmal im Volksmund heißt. Dass an dem Sockel des Monuments ein großes Plakat mit der Aufschrift „Chemnitz ist weder grau noch braun“ klebt, stört sie nicht. Im September kamen jede Woche noch drei- bis fünftausend Menschen zur Demo, jetzt sind es schon deutlich weniger, die einmal pro Woche hinter dem Transparent mit der Aufschrift „Wir sind das Volk“ herlaufen, den Rednern zuhören und Parolen rufen.

Nur der harte Kern, so scheint es, ist übriggeblieben, aber gerade das beunruhigt die Behörden. Weitere fremdenfeindliche Gewaltakte seien in der Stadt zu befürchten, warnte dieser Tage der sächsische Verfassungsschutz unter Verweis auf die Attacken gegen ausländische Restaurants. Die rechtsextremistische Szene habe sich noch weiter vernetzt, was Täter ermutigen könnte, mit Gewaltstraftaten „gegen Menschen mit Migrationshintergrund oder solche, die sie dafür halten, vorzugehen, sagte ein Sprecher.

Wie konnte das passieren?

An der Autobahn preisen große Werbetafeln Chemnitz als „Stadt der Moderne“ an. Im Jahr 2025 will man europäische Kulturhauptstadt werden. Es gibt eine Technische Universität, die auch im Ausland einen ausgezeichneten Ruf besitzt, die großartigen Kunstsammlungen der Stadt ziehen Besucher aus der ganzen Welt an. Noch bis vor kurzem spekulierte Chemnitz darauf, nach Dresden und Leipzig die kommende Boomtown in Sachsen zu werden. Nun steht der Name der Stadt als weiteres Synonym für Dunkeldeutschland. Wie konnte das passieren?

„Ja, nun staunen alle und rufen ‚Oh Gott, oh Gott‘“, spottet Lars Faßmann. „Dabei bricht jetzt nur hervor, was man jahrelang übertüncht hat und niemand auf Landes- und kommunaler Ebene wahrhaben wollte: Eine immer gewalttätigere rechte Szene und eine Politik, die den alltäglichen Erfordernissen nicht gerecht wird und die Bürger von den Parteien entfremdet.“ Faßmann, 41, ein blonder Lockenkopf, sitzt hinter seinem Laptop auf einem Sofa im Klub Lokomov, einem linken Kulturzentrum im Stadtteil Sonnenberg. Die Gegend ist das, was man einen „sozialen Brennpunkt“ nennt. Verfallende Altbauten und leerstehende Läden, Arbeitslose und Geringverdiener, Migranten, Rechte und Linke. Die Polizei fährt hier häufiger Streife als anderswo, und doch knallt es immer mal wieder.

Auch am Lokomov, das in den letzten Jahren immer mal wieder mit Steinen und Böllern „entglast“ wurde. Das Haus gehört Faßmann wie auch zwei Dutzend weitere Altbauten in der Stadt. Der Unternehmer, der eine weltweit erfolgreiche IT-Firma betreibt, hat in den vergangenen Jahren leerstehende Wohngebäude erworben und einige davon an Studenten vermietet. Die jungen Leute sollten die Wohnungen nach ihren Vorstellungen umbauen und sanieren, dafür brauchen sie keine Miete zu zahlen.

Erst kürzlich hat Faßmann eine ehemalige Fabrikhalle in der Nähe des Bahnhofs erworben, die sich eignen würde für Künstler und Kulturprojekte. Eine Investition in die Zukunft der Stadt, so nennt er das. Denn wenn Chemnitz einmal Boomtown wird, dann werden auch wieder die Wohnhäuser gebraucht, die jetzt noch leer stehen. Aber ist der Traum nicht ausgeträumt nach all den Negativschlagzeilen über die Stadt?

„Im Gegenteil“, sagt Lars Faßmann. „Aus Marketingsicht könnte man das jetzt sehr gut nutzen. Plötzlich kennt jeder Chemnitz. Da muss man anknüpfen und versuchen, das ins Positive zu drehen.“ Jetzt sollte die Stadt Geld lockermachen und weiteres bei Stiftungen einsammeln, um es in zivilgesellschaftliche und kulturelle Projekte zu stecken. Mit einer ordentlichen Kommunikation nach außen ließe sich auf diese Weise das Image korrigieren.

Faßmanns Elan und Begeisterung wirken ansteckend. Erst einmal – bis er selbst enttäuscht abwinkt und sagt: „Mit dieser Stadtverwaltung funktioniert das jedoch nicht. Die schrecken engagierte Bürger mit ihrer Bürokratie eher ab, die sich dann enttäuscht zurückziehen.“ Er selbst sei oft genug mit seinen Ideen und Vorschlägen im Stadtrat, wo er der gemeinsamen Fraktion von Piraten und Volkssolidarität angehört, abgeblitzt. Ob Themen wie Digitalisierung, Kulturprojekte, Stadtplanung – „wenn du diesem Rathaus mit neuen und kreativen Ideen kommst, dann erntest du nur verständnislose Reaktionen“, sagt er.

Dieses Festhalten an alten Handlungsmustern stoße die Bürger inzwischen ebenso ab wie das konsequente Ausblenden der erlebten Realität, davon ist Lars Faßmann überzeugt. „Zum Beispiel die Kriminalität: Wir haben ein Drogenproblem, Chemnitz ist die Stadt mit dem höchsten Verbrauch an Crystal Meth. Darüber redet hier niemand. Und natürlich haben wir mit der Zunahme der Flüchtlingszahlen auch mehr Kriminalität in der Innenstadt, was jeder in Chemnitz mitbekommt. Aber der Polizeipräsident stellt sich hin und sagt: Die Kriminalität geht zurück.“

Die Folgen? Die Menschen hätten jegliches Vertrauen in die Politik verloren und liefen denen hinterher, die einfache Erklärungen anböten, aber keine Lösungen, sagt Faßmann. „Immer mehr Menschen da draußen, auch gebildete, sind inzwischen überzeugt, dass die Flüchtlinge nach Deutschland kommen, um uns zu töten und das Land zu übernehmen. Verrückt ist das.“

„So offen aufgetreten wie heute sind die Rechten zuvor nie“

Auch Katharina Weyandt ist ernüchtert. „Es hatte sich so viel entwickelt in den letzten Jahren“, sagt sie. Chemnitz sei bunter geworden, lebendiger, jünger. Natürlich habe es immer auch die rechten Parteien gegeben, das populistische Bündnis Pro Chemnitz, die NPD, die AfD. „Aber so offen aufgetreten wie heute sind die Rechten zuvor nie.“

Ein Haus an der Frankenberger Straße, eine der großen Ausfallstraßen der Stadt. Hier hat der Verein Chemnitzer Brücke seinen Sitz, in dem sich christliche Bürger zusammengetan haben, um Flüchtlingen beim Deutschlernen zu helfen und sie bei Behördengängen zu beraten. Als wir uns treffen, übt Katharina Weyandt, 58, gerade mit Bereket Habet aus Eritrea das Lesen deutscher Texte. „Entschuldigung. Ist der Platz noch frei? Ja klar. Ich habe Sie noch nicht gesehen. Sind Sie neu in der Firma?“ Der junge Mann aus Afrika liest, mühsam noch, einen Dialog aus dem Buch vor. Geduldig verbessert Katharina Weyandt, kurze, blonde Haare, eine Kette mit Kreuz um den Hals, ihren Schüler. „Ach, ich hasse diese Dialoge. So wirklichkeitsfremd“, sagt sie.

Vor neun Jahren ist die ehemalige Journalistin aus dem Westen nach Chemnitz gekommen. Gespannt sei sie gewesen auf die Stadt und darauf, hier etwas Neues anpacken zu können. Den Verein mit seinen inzwischen 20 Mitgliedern habe sie mit anderen Christen vor fünf Jahren gegründet, heute steht sie dem dreiköpfigen Vorstand vor. Die Arbeit mache ihr Spaß, sagt Katharina Weyandt, sie habe schon so viele Menschen aus der ganzen Welt kennengelernt. Und nein, angefeindet würden sie und ihr Verein nicht in der Stadt.

Aber dennoch sei es anders geworden seit dem „Ereignis“, wie sie den Tod des jungen Deutschen Ende August nennt. „Viele Menschen zeigen ihre Fremdenfeindlichkeit jetzt viel offener“, sagt sie. „Die Leute trauen sich, Dinge zu sagen, die sie früher vielleicht schon gedacht, aber vor Scham nicht auszusprechen wagten. Diese Scham gibt es nicht mehr.“ Im Bus etwa habe sie erlebt, wie eine Iranerin mit ihrem Mann telefonierte. Ein älterer Mann habe sie dann angestoßen und ihr barsch gesagt, sie solle deutsch reden in einem deutschen Bus. „Das muss man sich mal vorstellen“, sagt Katharina Weyandt. Ähnliche Erlebnisse hätten ihr auch Flüchtlinge erzählt, die sie in ihrem Verein getroffen habe. „Da ist etwas aufgebrochen, was nicht gut ist für unsere Stadt.“

Das Spinnennetz in der Scheibe

Schräg gegenüber vom „Nischel“ holt Mohamad Alkhaldy in seiner kleinen Bäckerei ein Briefkuvert hervor. „Die Versicherung hat mir geschrieben“, sagt er. „1.300 Euro soll das Ding kosten, und die Hälfte davon muss ich selbst zahlen.“

Das „Ding“ ist ein kleines Loch in der Scheibe seiner Bäckerei, das er vor anderthalb Wochen entdeckte, als er früh zur Arbeit kam. Wie ein kleines Spinnennetz ziehen sich Sprünge durch das Glas. „War das ein Stein? Hat einer auf die Scheibe geschossen, vielleicht mit einer Gasdruckpistole? Ich weiß es nicht“, sagt der 50-jährige Syrer. „Ich weiß nur, dass es mich Geld kosten wird.“

Sein Geschäft heißt Ebla, benannt nach einer antiken Stadt im Norden Syriens. Es liegt in einer kleinen Ladenzeile, in der Iraker, Syrer und Vietnamesen ihre Läden haben. „Eine gute Gegend ist das hier für ein Geschäft“, sagt er. Alkhaldy verkauft orientalische Leckereien, klebrig-süßes Backwerk, das nicht nur Arabern schmeckt. „Viele Deutsche sind früher hergekommen und haben gekauft“, sagt er. „Es sind weniger geworden in den letzten Wochen, aber das liegt vielleicht auch daran, dass der Sommer vorbei ist.“ Freitags aber, wenn die Rechten auf der Straße vor seinem Geschäft aufmarschieren, komme kaum jemand in seinen Laden. Erst recht keine Ausländer. „Die lassen sich hier freitags nicht blicken“, sagt er.

Alkhaldy stammt aus Damaskus, mit seiner Familie ist er vor ein paar Jahren nach Deutschland gekommen. „Ich habe sechs Kinder“, sagt er stolz. Einer seiner Söhne ist gerade aus der Schule gekommen und trinkt einen Tee im Laden. Er übersetzt ein wenig, sein Vater kann längst nicht so gut Deutsch wie er. „Wir haben keine Angst“, sagt der Sohn, und sein Vater nickt. „Aber man wird schon aufmerksamer, schaut genauer hin, wer in den Laden kommt und wer draußen vorbeiläuft.“

Ein anderer Syrer, der im Laden steht und seinen Tee trinkt, mischt sich ein ins Gespräch. „Das war eine kriminelle Tat, was da im August passiert ist“, sagt er und meint den erstochenen Deutschen. „Keiner von uns Ausländern weiß, was der Hintergrund ist. So etwas passiert überall auf der Welt. Aber hier sind jetzt plötzlich wir alle schuld.“ Der Mann will nur seinen Vornamen nennen. Abdulladif heiße er, er sei Arzt und vor drei Jahren mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern aus Aleppo hierhergekommen. Im Januar stehe seine Prüfung an. Wenn er bestehe, könne er in einer Praxis für Arbeitsmedizin anfangen. „Dann habe ich endlich Arbeit“, sagt er.

Warum ist er nach Deutschland gekommen? „Wir wollten hierher, weil es in diesem Land Gesetze gibt und klare Regeln, an die wir uns halten können, weil es die besten der Welt sind“, sagt er. „Wenn aber meine Familie jetzt trotzdem keinen Schutz findet, war meine Entscheidung, hierherzukommen, vielleicht falsch.“

Auch Ruth Röcher, die der Jüdischen Gemeinde in Chemnitz vorsteht, ist nicht in Deutschland geboren. Allerdings kam sie schon vor 40 Jahren aus Israel in die Bundesrepublik, gegen den Widerstand ihrer Familie, wie sie sagt. „Meine aus Prag stammende Mutter hatte Auschwitz überlebt, mein Vater konnte gerade noch so mit einem Kindertransport 1939 aus Österreich nach London entkommen“, erzählt sie. „Der Großteil meiner Familie aber ist von den Nazis ermordet worden. Da ist es natürlich klar, dass die Eltern es nicht verstehen, wenn man in das Land der Täter fährt.“

Ruth Röcher, 1954 geboren, ging zunächst nach Nordrhein-Westfalen, studierte dort Geschichte, promovierte und arbeitete an einer Universität. 1994 kam sie nach Chemnitz. „Wenn ich schon in Deutschland lebe, dachte ich, dann will ich hier auch jüdisches Leben mitgestalten.“

Gereizt habe sie vor allem, die Gemeinden im Osten mitaufzubauen und mitzuwirken an der Erziehung der jungen Leute. Seit vielen Jahren nun schon unterrichtet sie in Leipzig, Dresden und Chemnitz jüdische Religion.

Fast alle der rund 600 Gemeindemitglieder in Chemnitz sind zugewanderte Juden aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Man höre deutlich ihren russischen Akzent, was bei den Chemnitzern – so habe sie es noch vor einigen Jahren gehört – stärkere Ressentiments hervorruft als der Umstand, dass sie Juden seien.

„Wir haben jedenfalls nicht das Gefühl, als Juden in dieser Stadt nicht willkommen zu sein“, sagte Ruth Röcher. „Wir erleben keinen Antisemitismus.“ Aber waren da nicht Ende August Steinwürfe auf das jüdische Restaurant Schalom in der Stadt? Das stimme, räumt sie ein, und das sei ebenso zu verurteilen wie die anderen Anschläge der vergangenen Wochen auf ausländische Restaurants. Und dennoch: „Seit 2006, als jemand einen Stein an die Glasfront unserer Synagoge geworfen hat, gab es keine antisemitischen Vorfälle in der Stadt“, sagt sie. „Gott sei Dank lassen sie uns in Ruhe.“

Andere fühlen sich ermutigt

Was auch daran liegen könnte, dass die Juden vorsichtig sind. „Vor allem die jungen Männer tragen ihre Kippa nicht offen“, erzählt Röcher. „Sie haben Basecaps auf, die sie in der Synagoge erst absetzen. Und darunter ist die Kippa.“ Auch der letzte Rabbiner, ein orthodoxer Jude, habe draußen, auf der Straße, stets eine Basecap getragen. Dennoch bleibt sie dabei: „Wir Juden verstecken uns nicht in Chemnitz.“

Je länger das Gespräch dauert, desto nachdenklicher wird Ruth Röcher. Natürlich erschreckten sie der Hass und die aggressiven Reden der Rechten, sagt sie. „Ich kriege doch auch mit, was die AfD, Pegida und die Rechtspopulisten von ,Pro Chemnitz‘ sagen. Sie brechen bewusst Tabus, indem sie Sätze sagen, die noch vor ein paar Jahren bestenfalls hinter vorgehaltener Hand gefallen wären. Und andere fühlen sich dadurch ermutigt, es ihnen gleichzutun.“

Dann erzählt sie von einem Besuch in Nürnberg vor zwei Wochen. Mit Bekannten hätten sie und ihr Mann das sogenannte Reichsparteitaggelände besichtigt, einst Aufmarschplatz der Nazis. „Wir kamen mit einem älteren Ehepaar aus Nürnberg dort ins Gespräch, die nicht wussten, dass wir Juden sind. Und die sagten, das Gelände wäre ein idealer Platz für ein Seniorenheim. Aber – so sagte es der Mann: Die Juden wollen das nicht. Die Juden sitzen überall und entscheiden alles.“

Es ist still geworden im Büro. Wir schweigen. „So wie die AfD, die im Bundestag sitzt, und all die rechten Populisten auch hier in Chemnitz mit der NS-Geschichte umgehen und mit den Fremden in diesem Land, da stellen wir Juden uns schon die Frage: Wann sind wir dran?“, sagt Ruth Röcher schließlich leise. „Ich hätte nie gedacht, dass ich mich doch einmal mit diesem Thema befassen muss: Wann ist der richtige Zeitpunkt für mich, den Koffer zu packen?“