New York City - Der Rummel um seine Person hatte Chesley Burnett „Sully“ Sullenberger nie so richtig behagt, einmal beschrieb der „Held vom Hudson River“ den Medien-Tsunami, der vor zehn Jahren über ihn hereingebrochen war, als noch traumatischer, denn jene sensationelle Notlandung, die er am 15. Januar 2009 in New York mit einem Airbus 320 hingelegt hatte. Der stoische Retter von 155 Seelen ist vom Naturell her keiner, der das Rampenlicht liebt.

Doch im vergangenen Herbst suchte der 67-Jährige von sich aus die Öffentlichkeit und meldete sich aus der Geborgenheit seines Ruhestandes zurück. Er sehe es als seine Pflicht an, seine Stimme zu erheben, schrieb er in einem viel beachteten Aufsatz in der Washington Post. In der derzeitigen Lage des Landes müsse er seine universelle Beliebtheit einsetzen, um seine tiefsten Überzeugungen zu verteidigen.

Kurz vor der Zwischenwahl in den USA konnte es sich der Nationalheld Sully einfach nicht verkneifen, seiner Sorge um die Nation Ausdruck zu verleihen. Ohne Namen zu nennen, beklagte er den Verfall der politischen Kultur und die Korruptheit der Führung in Washington. „Die Leute in Machtpositionen handeln heute gegen die Interessen der USA, unserer Verbündeten und der Demokratie und sie gefährden die Bewohnbarkeit unseres Planeten. Dies ist nicht das Amerika, das ich kenne und liebe.“

Chesley Sullenberger, aufgewachsen in Texas

Sullys Wort hatte Gewicht und das nicht nur, weil er von Amerikanern quer über das gesamte politische Spektrum verehrt wird. Seine Kritik an den derzeit Mächtigen in Washington vom Präsidenten bis hin zu den Kongressabgeordneten, die sich vor ihm bücken, stach ganz besonders, weil Sully sich als lebenslangen Konservativen bezeichnet. Nichts an dem heldenhaften Flieger des US Airways Flugs 1549 ist auch nur im Ansatz links oder progressiv.

Chesley Sullenberger wuchs als Sohn eines Land-Zahnarztes in Texas auf, sein Vater hatte im Zweiten Weltkrieg gedient. Zu seinen schönsten Kindheitserinnerungen zählt er, wie er seinem Vater dabei geholfen hatte, das Familienheim in der 10.000-Seelen-Gemeinde Denison zu bauen sowie die Familienausflüge nach Dallas, wo man zusammen ins Kino ging und es in einem mexikanischen Restaurant Tacos gab. Sein Vater, so Sully in seiner Autobiografie, habe ihm beigebracht, dass die Familie über allem stehe. Und er habe ihm den Wert von Disziplin und Anstand eingeflößt.

So war es kein Wunder, dass es Chesley Sullenberger nach seiner College-Ausbildung ins Militär drängte. Ausgerechnet im Jahr 1969, als viele seiner Kommilitonen auf die Straße gingen, um gegen den amerikanischen Einsatz in Vietnam zu protestieren, meldete Sullenberger sich freiwillig zur Luftwaffe. Natürlich wollte Sullenberger, der schon mit 16 in Propellermaschinen über das Texas geflogen war, vor allem fliegen. Doch er war auch „voll darauf vorbereitet, mein Leben für das Vaterland“ zu riskieren.
Dazu kam es nie, Sully wurde wegen seines außergewöhnlichen Fliegertalents als Ausbilder eingesetzt. Doch die Frage, wie er sich wohl in der Schlacht bewährt hätte, beschäftigte ihn lange.
Es dauerte 40 Jahre, bis Chesley Sullenberger seinen Tag der Bewährung bekam.

Sanfte Landung auf dem Hudson River

Der 15. Januar 2009 begann für Sullenberger wie ein ganz gewöhnlicher Arbeitstag. Kurz nach 13 Uhr meldete er sich am La Guardia Flughafen im New Yorker Stadtteil Queens zum Dienst um einen Airbus zu übernehmen, den er über Charlotte, North Carolina nach Seattle bringen sollte. Nach 30 Dienstjahren und beinahe 20.000 Flugstunden eine reine Routineangelegenheit. Aber was an diesem Nachmittag des 15. Januar vor zehn Jahren folgt, ist alles andere als Routine: Um 15.24 Uhr bekommen Sullenberger und Co-Pilot Jeff Skiles aus dem Tower die Meldung „Ready for Takeoff“ für ihren Flug UA 1549. Zwei Minuten später schwebt der Airbus an einem glasklaren Wintertag über Manhattan.

Keine 30 Sekunden sind auf der Tonaufzeichnung aus dem Cockpit die dumpfen Einschläge eines Schwarms kanadischer Gänse zu hören. Beide Triebwerke fallen aus. Sullenberger und Co-Pilot Jeff Skiles entschließen sich zur Notlandung auf dem Hudson. Um 15.31 Uhr setzen sie den Airbus A 320 beinahe sanft auf dem eisigen Fluss auf. Aber es gibt kein High Five und keinen Jubel im Cockpit, der Job des Kapitäns ist erst vorbei, wenn alle gerettet sind. Sullenberger kommandiert das Personal, alle 155 Passagiere von Bord zu holen.

Im mediensaturierten Manhattan, dauert es nur Minuten, bis Sully berühmt ist. Schon als das Rettungsschiff anlegt, sind Kamerateams vor Ort, der Bürgermeister und der Gouverneur wollen ihn sprechen.

Am Abend kennt das ganze Land den Namen Sully. In den nächsten Wochen wird er von jedem umgarnt. Er wandelt von Talkshow zu Talkshow. Der noch amtierende Präsident Bush ruft ihn an, der frisch gewählte neue Präsident Obama lädt ihn samt seiner Crew zur Amtseinführung nach Washington ein.

Sully steht für Pflichtgefühl, Integrität, Selbstlosigkeit

Sully ist der richtige Mann zum richtigen Zeitpunkt für Amerika, mehr als einmal hört man damals, dass das „Wunder vom Hudson“ die ersten guten Nachrichten seit langem sind. Das Land steckt noch immer tief in einer Wirtschaftskrise und hat einen langen erbitterten Wahlkampf hinter sich, der die Nation zerrissen hat. Sully hat das alles für einen kurzen Augenblick vergessen lassen und das Land zusammengebracht.

Seitdem steht Sully für alles, was man in Amerika zunehmend vermisst wird. Pflichtgefühl, Integrität, Selbstlosigkeit. Und die Art und Weise, wie er seinen Ruhm einsetzt, zementiert diesen Stellenwert. Immer wieder versucht er, bei allen Ehrungen, von sich selbst abzulenken, und betont, dass die Rettung auf dem Hudson Teamarbeit war. So tritt Sullenberger nur Monate nach seiner Heldentat vor dem Kongress auf, um sich gegen die Unterbezahlung der Fluglinienangestellten auszusprechen. Die Krise der Flugbranche nach dem 11. September 2001, die Dumpingpreis- und Fusionspolitik haben dazu geführt, dass selbst Piloten kaum mehr von ihrem Einkommen leben können. Sully selbst hat bei einer Fluglinien-Pleite zwei Drittel seiner Pension verloren und musste noch vor dem Wunder auf dem Hudson nebenbei eine Beratungsfirma für Flugsicherheit betreiben. Seine Co-Kapitän Jeff Skiles hatte nebenbei eine Baufirma.

Gegen engstirnige Bürokraten

Für das mutige Eintreten wird Sully vom linken Filmemacher Michael Moore mit einem Auftritt in dessen Film „Capitalism – A Love Story“ gewürdigt. Aber auch der Erzkonservative Filmemacher und Trump-Anhänger Clint Eastwood macht sich an Sully ran. In Eastwoods Epos „Sully“ von 2016 verkörpert der Held vom Hudson den hemdsärmeligen, uramerikanischen Mann der Tat, der sich gegen engstirnige Bürokraten durchsetzen muss. So ist Sully seit zehn Jahren ein Held für alle, gleich welcher Gesinnung. 

Sullenberger verkörpert für ganz Amerika eine Sehnsucht nach einer Zeit und einem Ethos, das zunehmend verloren geht – eine Zeit in der höhere Werte und Anstand zählten und wichtiger waren als Ideologie und Selbstsucht. Ganz unberührt von dieser Sehnsucht scheint nicht einmal Trump zu sein. Ganz entgegen seiner Gewohnheit, Kritiker in den Boden zu stampfen, ist er angesichts von Sullys Aufsatz in der Washington Post stumm geblieben. Der Held vom Hudson scheint unantastbar. Selbst für einen wie Trump.