Schutzmaßnahmen an der zentralen Busstation in Wuhan. 
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Peking  In China leben mit dem Coronavirus infizierte Bürger in Quarantäne, aber auch etliche Journalisten und Aktivisten, die über die Covid-19-Pandemie berichten oder Informationen über diese sammeln und archivieren. Die chinesische Polizei meldete jetzt die Inhaftierung von drei dieser Aktivisten. Sie hatten bis vor kurzem bereits zensierte Texte über die Ursprünge der Corona-Epidemie in Wuhan für chinesische Internetnutzer sichern und öffentlich machen können. Sie nutzten dabei eine aufwendige Kodierung und hatten sich so Bewunderung und Respekt erarbeitet.

Terminus2049 hieß die Website von Cai Wei, 27, seiner Freundin Tang, ebenfalls 27, sowie Chen Mei. Nach Informationen der South China Morning Post, einer in Hongkong ansässigen unabhängigen Tageszeitung, ist  Terminus2049 für Internetnutzer auf dem chinesischen Festland  jetzt nicht mehr zugänglich. Die Anti-Zensur-Initiative und ihre Website auf der Open-Source-Plattform GitHub wurden nach dem wichtigsten Planeten im „Foundation“-Zyklus des Science-Fiction-Autors Isaac Asimov (1920-1992) benannt.

Die Aktivisten waren bereits seit dem 19. April von ihren Familien und Freunden vermisst worden. Eine Bestätigung des Hausarrestes durch die Polizei ließ fast eine Woche auf sich warten. Sie befinden sich demnach an einem unbekannten Ort unter Hausarrest. Dort können sie nach dem chinesischen Polizeigesetz bis zu sechs Monate festgehalten werden. Die Vorwürfe gegen sie lauten: „Anstiftung zu Streitigkeiten“ und „Provokation von Ärgernissen“. Das sind Vorwürfe, die die chinesischen Behörden regelmäßig gegen Dissidenten erheben.

Cai Wei und seine Freundin Tang arbeiteten ehrenamtlich für Terminus2049. Die Initiative wurde im Jahr 2018 gegründet, um den zahlreichen 404-Error-Meldungen in China entgegenzutreten, Fehlermeldungen, die verkünden, dass die angefragte Seite auf dem gewünschten Server nicht mehr zu finden ist. Terminus2049 kämpfte also gegen die Zensur. Nun werden die Aktivisten selbst zensiert.

Ihre Website war für die geniale Tarnung von brisanten Texten bekannt geworden. So wurden beispielsweise Texte durch die Verwendung von „Hanyu Pinyin“ geschützt, der phonetischen Umschrift des Chinesischen auf Basis des lateinischen Alphabets, und durch absichtliche orthographische Fehler. Gelegentlich wurden der Morse-Code oder die Blindenschrift Braille verwendet und auch die aus dem Werk „Der Herr der Ringe“ entlehnten Elbensprache.

Terminus2049 war zuletzt im Januar angeeckt, weil die Aktivisten einen Screenshot mit Informationen der Ärztin Ai Fen archiviert hatten. Ai Fen, Leiterin der Notaufnahme des Zentralkrankenhauses in Wuhan, war die erste Ärztin, die auf ein Sars-ähnliches Virus hinwies, das bei ihren Patienten Lungenentzündungen hervorgerufen hatte. Bereits am 30. Dezember 2019 postete sie einen diagnostischen Bericht über einen Patienten mit einer Lungenentzündung.  Sie vermutete schon damals ein gefährliches Coronavirus als Auslöser.

Ihre Information erhielt auch Li Wenliang , der ebenfalls Ende Dezember versuchte, vor dem Ausbruch einer Epidemie zu warnen. Er wurde zur Polizei bestellt, die ihm  die Verbreitung seines Wissens untersagte. Kurz darauf starb Li Wenliang an Covid-19. Die öffentliche Anteilnahme war immens, was die Zensoren noch mehr unter Druck setzte. Die Bilder, die den Arzt Li Wenliang mit Maske aus Stacheldraht zeigten und  die auf der chinesischen Social-Media-Plattform Weibo gepostet wurden, lösten eine Flut an Trauer-Bekundungen aus, die die chinesische Zensur nicht vorausgesehen hatte.

Im März dann stand ein Interview der chinesischen Zeitung People mit der Ärztin Ai Fen  online. Nach wenigen Stunden wurde es von der Zensur kassiert. Das Interview war von dem 34-jährigen Chen Quishi, einem Anwalt und Bürgerjournalisten aus Peking, geführt worden. Er war im Februar mit dem letzten Zug nach Wuhan gereist, bevor die Stadt komplett abgeriegelt wurde. Bald nach dem Interview verschwand  Chen Quishi. Nach Informationen von Human Rights Watch ist unbekannt, wo der Anwalt sich derzeit befindet.

Sein Interview mit Ai Fen war auf Terminus2049 archiviert worden und somit der Öffentlichkeit trotz Zensur zugänglich gewesen. Mit der Inhaftierung des ehrenamtlichen Stabs von Terminus2049 wird nun signalisiert, dass die Zensoren dafür sorgen wollen, was sie für Ordnung halten.