Peking - Nach dem Tötungsvorgang lässt der Schlachter den Esel ausbluten und löst seine Haut ab. Denn darum geht es: Die Haut des Esels kommt in einen Kessel, wo sie zu einer zähen Masse zerkocht wird – eine Zutat zur traditionellen chinesischen Medizin, die Kräftigung und schöne Haut verspricht.

Die Tierschutzorganisation „People for the Ethical Treatment of Animals Asia“ (Peta Asia) hat diese Szenen im Video dokumentiert und nun öffentlich gemacht. „Das Leben eines Esels, der für Ejiao verwendet wird, ist von Schmerzen und enormem Leid erfüllt“, sagt Jason Baker von Peta Asia.

Ganz wild auf „Eijao“

Für die angeblich sanfte Naturmedizin sterben jährlich Millionen von Eseln. Denn chinesische Käufer sind ganz wild auf „Ejiao“, Gelatine aus Eselshaut. Angeblich macht sie nicht nur schön, sondern soll auch gegen Husten, Blutarmut und Schwindel helfen. Während in China mehr und mehr Farmen für die Massenhaltung von Eseln entstehen, wird der Bestand in Afrika geradezu ausgerottet. Weil der Nachschub im Inland nicht reicht, kaufen chinesische Firmen die Tiere auch auf dem Weltmarkt auf.

Mit dem Wohlstand wächst in China auch der Markt für Produkte der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), zu der auch Massagen, Kräutermedizin und Akupunktur gehören, rasant. Er macht ein knappes Viertel der chinesischen Gesundheitsausgaben von rund 600 Milliarden Euro aus. Gerade TCM-Produkte aus seltenen Zutaten erzielen immer höhere Preise.

„Ejiao“ gehört dabei zu den beliebtesten Produkten. Marktführer in der Produktion der braunen Masse ist die Firma „Dong'e Ejiao“. Sie hat ihren Sitz im gleichnamigen Ort Dong'e in der chinesischen Küstenprovinz Shandong, die dem Produkt ursprünglich seinen Namen gegeben hat. Der Chef des Unternehmens, Qin Yufeng, spricht immer wieder von der „3000-jährigen Geschichte des Ejiao“ – die Gelatine sei das Geheimnis der Schönheit kaiserlicher Prinzessinnen gewesen.

Ein riesiger Gewinnbringer

Heute ist die Substanz jedoch für Qin in erster Linie ein riesiger Gewinnbringer. Der Export steigt jährlich um 30 Prozent, und im Inland kann die Firma immer höhere Preise durchsetzen. Die 240-Gramm-Packung kostet derzeit rund 150 Euro. Das Unternehmen hat die Gelatine als Luxusprodukt für die gesundheitsbewusste Frau des 21. Jahrhunderts positioniert, inklusive edler Verpackung und bezahlten Internet-Videos, in denen junge Mädchen davon schwärmen, wie gut das Erzeugnis bei ihnen wirke. In anderen Posts behaupten Anwender, sie hätten unter Anämie gelitten, doch die Zahl ihrer Blutzellen sei rapide angestiegen, nachdem sie „Ejiao“ gegessen hätten.

Das Geschäft läuft blendend, doch Firmenchef Qin hat ein Problem: Die Gier auf „Ejiao“ führt zu einer weltweiten Knappheit an Eselshaut. In Kenia drohe die Ausrottung der Esel, zitiert die Staatszeitung „Global Times“ den Manager eines Esel-Schlachthauses in dem ostafrikanischen Land.

Die Firma Goldox Kenya wurde mit chinesischem Kapital gegründet und beliefert vor allem „Dong'e Ejiao“. Jeden Tag werden allein dort 400 Esel geschlachtet. In nur drei Jahren könnten die Esel des Landes alle verarbeitet sein, sagt der Manager. Weltweit gesehen addieren die Lieferungen nach China sich auf etwa zwei Millionen Eselshäute im Jahr, schätzen Brancheninsider. „Wir können die Nachfrage nicht decken, indem wir nur chinesische Ressourcen beziehen“, sagt auch Qin.

Jährlich 5000 Tonnen „Eijao“

China produziert insgesamt jährlich rund 5000 Tonnen „Ejiao“, wofür pro Jahr rund vier Millionen Esel sterben müssen. Rund die Hälfte der Tiere kommt aus dem Inland. Auf dem chinesischen Festland hat sich die Zahl der Esel dadurch seit den 90er Jahren ungefähr halbiert. China hat inzwischen sogar eine Warenterminbörse für Esel. Die Preise pro Tier haben sich in den vergangenen zehn Jahren vervierfacht.

In China eröffnen immer mehr Eselsfarmen, schließlich lohnt das Geschäft. „Doch die Tiere werden dort unter schrecklichen Bedingungen gehalten“, sagt Tierschützer Baker. „Ejiao“ enthält wie jede Gelatine viel Kollagen und dürfte die dafür übliche positive Wirkung auf Gelenke und Haut haben. Praktisch sämtliche Studien, die „Ejiao“ gezielt von anderer Gelatine – etwa vom Schwein – abgrenzen, stammen von chinesischen TCM-Universitäten. Die Forscher dort haben eine Neigung, die Wirkung ihrer jahrtausendealten Verfahren zu bestätigen, statt sie zu widerlegen. Schließlich handelt es sich um ihre Existenzgrundlage. Was die tatsächliche Wirkung von „Ejiao“ gegen Blutarmut angeht, stehen gute Vergleichsstudien daher noch aus.

Für TCM werden auch andere Tierarten ausgerottet. Dazu gehören Nashorn, Tiger, Meeresschildkröte oder Schuppentiere. In diese exotische Liste könnte sich bald der einfache Esel einreihen.