Sabine Rennefanz.
Foto: Ostkreuz/ Maurice Weiss

BerlinAm Anfang der Pandemie war ich aus der Ferne ein wenig in den Virologen Christian Drosten verliebt. Ich glaube, es ging halb Deutschland so. Alle hingen an dem Podcast vom NDR und ließen sich in die neue Pandemiewelt mitnehmen. Ich lernte mit ihm eine neue Sprache: Reproduktionsrate, Aerosole, PCR-Test. Er konnte selbst die kompliziertesten Sachverhalte so erklären, dass man sie auch ohne Biochemie-Studium verstand.

Drosten hatte eine angenehme Stimme, und er sah aus wie ein Fernsehstar. Alle wollten mit ihm sprechen, die Kanzlerin, der Regierende Bürgermeister Berlins, der „Guardian“. Es gab einen „Spiegel“-Titel und einen „Bild“-Skandal. Man verzieh ihm, dass er mal gegen die Schulschließungen argumentierte und dann, später, im Kanzleramt, vehement dafür. Christian Drosten wurde zum wichtigsten Berater der Regierung, auch wenn er das selbst nicht so formulieren würde.

Ich weiß nicht, wann mir die Heldenverehrung um Christian Drosten zu viel wurde. Vielleicht begann es, als eine Bekannte einen Song mit den „Hallos“ aufnahm, mit denen Drosten im Podcast die NDR-Interviewerin Korinna Hennig begrüßt. Drosten selbst veränderte sich. In seinen Interviews fing er an, mich an die Oma aus dem „Kleinen Angsthasen“  von Elizabeth Shaw zu erinnern. Die Oma warnt vor dem Wasser („Im Wasser kann man ertrinken“), der Dunkelheit („Es gibt Räuber und Gespenster“) und anderen Jungen („Sie werden dir weh tun“). Alles nicht falsch, aber der kleine Angsthase wurde so unglücklich!

Auf die Frage der Wochenzeitung „Die Zeit“, ob wir im Moment zu sehr auf die Entwicklung eines Impfstoffs setzen, sagte Drosten vergangene Woche: „Auch wenn wir sehen würden, dass die Entwicklung eines Impfstoffs nicht gelingt, würde man auf Maßnahmen wie Kontaktbeschränkungen setzen. Das Virus würde andernfalls wieder harte Maßnahmen erzwingen, einfach weil es nicht tragbar ist, in einer Gesellschaft mit unserem Altersprofil die Krankheit durchlaufen zu lassen.“ Ich las das und mir fiel die Oma aus dem Buch ein. Spielt er mit dem Gedanken, die Einschränkungen endlos zu verlängern?

Klar, dass Drosten aus seiner Virologen-Sicht jede einzelne Erkrankung verhindern will, das ist wichtig, aber auf die gesamte Gesellschaft gedacht zu einseitig. Viele Menschen leiden unter den eingeschränkten Kontakten, psychisch, finanziell. Für viele Mütter und Väter ist die Kita oft der letzte Anker. Die größte Sorge? Ein erneuter Lockdown. „Das überstehe ich nicht“, sagen sie. Den Beteuerungen der Politik, dass es dazu nicht mehr kommen soll, trauen sie nicht mehr. Es brechen Gräben auf, zwischen den Jungen, die ihre Freunde treffen wollen, und Alten, die aus Angst lieber zu Hause bleiben, zwischen Eltern, die noch vom Lockdown erschöpft sind, und Kinderlosen, die so viel arbeiten können wie nie.

Ich will gar nicht bestreiten, dass Covid-19 gefährlich ist. Aber ist es so gefährlich, dass der Dauerausnahmezustand gerechtfertigt ist? Ich hörte in der vergangenen Woche auch einen Podcast mit Andres Tegnell, dem Arzt hinter der schwedischen Strategie. Man brauche Maßnahmen, die die Gesellschaft länger durchhalten kann, zur Not über Jahre, das sei sein wichtigster Antrieb mit Corona gewesen. In Deutschland ist das die Frage, die keiner auszusprechen wagt: Wie lange hält eine Gesellschaft solche Einschränkungen durch? Darüber müssen wir reden.