Christian Lindner, Bundesvorsitzender der FDP.
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BerlinDas Redepult braucht er nicht. Am Sonnabendmittag steht Christian Lindner auf der Bühne der großen Konferenzhalle im Estrel-Hotel in Berlin-Neukölln. Hinter ihm die Wand mit dem Logo des FDP-Bundesparteitags, das eine aus Netzwerklinien gezeichnete Frau darstellt, die einen Baum pflanzt. „Mission Aufbruch“ steht daneben, das Motto des Parteitages, gelb auf magentafarbenem Grund.

Davor also steht der Parteichef, ausgestattet mit einem Headset, und hält eine Rede, die mit Spannung erwartet wurde und von der Parteikollegen hinterher sagen werden, sie sei ihm gut gelungen, kämpferisch sei sie gewesen und zugleich versöhnlich. Eine Stunde und elf Minuten lang wirbt Lindner darin für ebenjenen Aufbruch, den die Zeichnung symbolisiert. Wirtschaftswunder, Digitalisierung, Klimawandel – das sind seine Themen, aber alles als Herausforderung und zukunftsorientiert formuliert. Fehlt nur noch der Rollkragenpulli – dann wäre die Steve-Jobs-Hommage komplett.

Lindner spricht frei, wie er es eigentlich immer tut. Wer seinen Redestil kennt, dem muss auffallen, dass es länger dauert als gewöhnlich, bis er warm wird, sein Publikum erreicht. Am Ende werden die Delegierten sich von ihren Sitzen erheben und begeistert und lange applaudieren. Er kann es also noch. Aber es ist härter geworden.

Inhaltlich startet der Parteichef mit Corona. Schon der Präsenzparteitag selbst sollte ja ein Statement sein: Während andere Parteien ein Zusammentreffen ins nächste Jahr verschoben haben oder ihre Parteitage als digitales Format anbieten wollen, sendeten die Liberalen ein Signal: Seht her, es ist Corona und wir treffen uns doch! Oder, wie Lindner es in seiner Rede ausdrückt: „Auch in Zeiten der Pandemie kann es mit Umsicht einen veränderten Alltag geben.“

Auch sonst arbeitet sich der Parteichef an Corona ab – beziehungsweise am allgemeinen Umgang mit der Pandemie. Der Lockdown im Frühjahr sei nötig gewesen, sagt Lindner, aber man habe auch einen hohen Preis gezahlt. Paare seien getrennt worden, Großeltern in Pflegeheimen vereinsamt. Über die Wirtschaft spricht er erst später. Da kritisiert er dann die Regierungskoalition, das autoritäre Auftreten des CSU-Ministerpräsidenten Markus Söder und die Finanzpolitik von SPD-Minister Olaf Scholz.

Ungewöhnlich deutlich wird der FDP-Chef, als es um die Anti-Corona-Proteste geht, bei denen vor wenigen Wochen rechte Demonstranten versuchten, in das Reichstagsgebäude einzudringen.

Die Demonstrationsfreiheit dürfe nicht eingeschränkt werden, sagt Lindner, nicht rhetorisch, nicht rechtlich. „Aber zum Demonstrationsrecht gehört auch die Verantwortung, darauf zu achten: Neben wem demonstriere ich eigentlich hier?“ Da ist er glasklar, wie auch in seiner neuerlichen Absage an ein Bündnis mit der AfD. Lindner hat aus seinen Fehlern der vergangenen Monate gelernt und er hat sich viel vorgenommen für die nächste Bundestagswahl. Da solle die Partei endlich wieder in Regierungsverantwortung kommen.

Ein Wirtschaftswunder als Köder für die Generation Ü-60

Doch der Spagat, der dafür nötig ist, wird nicht leicht werden, den größten Zuspruch hat die FDP derzeit bei den jungen Wählern: Bei der vergangenen Bundestagswahl wurden die Freien Demokraten mit 13 Prozent die drittstärkste Partei bei den unter 30-Jährigen.

Mit dem Plakat erinnerte die FDP an gute alte Zeiten: Die Zeichnung zeigt die Baumpflanzerin der 50-Pfennig-Münze in moderner Form.
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Gleichzeitig verliert die Partei bei ihrer ehemaligen Stammwählerschaft an Boden. Ihnen wirft Lindner in seiner Rede einen Köder in Form eines Versprechens auf ein neues Wirtschaftswunder hin, das in der Post-Corona-Zeit den sozialen Frieden, den Wohlstand sichern soll. Das Manöver zielt auf die über 60-Jährigen, die sich immerhin noch an das erinnern können, was das Parteitagslogo tatsächlich darstellen soll: die Baumpflanzerin, die einst auf dem 50-Pfennigstück zu sehen war. „In etwas aktualisierter Form“, wie Lindner betont.

Die Fehler des Parteichefs

Ob die Taktik funktioniert, ist fraglich. Zumal die ältere FDP-Wählerschaft auch der Generation Gerhart Baums oder Sabine Leutheusser-Schnarrenbergers angehört und damit der Ära jener FDP-Granden, die heute eher für ihren Kampf für die Bürgerrechte als für Wohlstandsversprechen gefeiert werden.

Immerhin: Später werden die Delegierten für einen Antrag stimmen, der fordert, das Wahlalter bei bundesweiten Wahlen auf 16 Jahre herabzusetzen.

Von der jüngeren FDP-Generation kommt beim Parteitag auch die deutlichste Kritik am Kurs der Partei. Mehrere Jungliberale wollen den kämpferischen Optimismus nicht teilen und mahnen, nicht die Themen aus dem Blick zu verlieren, die die Menschen unter 30 bewegen: Freiheit heißt für sie Zukunft, Klimaschutz und ein verlässliches Bildungssystem, das Chancengleichheit garantiert.

Direkte Kritik am Parteichef aber bleibt aus. Die Figur Christian Lindner ist immer noch der Trumpf in den Händen der Liberalen. Der 41-Jährige, inzwischen seit acht Jahren Parteichef, soll die Freien Demokraten auch im nächsten Jahr in die Bundestagswahl führen. Gleichzeitig ist die Konzentration auf den smarten Rhetoriker ein Wagnis: Brilliert Lindner, profitiert die Partei. Macht er Fehler, schadet er ihr – mehr als andere Chefs ihren Parteien schaden könnten.

Dass er nach der Bundestagswahl 2017 die Jamaika-Verhandlungen mit Union und Grünen platzen ließ, nehmen ihm heute noch viele Wähler übel. Dann kam der Fall Thomas Kemmerich, der sich mit Stimmen der AfD zum Ministerpräsidenten von Thüringen wählen ließ. Und mit der Absetzung der Brandenburgerin Linda Teuteberg als Generalsekretärin nach weniger als eineinhalb Jahren befeuerte Lindner das Image der FDP als Partei, die Frauen von der Spitze vertreibe.

Bei der Personalie Teuteberg leistet sich Lindner am Sonnabend noch eine Entgleisung. In seinem Dank an die Parteifreundin bringt er den Satz unter, er habe im vergangenen Jahr rund 300 Mal den Tag mit ihr begonnen. Gemeint ist die tägliche Telefonschalte, doch es bleibt Zeit für Lacher im Publikum, woraufhin sich Lindner mit neckischem Grinsen zu sagen beeilt, es wäre „nicht so, wie ihr denkt“.

Die Anekdote – ob nun orchestriert oder nicht – ist blöde und unangebracht und wäre doch vielleicht untergegangen, wüssten nicht alle um das komplizierte Verhältnis zwischen Lindner und Teuteberg, von dem selbst Insider sagen, so ganz genau wisse man nicht, was da alles schiefgelaufen ist.

Auf Twitter erntet der FDP-Chef jedenfalls einen veritablen Shitstorm und sieht sich genötigt, Sexismus-Vorwürfe abzuwehren.

Linda Teuteberg wiederum sitzt, als Lindner den 300-Tage-Spruch vom Stapel lässt, kerzengerade in der ersten Parteitagsreihe und kämpft mühevoll um ihr Pokerface. Später wird sie in einer kurzen Rede für die Zeit als Generalsekretärin danken, die ihr „eine Ehre und meistens eine Freude“ gewesen sei. Zu Lindner kein Wort.

Am Nachmittag dann wird der rheinland-pfälzische Wirtschaftsministers Volker Wissing mit knapp 83 Prozent Zustimmung zum Generalsekretär gewählt. Er soll helfen, die Partei zum Erfolg zu führen. Das Ziel formuliert der Parteichef am Sonnabend ganz klar: „Wir spielen auf Sieg“, sagt Lindner.