Mit dem feierlichen Prolog eröffnet das Nürnberger Christkind, Benigna Munsi, auf der Empore der Frauenkirche offiziell den Nürnberger Christkindlesmarkt 2019.
Foto: dpa/Daniel Karmann

NürnbergEs ist nicht leicht, ein Gott zu sein – und auch als Christkind ist man nicht immer gefeit vor den Unbilden des Alltags. Denn bei Niesel und knapp über null Grad an diesem Adventswochenende in Nürnberg kriecht die Kälte auch unter das prächtige Gewand, selbst wenn dafür fünf Meter Brokat und acht Meter Goldlamé vernäht wurden. Das Christkind zieht deshalb nicht nur Skiunterwäsche darunter, sondern zusätzlich noch einen dicken Fließpullover. Die Füße steckt es in fellgefütterte Boots. Kopf und Ohren allerdings kann es nur vorwärmen, weshalb es in seinen wenigen Pausen stets eine dicke Wollmütze trägt. Die dienstliche Kopfbedeckung, so will es die Tradition, ist eine goldene Krone.

Immerhin sitzt das gute Stück auf einer blonden Walleperücke, was zumindest die gröbsten Zumutungen des fränkischen Dezemberwetters abhält. Und allein deshalb braucht man die junge Dame eigentlich gar nicht zu fragen, ob man auf den rauschgoldenen Haarschmuck nicht mal hätte verzichten können. „Den Gedanken“, sagt sie, „verstehe ich natürlich.“ Benigna Munsi heißt sie im wirklichen Leben. Und sie hat es nicht zuletzt dank ihrer pechschwarzen Locken, die sie ihrem aus Indien stammenden Vater Kausik Munsi verdankt, zu republikweiter Prominenz gebracht.

Etlichen „dummen Menschen“, wie sie sagt, war die Auserwählte nämlich nicht blond genug und nicht deutsch genug, als sie vor Wochen als neues Nürnberger Christkind vorgestellt wurde. Der AfD Kreisverband München-Land verstieg sich in den sozialen Medien zu der Klage: „Nürnberg hat ein neues Christkind. Eines Tages geht es uns wie den Indianern.“ Ein Funktionär der AfD Münster schwadronierte twitternd gar von einem „Schlag ins Gesicht aller Freunde von Tradition und gewachsener Kultur“.

Kalte Ohren aus Trotz?

Aber nur um der AfD und anderen schlecht erzogenen Leuten zu demonstrieren, dass die Eignung zum Nürnberger Christkind nichts mit der Haarfarbe zu tun hat und auch nicht mit der Hautfarbe – nur deshalb mit einer liebgewonnenen Gewohnheit brechen? Das wäre ja noch schöner. „Da muss man drüberstehen“, sagt Benigna, zieht eine Augenbraue hoch und vermittelt glaubhaft den Eindruck, dass sie das auch ganz gut kann.

Das Christkind, sagt sie, sei „halt einfach eine Figur, und die hat ein bestimmtes Kostüm, das ist wie im Theater“. Und da gehört die Krone genauso dazu wie die Perücke. Im Übrigen habe es vor ihr sowieso nur zwei Kinder in der Rolle gegeben, die wirklich blond waren – und vermutlich genauso froh wie sie über die seit Jahrzehnten bewährte Montur. Sich aus purem Trotz jetzt kalte Ohren holen? So weit kommt es noch.

Auf dem Kinderweihnachtsmarkt

Trotz ist ohnedies etwas, das dem Nürnberger Christkind fremd ist. Der offizielle Auftrag ist ja, Freude zu schenken, und da, sagt Siegfried Zelnhefer, Chef des Presseamts der Stadt Nürnberg und als solcher auch Vorsitzender der Christkind-Jury, „muss ein Mädchen gefestigt sein und darf keine Scheu vor Menschen haben“. Tatsächlich ist das Schmuddelwetter das eine – das andere sind die Menschenmassen, die zum Christkind drängen, wo immer es auftaucht.

An diesem Nachmittag etwa ist es für die Kinderweihnacht angekündigt, einen beschaulichen kleinen Jahrmarkt ein paar Schritte abseits des Christkindlesmarkts. Schon eine halbe Stunde vor seiner terminierten Ankunft postieren sich rund hundert Kinder mit ihren Eltern um das antike Karussell, in dem man kostenlos mitfahren darf, wenn auch das Christkind an Bord ist.

Als es pünktlich um halb drei erscheint und auf einem der Holzpferde Platz nimmt, gibt es kein Halten mehr. „Mehmet, hierher!“, ruft eine Mutter. Doch das Karussell biegt sich bereits bedrohlich unter den Kindermassen, es ist beim besten Willen kein Platz mehr, und die Frau kann den Jungen nur noch für ein schnelles Foto unter Benigna Munsis kleopatraeske Nase heben.

Benigna strahlt dabei. Sie strahlt auch zu den anderen Kindern, die Eltern immer wieder um sie herumrücken und sich selbst dabei allzu gerne mit ins Bild. Sie strahlt sogar, wenn es unter den Erwachsenen ruppig wird. „Ich stand jetzt hier schon die ganze Zeit“, motzt eine Frau, als eine andere ihr Kind an ihr vorbei Richtung Christkind schubst. Und kurz denkt man, Uwe Freese muss gleich eingreifen, der dem Nürnberger Christkind wie jedes Jahr im Advent professionellen Geleitschutz bietet. Aber er sagt: „Das muss sie alleine bewältigen.“ Und zu Benigna: „Um drei müss mer am Hauptmarkt sein.“

Entwaffnender Charme

Das Christkind aber ist hier noch nicht fertig. „Ich bin doch da“, sagt es zu der drängelnden Menge mit einem Lächeln in der Stimme und wie zur Umarmung ausgebreiteten Flügelärmeln. Und dass doch jeder sein Foto bekommt. Später wird Benigna Munsi sagen: „Schlimm ist, wenn Eltern unbedingt ein Foto machen wollen, das Kind aber überhaupt nicht möchte und anfängt zu weinen.“

Aber natürlich strahlt sie auch da. Ein Foto mit dem original Nürnberger Christkind, das weiß sie, ist eine Trophäe und für viele der auch in diesem Jahr wieder zwei Millionen Besucher des Nürnberger Christkindlesmarkt der erstrebte Höhepunkt. „Ihr Strahlen und ihre offene Art“, sagt Siegfried Zelnhefer, hätten den Ausschlag gegeben für die Wahl von Benigna Munsi zum Nürnberger Christkind.

Und selbstverständlich weiß sie auch, dass die tatsächlich im Theater fabrizierte Kostümierung doch ein bisschen mehr ist als das. Das für jedes neu gewählte Christkind in zweifacher Ausfertigung geschneiderte Ornat, die in der Werkstatt des Waffenmeisters Peter Hofmann geschmiedete, 800 Gramm schwere Krone aus vergoldetem Messing, die maßgefertigte Perücke aus blondem Echthaar: Es sind Insignien.

Eine ganz normale Schülerin

Bis zum 12. November war Benigna Munsi eine ganz normale 17-jährige Schülerin, die in ihrer Freizeit in der Nürnberger Kirche St. Bonifaz ministrierte, im Kinder- und Jugendchor sang und ansonsten gerne Oboe und Theater spielte. Als solche ging sie an jenem Tag ins Staatstheater, und nach einer runden Stunde Maske und Kostümanpassung ist sie fast vor sich selbst erschrocken. „Das ist schon krass“, sagt sie. „Ich hatte das Christkind so als Figur im Kopf gehabt. Und dann schaust du in den Spiegel und bist es selbst.“

Ihre Motivation war ja, „zu sehen, was das Christkind auslösen kann“. Und da war es schon mal kein schlechter Anfang, zu sehen, was es bei ihr selber auslöst. Sie war jetzt nicht mehr Benigna, sie war das Christkind, was sich nicht nur daran zeigte, dass bei ihrer anschließenden Präsentation vor der Presse selbst gestandene Journalisten große Augen bekamen, den Block einsteckten und um ein Selfie baten. Auch Auftritt und Haltung veränderten sich sogleich bei ihr – besonders im Sitzen. „Normalerweise sitz ich ein bisschen gebeugt“, sagt sie, „aber das geht im Ornat nicht. Ich habe zwar Ballett gemacht, aber das würden meine Bauchmuskeln nicht halten können. Das heißt, das Ornat gibt einem eine aufrechte Haltung.“

Und dann kam, am 29. November, Punkt 17.30 Uhr, der Moment, als sie, flankiert von zwei leibhaftigen Rauschgoldengeln, auf den Balkon der Frauenkirche trat und den berühmten Prolog sprach: „Ihr Herrn und Frau’n, die Ihr einst Kinder wart, Ihr Kleinen, am Beginn der Lebensfahrt, ein jeder, der sich heute freut und morgen wieder plagt: Hört alle zu, was Euch das Christkind sagt.“

Das Nürnberg, das ihr seid. 

Sieben Verse sind es insgesamt, seit 1948 eröffnet das Christkind damit den Nürnberger Christkindlesmarkt. Gedichtet von Friedrich Bröger, dem Sohn des Arbeiterdichters Karl Bröger und damaligen Chefdramaturgen der städtischen Bühnen, zur Aufrichtung der in Trümmer liegenden Nürnberger Seelen, denen ein blonder Unschuldsengel eine „neue Stadt im Grün“ prophezeite, verbunden mit dem Versprechen: „Und doch bleibt’s alle Zeit: das Nürnberg, das Ihr seid.“

Seitdem lieben und ehren die Nürnberger ihr Christkind. Zumindest in den vier Wochen seines Wirkens sei es „wichtiger als der Oberbürgermeister“, sagt Siegfried Zelnhefer – „was der Oberbürgermeister aber sehr gut verkraften kann“.

Der Christkindlmarkt in Nürnberg, kurz vor seiner Eröffnung 2019.
Foto: Imago/Manfred Segerer

Das Christkind selbst auch – was natürlich umso bemerkenswerter ist angesichts der hässlichen Diskussion um ihre Wahl. Beim Prolog stockte sie zwischen dem sechsten und dem letzten Vers. Und auch ihre Mutter Teresia-Benedicta Kleiner-Munsi, die hinter dem Balkon auf der Empore stand, bangte für einen Moment. Hatte Benigna den Text vergessen?

Musste sie plötzlich an die Vorgeschichte denken, als die so simple wie wahre, all den dummen Menschen und deren Weltbild spottende Zeile anstand: „Die Kinder der Welt und die armen Leut’, die wissen am besten, was Schenken bedeut“? Es sei „schlicht überwältigend“ gewesen, sagt sie, „wenn man da oben steht und merkt: Die Masse da unten ist nur gekommen, um dich zu sehen“.

Kleinkarierte und weltfremde Menschen gab es schon immer

Überwältigend war vor allem, wie Nürnberg, ja das ganze Land, das Christkind gegen die Anfeindungen verteidigte. Eine Welle der Solidarität brandete durchs Netz und schleuderte den rechten Trollen ihre Posts nur so um die Ohren. „Das war innerhalb weniger Stunden. Irgendwann habe ich aufgehört zu zählen, weil es immer mehr wurden, ich glaube, zu dem Zeitpunkt waren es 1700 Kommentare, durch die Bank entsetzt über die AfD-Posts, es war unbeschreiblich“, erzählt Siegfried Zelnhefer. „Candystorm, Lovestorm, Honeystorm, ich habe verschiedene Begriffe neu gelernt.“

Auch der Nürnberger Oberbürgermeister Ulrich Maly, der bayerische Innenminister Joachim Herrmann, der Ministerpräsident Markus Söder, der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick – sie alle schickten Liebesbekundungen und machten deutlich, dass sie Hetze gegen das Christkind niemals zulassen würden. Und auch die Christkinder von früher standen zusammen, blond, brünett oder mit spanisch-portugiesischem Hintergrund und von daher auch nicht dem klassischen Bild des Christkinds entsprechend wie Marisa Egkert-Sanchez, die 2001 zum Nürnberger Christkind gewählt wurde und stellvertretend für alle kundgab: „Kleinkarierte und weltfremde Menschen gab es schon immer, aber dass Menschen sich einfach herausnehmen, wild ihre Meinung zu äußern, ohne darüber nachzudenken, dass es das Gegenüber auch verletzten könnte – diese Geschichte hatten wir früher nicht.“

Das Jubiläums-Christkind

Benigna Munsi ist übrigens das Jubiläums-Christkind. Seit 1969, also seit 50 Jahren, wird das Christkind, das bis dahin aus dem Ensemble der Städtischen Bühnen rekrutiert wurde, von der Nürnberger Stadtbevölkerung gewählt, für jeweils zwei Jahre. Bis zu 40 Mädchen bewerben sich jedes Mal, aus denen 12 geeignete Kandidatinnen ausgesucht und der Öffentlichkeit zur Abstimmung präsentiert werden.

Aus den sechs Bewerberinnen mit den meisten Stimmen kürt eine Jury, der unter anderem das amtierende Christkind angehört, das Mädchen, „von dem wir annehmen, dass sie die Aufgabe am besten meistert, mit möglichst vielen Menschen unterschiedlicher Art, unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlichen sozialen Standes gerne zusammenzukommen“, wie Jury-Präsident Zelnhefer erzählt. Im Fall von Benigna Munsi, einem echten Kind der Stadt, das auch noch vier Sprachen spricht, war man sich schnell einig. „Und unsere Erwartungen haben sich mehr als erfüllt.“

Und wirklich hat sie für jedes Kind, ob Mehmet oder Fritz, ein nettes Wort, nimmt geduldig Wunschzettel entgegen, ehe sie sie in einem unbeobachteten Moment Uwe Freese zusteckt, hat auch auf knifflige Fragen eine charmante Antwort. Wo sie denn wohne? „Zwei Straßen links von der Milchstraße.“ Wie alt sie sei? „Sehr alt.“ Und warum man ihr das Alter nicht ansehe? „Das macht das Fliegen, der Sport.“

Auch Florian Silbereisens „Adventsfest der 100 000 Lichter“ in Suhl, in dem das Nürnberger Christkind seit je als Stargast gebucht wird, lässt sie strahlend über sich ergehen, obwohl sie „halt niemanden da kannte von den Künstlern“, wie sie gesteht: „Schlager sind nicht so meins.“ Nur von Marianne Sägebrecht hätte sie gerne ein Autogramm gehabt, „die hat ,Frau Holle‘ gespielt und in ,Pettersson und Findus‘, eine richtige Legende“ – aber dann hat Benigna die Schauspielerin in Zivil nicht erkannt.

Das Christkind-Mobil

Im Christkind-Mobil, einem weißen Transporter mit aufgeklebten Sternen und Weihnachtsgardine, fährt sie von Termin zu Termin. 160, 170 sind es bis Heiligabend, weshalb sie den Wagen auch als Rückzugsort nutzt. Zum Ruhen, im Bedarfsfall auch zum Reden. Uwe Freese, der sich mit einem Kollegen am Steuer abwechselt und einen weiteren gerade als Christkindbetreuer anlernt, sagt: „Wir sind für die Mädchen in der Zeit die Bezugspersonen. Wir sind in jeder Lebenslage da.“

Denn das Rezitieren eines Weihnachtsgedichts von Theodor Storm auf der Bühne des Chriskindlesmarkt und das anschließende Interview mit dem koreanischen Fernsehen wie an diesem Nachmittag sind noch eher leichtere Übungen.

Benignas „ganze Energie“ ist jedoch gefordert, wenn sie Kinder- und Pflegeheime besucht, Krankenhäuser und Krebsstationen. Zwei Drittel der Termine sind karitativer Natur. Hier findet das Christkind zu sich. Der Evangelische Pressedienst nannte es einmal „eine Reisende in Sachen Nächstenliebe“.

Reisende in Sachen Nächstenliebe

Erst an diesem Morgen erschien Benigna Munsi in einer Seniorenpflegestätte und weckte auch bei weithin umnachtet scheinenden Patienten lange verloren geglaubte Kindheitserinnerungen. „Eine Frau fing an zu weinen vor Freude, ich habe dann ihre Hand genommen und mit ihr geredet“, erzählt sie.

Eine andere Frau habe eine Trachealkanüle am Hals gehabt und nicht mehr sprechen können, und als ihr Benigna einen Strohstern schenkte, habe sie sich den Stern vor den Hals gehalten und gelächelt. „Das war richtig schön“, sagt sie. „Man kann das auch ganz gut verarbeiten, denn man macht ja was Gutes.“ Das sind die Momente, für die sie Christkind geworden ist. Und sie wollte Christkind werden, „seitdem ich nicht mehr dran glaube“.

Auch Sterbenden streichelt sie die mageren Hände, und deren Kinder empfinden es wie einen letzten Segen. Und wenn das Mädchen danach „umgehauen“ ist, wie sie bekennt, muss Uwe Freese versuchen, sie wieder aufzurichten. Aus langer Erfahrung weiß er aber, wie man damit umgeht. Ob er seine Schulter zum Anlehnen anbieten soll oder ob es besser ist, „dass mer an Schbass macht und se so widder aufheitert“, wie er in fröhlichem Fränkisch sagt. Meistens reicht Letzteres.

Freude und Dankbarkeit

Im Hauptberuf ist Freese Fahrer beim Verkehrsverbund Großraum Nürnberg, seit acht Jahren steht er in den vier Wochen vor Weihnachten dem Christkind zur Seite, und es sind für ihn immer die schönsten vier Wochen des Jahres. Vermutlich ist er der einzige Erwachsene der Welt, der reinen Gewissens behaupten kann, dass er ans Christkind glaubt. Und an das in diesem Jahr ganz besonders. „Die is scho stark“, sagt er.

An Heiligabend werden sich die beiden trennen. Am Nachmittag wird das Christkind traditionell noch bei der Obdachlosenweihnacht auftreten, danach darf es bis zum nächsten Advent wieder Benigna sein. Was sie sich wünscht? „Ich glaube, vor allem Ruhe“, sagt sie.

Mit „der Freude und der Dankbarkeit“, die sie in den vier Wochen erfahren hat, fühlt sie sich beschenkt genug. Nicht einmal einen Baum will sie, das sei schlecht für die Umwelt, und außerdem werde der Hund durchdrehen, wenn er merkt, dass sie wieder sie selbst ist und dauerhaft zu Hause – und ihn bestimmt umschmeißen. Man muss sich Benigna Munsi als glückliches Mädchen vorstellen.