Spencer Stone, Alek Skarlatos und Anthony Sadler, drei Freunde seit Schultagen, waren im Sommer 2015 auf Europareise und nach Stationen in Italien und Deutschland gerade auf dem Weg von Amsterdam nach Paris, als ein schwer bewaffneter Attentäter in ihrem Zug das Feuer eröffnete. Gemeinsam mit anderen Passagieren konnten die drei Amerikaner den Mann überwältigen, letztlich verlor niemand sein Leben.

Mit „15:17 to Paris“ (ab Donnerstag im Kino) bringt Clint Eastwood nun die Erfahrungen der drei Kumpel, die vom damaligen französischen Präsidenten François Hollande den Verdienstorden der Ehrenlegion verliehen bekamen, auf die Leinwand. Als Hauptdarsteller besetzte der Oscar-Gewinner dabei Stone, Skarlatos und Sadler selbst.

Mr. Skarlatos, Mr. Stone, Mr. Sadler, „15:17 to Paris“ ist ein Spielfilm über Sie und die Verhinderung des Anschlages im Thalys-Zug 9364 von Amsterdam nach Paris im August 2015. Waren Sie erstaunt, dass Clint Eastwood Sie gebeten hat, sich selbst zu spielen?

Spencer Stone: Seine Anfrage erschien uns völlig verrückt, schließlich hatten wir nicht die geringste Schauspielerfahrung.

Alek Skarlatos: Wir hatten im Leben nicht damit gerechnet, dass das eine Option sein könnte. Zumal das alles sehr kurzfristig passierte. Drei Wochen vor dem geplanten Drehbeginn bat er uns zu einem Treffen nach Los Angeles und wir dachten, dass wir endlich die Schauspieler kennenlernen, die uns spielen werden. Umso größer war dann der Schock, als er uns die Rollen anbot.

Haben Sie sofort zugesagt?

Skarlatos: Ja, wie aus der Pistole geschossen. Aber kaum waren wir aus der Tür heraus, setzten die Zweifel ein. Clint ging schließlich ein enormes Risiko ein – und das Letzte, was wir wollten, war einen Eastwood-Film ruinieren.

Hat er Ihnen erklärt, warum er Sie im Film haben wollte?

Anthony Sadler: Er hat sich natürlich auch professionelle Schauspieler angesehen. Aber letztlich kam er zu dem Schluss, dass diese Geschichte mit uns in den Hauptrollen eine größere Wirkung entfalten würde. Und er traute uns die Sache zu, weil wir ja mehr oder weniger zwei Jahre am Stück irgendwelche Fernsehkameras vor der Nase hatten und scheinbar ganz gut darin waren, dabei nicht nervös zu werden. Insgesamt ist seine Entscheidung eine, die vermutlich kaum jemand in Hollywood so getroffen hätte.

War es schwierig, die ja sicherlich traumatischen Erlebnisse des 21. August 2015 für den Film noch einmal durchzumachen?

Stone: Die Dreharbeiten waren alles andere als deprimierend, sondern eher ein großes, freudiges Wiedersehen. Denn außer uns spielen ja auch etliche der anderen Zugpassagiere sich selbst. Sogar die Sanitäter, die uns damals als erste im Zug versorgten, waren die gleichen!

Wie sehr verfolgen die Ereignisse Sie?

Stone: Nicht annähernd so sehr, wie Sie vermutlich denken. Wir werden weder von Alpträumen gequält noch leiden wir an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Ich habe eher den Eindruck, dass die vielen Interviews, das Buch, das wir geschrieben haben, und nun der Film eine therapeutische Wirkung hatten.

Sadler: Im Laufe der Jahre entwickelte die Sache ein Eigenleben. Spätestens nach den Dreharbeiten zum Film fühlte es sich kaum noch nach meinen eigenen Erinnerungen an.

Skarlatos: Manchmal hatte man den Eindruck, Clint Eastwood wusste besser, wie damals alles genau abgelaufen ist, als wir. Aber das lag auch daran, dass er verschiedene Perspektiven auf die Abfolge der Ereignisse hatte, wir nur unsere eigene.

Was war es eigentlich, dass Sie damals so todesmutig handeln ließ?

Stone: Puh, das war sicherlich eine Mischung aus vielem, von Instinkt über unseren Glauben bis hin zu allem, was wir an militärischem Wissen gelernt hatten. Im Kern aber war Handeln unsere einzige Option. Wir waren in einem fahrenden Zug mitten im Niemandsland, also gab es kein Entkommen. Der Typ hatte ein Maschinengewehr und wir konnten davon ausgehen, dass wir alle sterben würden. Aber dann witterte ich eine kleine Chance, ein winziges Zeitfenster – und konnte nicht anders, als es zumindest zu versuchen.

Was kann das Publikum durch „15:17 to Paris“ lernen?

Sadler: Wir waren zufällig zu jenem Zeitpunkt an jenem Ort. Drei ganz durchschnittliche Amerikaner. Ich würde mir wünschen, dass die Zuschauer für sich die Erkenntnis daraus gewinnen, dass jeder über sich hinauswachsen kann, wenn es die Situation erfordert.

Ihr Leben ist seit 2015 nicht mehr das gleiche, sondern Sie haben tatsächlich das „Helden-Dasein“ für eine Weile zu Ihrem Lebensmittelpunkt gemacht. Hatten Sie nie das Bedürfnis, wieder in der Normalität abzutauchen?

Skarlatos: Ich hatte von uns Dreien dieses Bedürfnis am stärksten. Und es war auch nie so, dass wir es waren, die darauf drängten, das Buch zu schreiben oder unsere Geschichte ins Kino zu bringen. Aber wann immer so etwas an uns herangetragen wurde, erkannten wir, wie viel Sinn das macht. Schon allein wegen der therapeutischen Wirkung, die Spencer beschrieben hat.

Sadler: Und eben auch aus einem Gefühl der Verantwortung heraus. Normalerweise machen Terroranschläge Schlagzeilen, weil Menschen ihr Leben verlieren. In diesem Fall starb niemand, nicht einmal der Terrorist. Wir fanden, dass diese Geschichte erzählt werden muss, um das Thema Terror auch mal aus einer anderen Richtung zu beleuchten.

Der Täter wurde damals mit dem IS in Verbindung gebracht. Haben Sie keine Bedenken, dass die öffentliche Aufmerksamkeit durch „15:17 to Paris“ Sie zum idealen Ziel für einen Vergeltungsschlag macht?

Skarlatos: Diese Gefahr bestand nach dem verhinderten Anschlag damals sowieso. Natürlich macht man sich ab und zu Gedanken. Aber wirklich Angst habe ich keine.

Stone: Wir sind nicht naiv und wissen natürlich, dass die Gefahr besteht, dass sich vielleicht jemand an uns rächen will. Oder die öffentliche Aufmerksamkeit für sich nutzen will. Aber wir haben sehr schnell gelernt, dass wir davon nicht unser Leben bestimmen lassen wollen. Es gab Menschen, die uns abrieten, je wieder nach Europa zu kommen. Das ist doch aber kein Zustand. Und passieren kann heutzutage sowieso immer und jedem etwas.

Eine letzte Frage noch, weil Sie vorhin den Täter erwähnten, der nach wie vor in Haft sitzt und terroristische Motive bestreitet. Beschäftigt dieser Mann Sie irgendwie?

Skarlatos: Kein bisschen.

Stone: Überhaupt nicht.

Sadler: Alle denken, wir müssten voller Hass sein auf ihn. Dabei empfinde ich einfach gar nichts. Klingt vielleicht komisch, aber tatsächlich verschwende ich nie auch nur einen Gedanken an ihn.