Colin Crouch zu Wahl in Großbritannien: „Das ganze Land ist verwirrt“

Colin Crouch, Jahrgang 1944, ist britischer Politikwissenschaftler und Soziologe. Er ist Professor  an der University of Warwick. Am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln ist Crouch „auswärtiges wissenschaftliches Mitglied“. Bekannt wurde er mit seinem Buch „Postdemokratie“. (Suhrkamp Verlag).


Professor Crouch, warum gab es für die britische Premierministerin May einen so starken Stimmenverlust?

May hat sich ziemlich schlimm im Wahlkampf verhalten. Sie bestand ja darauf, dass sie eine größere Mehrheit benötigen würde, um ihre Pläne für den Brexit durchzubringen; zugleich beharrte sie darauf, dass diese Pläne streng geheimbleiben müssten und nicht während des Wahlkampfs diskutiert werden sollten.

Außerdem wollte sie sich kaum über andere Politikbereiche äußern, wechselte aber während des Wahlkampfs dann doch politische Zielvorgaben. Sie vermied fast alle Fernseh-Diskussionen und -Interviews. Es ging ihr ausschließlich um eine Vertrauensabstimmung.

Hatte sie sich also verkalkuliert, als sie die Neuwahlen ansetzte?

Ja, denn sie hatte kalkuliert, dass die Labour Party unter Jeremy Corbyn nicht wählbar sein würde. Stattdessen hat Corbyn einen ziemlich starken Wahlkampf gemacht. Im Vergleich dazu war ihre Verweigerung, sich Diskussionen zu stellen, ein grober Fehler. Sie hatte kalkuliert, dass sie fast alle Stimmen der rechtsextremen Ukip erhalten würde, wenn sie deren politische Tagesordnung einfach übernimmt. Sie hatte damit sogar teilweise recht. Sie wusste aber nicht, dass ein großer Teil der Ukip-Stimmen an Labour gehen würde. Nach dem Brexit hatten die EU-kritischen Wähler Ukip nicht mehr nötig. Deshalb waren die früheren Stimmen für Ukip an beide großen Parteien zurückgegangen, nicht nur an die Tories.

Corbyn holte auf, obwohl er in seiner eigenen Partei umstritten war. Warum hat er plötzlich Erfolg?

Corbyn liebt Wahlkämpfe, Massendemonstrationen, öffentliche Debatten. Das ist sein Elixier. Man muss sich hier auch daran erinnern, dass die konservativen Zeitungen ihn als ein Ungeheuer, ein Monster, bezeichnet hatten. Während des Wahlkampfes konnten die Wähler Corbyn aber oft im Fernsehen sehen und erlebten einen normalen, freundlichen Menschen.

Die schottischen Nationalisten haben hingegen bei der Wahl am Donnerstag deutlich verloren. Warum eigentlich?

Wahrscheinlich weil sie auf einem neuen Unabhängigkeitsreferendum bestehen. Das letzte Referendum – das die Nationalisten ja verloren haben – war für viele Schotten eine bittere, hasserfüllte Erfahrung. Sie wollten den Nationalisten mit ihrer Wahl nun offenbar eine Botschaft senden.

Wie wird die Regierung nun aussehen? Wird die Bildung schwierig?

Die Premierministerin ist gewiss verwundet und schwach geworden. Sie hat ihre parlamentarische Mehrheit verloren. Für eine Mehrheit kann sie sich aber auf der Democratic Unionist Party (DUP) in Nordirland verlassen – eine Protestanten-Partei, die die größte in Nordirland ist. Zusammen haben sie eine Mehrheit, und die DUP ist eine konservative Partei, die für den Brexit steht. Es gibt aber große Probleme.

Welche?

Die DUP würde auf einem »sanften« Brexit bestehen. Obwohl man das nicht klar weiß, würde Theresa May wohl einen „harten“ Brexit lieber haben. Eine Mehrheit der nordirischen Bevölkerung hatte gegen den Brexit gewählt. Sie wollen nicht, dass die Grenze zwischen der Republik von Irland und Nordirland die Grenze zwischen der EU und dem Rest der Welt wird, denn das könnte die schwache Wirtschaft von Nordirland ruinieren. Diese Regierungsbildung wird in der Tat sehr schwierig werden.