BerlinMehr als 300.000 Schüler und bis zu 30.000 Lehrer befinden sich derzeit nach Angaben des Deutschen Lehrerverbandes in Quarantäne. Die Folge seien immer mehr Schulschließungen, sagte der Präsident des Verbandes, Heinz-Peter Meidinger, der Bild-Zeitung. „Wir erleben an den Schulen jetzt einen Salami-Lockdown.“ Die Politik habe sich zurückgezogen, jetzt entschieden die Gesundheitsämter. In Deutschland gibt es rund 40.000 Schulen mit insgesamt 11 Millionen Schülern und rund 800.000 Lehrern.

Die Corona-Maßnahmen in den Schulen gehen dem Lehrerverband nicht weit genug. Meidinger sagte der Passauer Neuen Presse: „In fast allen Bundesländern wurden die Hygienestufenpläne, die in den Corona-Hotspots wieder auf halbierte Klassen setzten, außer Kraft gesetzt. Schulen sollen auf Biegen und Brechen offen bleiben.“ Er hoffe, dass generelle Schulschließungen vermeidbar seien, sagte Meidinger. „Dazu müssen aber bei exponentiell wachsenden Infektionszahlen die präventiven Vorsichtsmaßnahmen an Schulen hochgefahren werden“, fordert er. Dazu zähle neben der Maskenpflicht auch die vorübergehende Wiedereinführung der Abstandsregel, was halbierte Klassen und Wechselbetrieb bedeuten würde. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) hatte sich zuletzt für eine Maskenpflicht im Unterricht auch in Grundschulen ausgesprochen.

An den allgemeinbildenden Schulen in Berlin gab es am Montag 389 Lerngruppen, die geschlossen waren. Wenn man annimmt, das in jeder Lerngruppe durchschnittlich 25 Schüler sind, käme man rechnerisch auf eine Anzahl von 9725 Schülern, die inzwischen in Quarantäne sein müssten. Hinzu kommen noch Schüler, die in direktem Kontakt mit infizierten Schülern standen, sich aber in anderen Lerngruppen aufhalten. Rechnet man diese noch hinzu, so kann man davon ausgehen, dass etwa 12.000 von rund 330.000 Berliner Schülern derzeit in Quarantäne sind. Die Schulen liefern dem Senat jeden Freitag die Anzahl der geschlossenen Lerngruppen sowie die Anzahl der Schüler und des Personals mit positivem Testergebnis. Die Anzahl derjenigen, die in Quarantäne sind, wird nicht erfasst.

GEW fordert Ende des Regelunterrichts

Der Berliner GEW-Chef Tom Erdmann hatte gefordert, den Regelunterricht an den Schulen zu beenden, die Lerngruppen zu halbieren und zur Kombination aus Unterricht in der Schule und zu Hause zurückzukehren, da sich die Lehrkräfte an ihrem Arbeitsort nicht ausreichend vor möglichen Ansteckungen mit dem Coronavirus geschützt fühlten. Vertreter des Landeselternausschusses und des Verbands der Schulleitungen sahen dafür keinen Anlass. Auch nach Angaben der Bildungsverwaltung gibt es keinen Anlass zur Abkehr vom Regelunterricht.

Die stellvertretende Regierungssprecherin Ulrike Demmer sagte am Mittwoch, Kinder und Jugendliche dürften nicht zu „Verlierern“ der Pandemie werden dürften. Bund und Länder seien „fest entschlossen“, flächendeckende Schließungen von Bildungseinrichtungen zu vermeiden. Auch die Vorsitzende der Kultusministerkonferenz, Stefanie Hubig (SPD), betonte die Bedeutung des Präsenzunterrichts. Beim Lockdown im Frühjahr sei deutlich geworden, welche Nachteile fehlender Präsenzunterricht habe, sagte sie im Südwestrundfunk. Wechselunterricht, also eine Kombination von Präsenz- und Onlineunterricht, sei immer nur „die zweitbeste Wahl“.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat sich unterdessen positiv zu Überlegungen von Ministerpräsident Armin Laschet geäußert, die Weihnachtsferien wegen der Corona-Pandemie in Nordrhein-Westfalen möglicherweise früher starten zu lassen. Demnach würden die dortigen Winterferien schon am 21. statt am 23. Dezember beginnen. Damit wäre der letzte Schultag vor Weihnachten der 18. Dezember – so wie in Berlin und Brandenburg. „Das ist sicherlich ein Teil der Debatte“, sagte Spahn auf RTL.

Vor den neuen Beratungen der Länderchefs und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gibt die Bundesregierung keine Entwarnung. „Wir sehen jetzt eine positive Tendenz, aber ob das jetzt der Wellenbrecher war, wird sich noch zeigen müssen“, sagte Demmer. „Was wir sehen, ist, dass sich die Dynamik deutlich reduziert hat in den letzten Tagen“, so Spahn. Nach zwei oder drei Tagen positiver Entwicklung könne noch nicht von einem Trend gesprochen werden. „Es sind definitiv Anzeichen für eine Veränderung, aber noch keine Trendwende.“ Der CDU-Politiker verwies zudem auf die steigende Zahl der Corona-Patienten auf den Intensivstationen und die steigende Zahl der Todesfälle. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts vom Mittwoch wurden innerhalb von 24 Stunden bundesweit 18.487 neue Corona-Infektionen gemeldet, 3155 Fälle mehr als am Dienstag.