Neues Feld-Lazarett in Rio de Janeiro.
Foto: AFP/Carl de Souza

Rio de Janeiro„Das Schlimmste“, sagt Fleury Johnson, „ist, dass wir den Menschen nicht so helfen können, wie es eigentlich notwendig ist.“ Der 28 Jahre alte Arzt arbeitet in der UPA Mesquita, einer medizinischen Erstaufnahme in Rio de Janeiro. Die Station liegt in der Baixada Fluminense, dem breiten Gürtel von Armenvierteln, der die riesige Stadt umgibt. Dorthin verirren sich keine Touristen und keine Ausländer. Dort ist – wie sie in Rio sagen – das wirkliche Brasilien zu Hause. Dort ist alles anders als in den reichen Vierteln Ipanema oder Copacabana, in denen auch die Krankenhäuser besser sind.

An der Betonwand der UPA entlang führt ein blaues Geländer zum einzigen Eingang für alle Patienten. „24 Stunden Betreuung“ steht auf der Mauer. Fleury Johnson wird in diesen Tagen mit der größten Herausforderung seines Lebens konfrontiert: Das Coronavirus ist in seiner Heimat angekommen. Und muss bezwungen werden.

„Es gibt bei uns viele Patienten, die mutmaßlich an Covid-19 erkrankt sind“, sagt Johnson. Was kaum zu schaffen sei: Es gebe viel zu wenige Beatmungsgeräte für viel zu viele Patienten, die sie eigentlich benötigten. Und es gebe vor allem viel zu wenige Intensivbetten, denn eigentlich ist die Station, auf der er arbeitet, nur eine erste Anlaufstelle für Patienten. Doch wohin mit den vielen Kranken? „Die Patienten bleiben einfach. Und es gelingt nicht, einen freien Platz in den Krankenhäusern zu finden. Wir haben nicht genug Unterstützung.“

Die Zustände in der UPA sind besorgniserregend. Hier kann nicht getrennt werden zwischen Patienten mit grippeähnlichen Symptomen und Patienten, die wegen anderer Erkrankungen kommen. Viele, die hier Hilfe bekommen wollen, tragen nicht einmal einen Mund-Nasen-Schutz. So kann sich das Virus weiter ausbreiten.

Was das medizinische Personal in der UPA Mesquita erlebt, ist in ganz Brasilien inzwischen Alltag: Gesundheitsstationen und Krankenhäuser sind mit der Betreuung der Corona-Patienten überfordert und kollabieren. Die Gründe dafür sind hausgemacht. „Es gibt in diesem Land eine Politik, die das öffentliche Gesundheitswesen abbauen will. Es gibt ein Interesse daran, das System zu privatisieren“, sagt die Ärztin Cristina Brito, 42. „Was fehlt ist, dass die Menschen und ihre Behandlung im Zentrum der Politik stehen.“

Die Ärztin Cristina Brito kritisiert die Gesundheitspolitik.

Foto: Cristina Brito

Marode und von Korruption durchsetzt war das brasilianische Gesundheitssystem schon, bevor Jair Bolsonaro Präsident wurde und bevor die Corona-Pandemie Einzug hielt.

Im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft im Jahr 2014 gingen im ganzen Land mehrere Hunderttausend Menschen auf die Straßen, um für Investitionen in das Bildungs- und Gesundheitswesen statt in die Stadien für die Fifa zu demonstrieren. Doch da waren die Weichen schon gestellt.

Und es kam schlimmer: Brasilien war mit der Ausrichtung der Weltmeisterschaft und der Olympischen Spiele überfordert. Der erhoffte Aufschwung blieb aus. Die Korruption griff um sich, Kassen wurden geplündert. Und die Wut auf die politische Klasse wurde immer größer. Was letztendlich dazu führte, dass der Rechtspopulist Bolsonaro gewählt wurde. Und auch er setzte im Gesundheitswesen wieder den Rotstift an.

Inzwischen hat Brasilien offiziell mehr als 240 000 registrierte Corona-Infektionen, fast 16 000 Menschen sind gestorben. Das sind im Verhältnis zur Bevölkerungszahl von fast 210 Millionen Menschen vergleichsweise überschaubare Zahlen – noch. Denn in den vergangenen Tagen sind die Zahlen rasant angestiegen. Niemand weiß, ob Brasilien auf eine Katastrophe zusteuert oder ob vielleicht die Spitze der Kurve schon erreicht ist. Und vor allem weiß niemand, wie viele Menschen in den Armenvierteln tatsächlich an Covid-19 gestorben und nicht in der Statistik erfasst sind.

Dramatisch ist auch die Lage in der Amazonas-Region. Allein rund um Manaus ist die Zahl der Toten auf mehr als 2 000 gestiegen. Und das Misstrauen gegenüber den offiziellen Statistiken ist groß. „Die Zahlen, die wir als indigene Bewegung bislang kennen, sind weitaus höher als die, die die offizielle Behörde SESAI bekanntgibt“, sagt Sonia Guajajara im Video-Gespräch.

Guajajara ist Koordinatorin der Vereinigung der indigenen Bevölkerung Brasiliens und gehört zu den prominentesten Aktivistinnen für die Rechte der Ureinwohner. Die indigene Bevölkerung sei dem Virus schutzlos ausgeliefert, die Schwierigkeiten, sie zu schützen, seien immens.

Die zuständige Behörde SESAI müsse endlich Maßnahmen ergreifen, um das Leben der Ureinwohner zu schützen. „Wir brauchen Gesundheitszentren, in denen die Menschen behandelt werden“, fordert Guajajara. „Und es müssen außerdem Krankenhäuser gebaut werden, um eine Grundversorgung der indigenen Völker zu ermöglichen. Besonders in der Amazonas-Region, wo das Gesundheitssystem bereits zusammengebrochen ist.“

Ganz nebenbei führen Brasiliens Indigene noch einen weiteren Kampf, der fast in Vergessenheit geraten ist. „Wir dürfen in dieser Krise nicht vergessen, dass die Abholzung des Amazonas immer weiter voranschreitet“, sagt Guajajara. Illegale Holzfäller drängen weiter in indigene Territorien ein und brächten so auch das Virus mit. Dahinter stecke auch ein System, vermutet Guajajara. Abholzung habe es zwar auch früher unter anderen Regierungen gegeben. Bolsonaro aber sei gegen die Menschenrechte, gegen die Indigenen und gegen den Umweltschutz. „Er verfolgt eine zerstörerische Politik. Er hat den Völkermord in Brasilien institutionalisiert“, sagt Guajajara. Im Land wächst die Zahl derer, die vermuten, die Tatenlosigkeit der nationalen Regierung gegenüber der Ausbreitung der Pandemie im Amazonasgebiet sei durchaus gewollt.

Im Schatten der Pandemie sollen überdies neue Fakten geschaffen werde. In dieser Woche entscheidet der Kongress über eine Gesetzesinitiative, die den Namen „MP da Grilagem“ – einstweilige Verfügung des Landraubs – trägt. Das Gesetz, so kommentiert die Gesellschaft für bedrohte Völker, ermöglicht eine Amnestie für das illegale Besetzen und Abholzen auch von indigenem Land. Die illegalen Besetzer werden zu legalen Besitzern.

„Wenn die Regeln so in Kraft treten, wie die mächtige Agrarlobby es wünscht, werden Landkonflikte überall in Brasilien aufflammen. Auch indigene Territorien beispielsweise im Amazonas wären betroffen“, befürchtet Juliana Miyazaki, Referentin der Gesellschaft für bedrohte Völker. „Dieses Gesetz wäre eine Einladung zu mehr Landraub, mehr Brandrodung und mehr Gewalt gegen Indigene in ihren Schutzgebieten.“

Tatsächlich treibt die Corona-Pandemie die Polarisierung des Landes weiter voran. Inzwischen existieren zwei Lager. Da gibt es den Präsidenten Bolsonaro, der die Gefahr der Pandemie lange unterschätzt und verharmlost hat und auch jetzt für eine Öffnung des gesellschaftlichen Lebens wirbt. Und da gibt es die, die für eine rigorose Bekämpfung des Virus sind.

Manchmal treffen die Lager aufeinander wie jüngst bei einer Demonstration in Brasilia, als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem Gesundheitswesen auf die Opfer in den eigenen Reihen aufmerksam machen wollten. Mit schwarzen Holzkreuzen, auf denen die Namen der an Covid-19 erkrankten Ärztinnen und Ärzte, Pflegerinnen und Pfleger zu lesen waren. Sie wurden von den Bolsonaro-Anhängern attackiert, beschimpft und als Lügner dargestellt. Es kam zu Rangeleien.

Das Bolsonaro-Lager wiederum veranstaltete Auto-Korsos, die ein „Zurück zur Arbeit“ fordern. Die Teilnehmer wurden von Passanten beschimpft. Der Riss, der durch die Gesellschaft geht, wird immer tiefer.

Jair Messias Bolsonaro, der Präsident, ist durchaus verantwortlich für diese Entwicklung. Gegen alle Ratschläge der Mediziner mischt er sich immer wieder unter das Volk, verursacht Menschenansammlungen und verspottet jene Medien, die kritisch über die Ausbreitung des Virus berichten. „Ich heiße zwar Messias, kann aber keine Wunder vollbringen“, sagte er jüngst achselzuckend, als er auf die Ausbreitung des Virus angesprochen wurde.

In seinem eigenen Kabinett ist es wegen dieser lässigen Haltung zu einem Machtkampf gekommen. Gesundheitsminister Luiz Mandetta, der auf wissenschaftliche Kriterien bei der Bekämpfung der Pandemie gesetzt und für Kontaktsperren geworben hatte, verlor die Auseinandersetzung gegen Bolsonaro, der auf die Öffnung des wirtschaftlichen Lebens setzte. Nicht einmal vier Wochen danach gab auch Mandettas Nachfolger Nelson Teich entnervt auf. Inmitten der Pandemie herrscht Chaos in der Gesundheitspolitik.

„Ich werde mein Volk nicht in die Armut führen, nur um das Lob der Medien zu erhaschen“, sagte Bolsonaro vor einigen Wochen und legte damit die Marschroute fest. Während die Gouverneure und Bürgermeister teilweise harte Ausgangsbeschränkungen durchsetzten und das wirtschaftliche Leben in einen Ruhezustand versetzten, präsentiert sich Bolsonaro als Anwalt der Straßenhändler und Ladenbesitzer. In dieser Woche erklärte er Fitnessstudios, Schönheitssalons und Friseursalons für systemrelevant, wohlwissend, dass all diese Einrichtungen zur brasilianischen Lebenskultur zählen. Das macht es für die Gouverneure noch schwerer, ihren harten Kurs durchzusetzen.

Bolsonaro braucht diesen Kampf, um sich aus einer innenpolitischen Krise zu befreien. In den vergangenen Wochen verlor der Präsident mit Mandetta und dem Justizminister Sergio Moro zwei populäre Minister, die vor allem das klassisch konservative Wählerpotential gebunden hatten.

Hinzu kommt eine juristisch brisante Auseinandersetzung um eine mutmaßliche Einmischung des Präsidenten in die Angelegenheiten der Bundespolizei, die gegen die Söhne Bolsonaros ermittelt. Immer mehr Politiker fordern eine Amtsenthebung Bolsonaros. Was aber auch die Gefahr birgt, dass sich der Präsident als Opfer inszenieren kann. Mit der „Öffnungsdiskussion“, die er begonnen hat, versucht Bolsonaro, die Probleme von den Titelseiten zu verdrängen. Und seine Sichtweise gewinnt mehr und mehr Anhänger.

Für innenpolitische Debatten dieser Art hat der Arzt Fleury Johnson in der UPA in Mesquita kein Verständnis und vor allem auch keine Zeit. Er kämpft nicht nur gegen die Pandemie, sondern auch gegen die Probleme, die ihm die Schutzausrüstung macht. Sie ist unzureichend, bietet Helfern wie ihm nicht genügend Sicherheit. Johnson sagt: „Jeden Tag, an dem ich zur Arbeit gehe, weiß ich, dass das, was dort passiert, viel schlimmer ist als das, was in den Medien ankommt.“