Blick auf die Altstadtbrücke über die Neiße zwischen Görlitz (links) und Zgorzelec in Polen.
Foto: dpa/Robert Michael

Görlitz/ZgorzelecDer Fluss unter der Altstadtbrücke, die das deutsche Görlitz mit dem polnischen Zgorzelec verbindet, rauscht beruhigend-monoton dahin an diesem Sommertag. Das war im Juli vor 70 Jahren nicht anders. Damals, am 6. Juli 1950, machten die Staatsführungen der DDR und der Volksrepublik Polen die hoch umstrittene Oder-Neiße-Grenze mit dem Görlitzer Abkommen zur, so wörtlich, „Staatsgrenze zwischen Deutschland und Polen“. Görlitz-Oststadt wurde zu Zgorzelec. Und eine qualifizierte Minderheit der ufernahen Bewohner nannte den Fluss fortan Nysa. Erst einmal: für immer.

Marta Wyspiańska nennt ihn mal Neiße, mal Nysa. Die studierte Slawistin zählt zu den rund 4000 Polinnen und Polen, die in Görlitz leben. „Der Fluss ist für mich kein Fluss der Grenze, sondern ein Fluss der Verbindung. Und die Stadt - oder: die beiden Städte Görlitz und Zgorzelec - bilden für mich eine Einheit, in der man lebt, funktioniert, arbeitet, einkauft“, sagt sie in diesem Juli des Pandemiejahres 2020. Sie sagt das mit Nachdruck, es ist ihr wichtig.

Die junge Frau arbeitet für den Görlitzer Verein Meetingpoint Music Messiaen, heute trifft sich das Team zu einer Besprechung in seinen Räumen am zentralen Demianiplatz. Der Verein hat sich internationalen Jugendbegegnungen und musikpädagogischen Projekten verschrieben – und betreut zusammen mit einer polnischen Stiftung das ehemalige deutsche Kriegsgefangenenlager Stalag VIII A, das auf polnischer Seite liegt.

Wenn Marta Wyspiańska über die Grenze spricht, über deren zeitweise Schließung wegen der Corona-Krise, über die Proteste dagegen, über polnische Krebspatienten, die während der Pandemie-Hochphase nicht in die Görlitzer Klinik durften, dann wirkt sie fast aufgewühlt. „Diese Grenzschließung hat mich persönlich sehr berührt. Auch deswegen, weil ich nicht mehr dachte, so etwas selbst erfahren zu müssen – im 21. Jahrhundert, die Erzählungen meiner Eltern und anderer Generationen über geschlossene Grenzen im Hinterkopf.“

Die Arbeit des Vereins habe sich durch die Pandemie verändert, berichtet sie. Ein Teil des Angebots, die etwa schon fast traditionelle „Worcation“ für Jugendliche und junge Erwachsene zum Thema Stalag VIII A, werde in diesem Jahr online angeboten. „Ich hoffe, dass diese Grenzschließung vor allem für junge Menschen ein Zeichen sein wird. Denn Freiheit und der freie Grenzverkehr sind nicht etwas von oben Gegebenes, was wir einfach haben und das uns nicht mehr genommen werden kann. Wir sollten uns darin üben, gemeinsam und nicht getrennt zu sein.“

Ein Besuch im Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau. Das Haus, das mit Musiktheater, Schauspiel und Tanz ein breites Repertoire bietet, arbeitet mit polnischen Theatern und Partnern zusammen. Es übertitelt alle Vorstellungen in polnischer Sprache und beschäftigt etliche Mitarbeiter aus dem Nachbarland. Eine von ihnen ist die Dirigentin Ewa Strusińska. Seit zwei Jahren ist sie Generalmusikdirektorin des Hauses. „Die Zeiten des Coronavirus sind für uns alle in diesem Theater eine große Herausforderung“, sagt sie, während sie die Bühnenbretter zeigt, die bereits im 19. Jahrhundert bespielt wurden. „Und ich möchte genau so daraufblicken: als Herausforderung, neue Lösungen zu finden. Das Online-Angebot war und ist eine gute Maßnahme, doch wir wollen so schnell wie möglich live spielen –  die Gäste und das Ensemble sehnen sich nach dem lebendigen Kontakt.“

Grafik BLZ/Hecher

Durch die Grenzziehung an Oder und Neiße sind einst rund 50 Dorfgemeinden und sieben Städte geteilt worden, drei fungieren heute als Doppelstädte. Was wird nun aus ihnen, wenn die Corona-Krise endgültig überwunden ist? Was wird aus dem Prozess des Zusammenwachsens, der durch die Pandemie unterbrochen wurde? Wird man ihn fortsetzen können?

Weiter von Görlitz nach Guben, die sich schlängelnde Neiße entlang. Auch hier teilt der Fluss eine Stadt – in das deutsche Guben und das polnische Gubin. An der zentralen Grenzbrücke arbeitet ein polnischer Vermessungsingenieur am alljährlichen Monitoring des Wasserkraftwerks, das an der zentralen Brücke liegt. Es stammt noch aus deutscher Zeit, gehört heute zu Polen. „Entlang der Lausitzer Neiße gibt es viele solcher Kraftwerke“, sagt der Ingenieur, der nicht möchte, dass sein Name bekannt wird. Er lebt in Krakau, reist zu Dienstaufträgen an. Hier sei einiges anders als im Kernland seiner Heimat. „In dieser Region sieht man, dass die Leute von der Grenze abhängig sind – auf der polnischen Seite sind einige kleine Dörfer komplett auf den Austausch mit den Deutschen eingestellt: Zigaretten, Tankstellen, aber auch Veterinäre. Und an manchen Stellen gibt es nur Angaben in Euro.“ Und dann sagt er noch: „Hier in Gubin ist es aber anders.“

Guben und Gubin wirken ebenbürtig, was vielleicht auch an der fast identischen Bevölkerungszahl von je etwa 16.000 Menschen liegt. Schon die Jüngeren verkehren zwischen beiden Städten. Wieso funktioniert das hier so gut?

Ein Besuch im  Gubener Pestalozzi-Gymnasium. Die Schule bietet seit mehr als zehn Jahren Polnisch als Zweitsprache, beschäftigt eine entsprechende Fremdsprachenassistentin, etwa die Hälfte der deutschen Siebtklässler wählen Polnisch als Zweitsprache – und von den gut 350 Schülerinnen und Schülern sind etwa 45 polnisch.

Es ist Anfang Juli, Ferienzeit, in dem rot-weißen Gebäude der Gründerzeit steht eine Grundreinigung an. Die Oberstufenkoordinatorin Kerstin Nedoma ist aber im Haus. „Für uns war es selbstverständlich, dass wir uns für polnische Schüler öffnen und Polnisch als Fremdsprache anbieten“, sagt sie. Das Gros dieser Jugendlichen wohnt auf der polnischen Seite. Diejenigen, die aus anderen polnischen Städten kommen, wohnen im Internat in Gubin.

Die Pandemie habe zunächst alles durcheinandergebracht, sagt Nedoma. Doch der Landkreis Spree-Neiße habe für die polnischen Zwölftklässler, die im April vor dem Abitur standen, schnell eine Schullandheim-Unterbringung in Burg im Spreewald organisiert und finanziert. „Das hat toll geklappt. Die Zwölftklässler haben intensiv gelernt, sich enorm entwickelt“, sagt Kerstin Nedoma. Für die Neunt- bis Elftklässler aus Polen sei ebenfalls eine Unterbringung auf der deutschen Seite organisiert worden. Am 3. Mai kamen die Schüler über die Grenze – am 4. Mai ging die Schule wieder los.

Hat die Grenzschließung das deutsch-polnische Schulprojekt dennoch ins Wanken gebracht? Wie geht es weiter? „Es ist die Frage, wie sich das gesamtpolitisch darstellen wird – und ob im Zuge der Entwicklung die Nationalismen hochkommen und sich das gegenseitige Bild verändert“, sagt Nedoma. Sie arbeitet seit 30 Jahren an der Schule, lebt noch länger im Ort. „Wir hoffen, dass sich das, was hier für die Schülerinnen und Schüler möglich gemacht wurde, herumspricht. Und dass Ängste und Befürchtungen genommen werden. Wir haben durch die polnischen Schüler eine Bereicherung erfahren. Und ich wünsche mir, dass das viel mehr zur Normalität wird.“

Ermöglicht wurde diese Normalität durch den EU- und den Schengen-Beitritt Polens 2004 und 2007. In den ersten Monaten der Pandemie in diesem Jahr ist deutlich geworden, wie sehr sich viele Menschen entlang der Oder-Neiße-Grenze seitdem daran gewöhnt haben, dass eine Grenze eher verbinden als spalten kann. Dass sie konfliktgeladene Realitäten schafft, aber auch Nähe. Die spontane Umarmung der Bürgermeister von Frankfurt (Oder) und Słubice, René Wilke und Mariusz Olejniczak, hat das deutlich gezeigt.

Gerade Frankfurt (Oder) und Słubice tun einiges dafür, damit die Verquickung nicht nur symbolisch bleibt. „Europäische Doppelstadt“ – das ist nicht nur ein Slogan, das ist eine Idee, die umgesetzt werden soll. Bislang ist die wirtschaftliche Diskrepanz nach wie vor sichtbar. Ein Streifzug durch die Straßen des deutlich kleineren Słubice macht deutlich, dass hier ein ärmerer Städte-Bruder auch, wenn auch nicht nur, Dienstleistungen für den reicheren Bruder jenseits des Flusses offeriert: Zigarettenläden, Wechselstuben, Restaurants, Friseure, Kram-Basare. „Viele Händler, die vor allem deutsche Kundschaft hatten, haben schwer gelitten und mussten schließen, als die Grenze dicht gemacht wurde. Wir konnten uns über Wasser halten, weil etwa die Hälfte unserer Kundschaft polnisch ist“, sagt eine Verkäuferin in einem Lebensmittelgeschäft unweit der Grenzbrücke.

Jenseits des Flusses haben die beiden Stadtverwaltungen das Frankfurt-Słubicer Kooperationszentrum etabliert. Das Büro entstand 2011 im Rahmen des EU-geförderten Projekts mit dem sperrigen Namen „Interkommunale Zusammenarbeit in der Europäischen Doppelstadt“. Sieben Mitarbeiter – fünf aus Frankfurt, zwei aus Słubice – organisieren gemeinsame Projekte und bilden eine Art Transmissionsriemen zu Verwaltungen. „Wir sind Übersetzer, Nachhaker, Nervtöter – und wenn unsere Słubicer Mitarbeiter von ihren polnischen Kollegen als Deutsche, wir von unseren hingegen als Polen bezeichnet werden, dann haben wir es richtig gemacht“, sagt Sören Bollmann.

Bollmann ist Leiter des Zentrums, spricht fließend Polnisch und viel von der Zukunft. „Wir planen stets in zehnjährigen Entwicklungsschritten, im Rahmen einer Zukunftskonferenz.“ Die erste gab es im Jahr 2009. Doch was wird aus den besprochenen Schwerpunkten – Bildung, Bau einer bilingualen Schule, mehr Bürgerbeteiligung – in Zeiten von Pandemie und strapazierten städtischen Haushalten? „Auf beiden Seiten gibt es ein Loch in den Stadtkassen, und deswegen stehen einige geplante Projekte auf dem Prüfstand. Bei manchen haben wir bereits entschieden, an ihnen festzuhalten“, sagt Bollmann. „Es ist aber eine Grundsatzfrage: Machen wir nur Gutwetter-Politik? Oder ist uns die Doppelstadt so viel wert, dass wir auch in schwierigen Zeiten nicht darauf verzichten wollen?“ Derzeit dominiere die zweite Sichtweise.

Das, sagt Bollman, müsse aber auch auf EU-Ebene beantwortet werden. „Wollen wir mehr Europa? Wollen wir solche Fragen wie Gesundheit und Katastrophenschutz in EU-Kompetenz geben, um bei der nächsten Katastrophe schneller agieren zu können?“ Die Tatsache, dass das Feld Gesundheit in nationaler Kompetenz liegt, habe in Grenzstädten enorme Bedeutung. „Was machen wir etwa, wenn auf der Słubicer Seite jemand einen Herzinfarkt bekommen hat und das dortige Krankenhaus nicht behandeln kann? Schickt der Notdienst diesen Patienten ins 80 Kilometer entfernte Zielona Gora? Oder ins fünf Kilometer entfernte Frankfurt?“ Solche Fälle habe es gegeben. Rechtlich seien sie nicht geklärt. Jetzt sollen Lösungen für solche Fragen her. Es geht dabei schließlich ums Überleben. 

Die Recherche wurde aus Mitteln der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit gefördert.