Demonstration gegen Corona-Maßnahmen in Stuttgart diesen Sommer. 
Foto:  7aktuell.de/ Florian Gerlach

BerlinSie tragen keine Maske und ignorieren den Abstand. Die Teilnehmer von Corona-Hygiene-Demos bringen so den Unmut über die geltenden Schutzmaßnahmen zum Ausdruck. Dabei protestieren nicht nur Esoteriker gemeinsam mit Verschwörungstheoretikern, sondern auch Menschen mit wirtschaftlichen Ängsten, wie der Soziologe und Ost-Experte Wolfgang Engler sagt. Im Interview erklärt er, warum sich so viele verschiedene Gruppen auf den umstrittenen Demos zusammentun, wieso die Wut vieler Menschen in Ost und West so groß ist und zieht Parallelen zu Pegida.

Herr Engler, in Berlin demonstrierten vergangenen Sonnabend laut Polizeiangaben rund 17.000 Menschen gegen die Corona-Maßnahmen der Regierung – ohne Abstand und Maske. Sahen Sie dort auch Wutbürger aus Westdeutschland?

Wolfgang Engler: Ja, denn man sah, dass die Teilnehmer aus vielen Teilen der Republik kamen. Das war ein Zähl-Appell der Unzufriedenen.

Was unterscheidet den Wutbürger West vom Wutbürger Ost?

Ich weiß gar nicht, ob sie sich so sehr voneinander unterscheiden. Die ersten Hygiene-Demonstrationen in Berlin waren zwar keine Eins-zu-eins-Kopie von Pegida, signalisierten in gewisser Weise aber die Ankunft dieser Protestform in der gesamten Bundesrepublik. Die Teilnehmer sind gemischt, und die Motive sehr unterschiedlich. Bei den einen sind es eher Gründe wirtschaftlicher Natur, die man ernsthaft ins Auge fassen muss. Die Menschen haben den Eindruck, sie können sich diese Corona-Beschränkungen nicht leisten. Dieser Bevölkerungsanteil ist nicht so hoch wie im globalen Süden, aber es gibt diese Menschen auch hier, und es sind nicht wenige. Viele treibt auch die Frage um, wie sie arbeiten gehen sollen, wenn ihre Kinder nicht zur Schule oder zur Kita gehen können. Zusammen mit ihnen sind auch andere unterwegs, bis hin zu expliziten Demokratie-Gegnern und Verschwörungstheoretikern.

Warum tun sich so viele unterschiedliche Gruppen zusammen? Auf den Demos marschieren neben unzufriedenen Menschen auch Esoteriker, Impfgegner und Verschwörungstheoretiker.

Sie glauben, wenn sie nur mit ihresgleichen unterwegs wären, würde sie öffentlich nicht durchdringen und könnten so nicht wirksam auf ihre Probleme aufmerksam machen.

Es war den Veranstaltern relativ klar, dass sich die Corona-Regeln auch nicht mit Mitteln der Polizei durchsetzen lassen würden. So zeigt man seine Haltung zum Staat und lässt ihn ohnmächtig erscheinen.

Soziologe Engler

Sehen Sie hier eine Parallele zu Pegida?

Man konnte schon in Dresden bei Pegida 2014 beobachten, dass dieser Mix Leute, die ganz redliche, gut verständliche Motive haben, nicht daran hindert, auf die Straße zu gehen. Es hat wenig Zweck, denen zu sagen, sie laufen mit Nazis und lassen sich instrumentalisieren. Dieses ‚Reinheitsgebot‘, dass nur Menschen mit derselben Anschauung auf der Straße laufen, lässt sich meiner Ansicht nach nicht mehr aufrechterhalten. Auch die Tatsache, dass man seinen Ehrgeiz daran setzt, den Staat vorzuführen, zeigt Parallelen auf. Natürlich war die Prämisse dieser Demo in Berlin: keine Masken, kein Abstand. Es war den Veranstaltern relativ klar, dass sich die Corona-Regeln auch nicht mit Mitteln der Polizei durchsetzen lassen würden. So zeigt man seine Haltung zum Staat und lässt ihn ohnmächtig erscheinen. Dadurch kommt man zurück in die Offensive, nachdem man lange in den Corona-Regeln eingesperrt war. Die Disziplin hat eine Weile funktioniert. Doch die alten Unzufriedenheitspotenziale sind durch Corona nicht verschwunden. Zeitweise verkapselt werden sie nun wieder virulent und die Menschen finden ebenso griffige wie provozierende Formen, sie auszudrücken: „Hier kommt die zweite Welle.“

Angst vor zweiter Welle

Sie sagen, die Demonstranten wollen den Staat vorführen. Woher kommt diese Wut auf den Staat?

Natürlich sind das Minderheiten. Aber diese Minderheiten werden in den letzten Jahren zunehmend politisch relevant, wie man auch anhand der letzten Bundestagswahl und bei Landtagswahlen – nicht nur im Osten Deutschlands – gesehen hat. Die Unzufriedenheit hat viele Gründe. Zusätzlich zu denen, die sich sozial ausgeschlossen oder an den Rand gedrängt fühlen, die die schlechteren oder keine Jobs haben oder in abgehängten Regionen leben, sind da offensichtlich auch Leute unterwegs, die von anderen Motiven getragen sind. Davon etwa, dass sie den Eindruck haben, da wird etwas von oben beschlossen und sie baden das dann aus, nach dem Motto „Wir schaffen das“ aus der Flüchtlingskrise. Man fühlt sich nicht gefragt, nicht ernst genommen. Allerdings, habe ich mir auch die unterschiedlichsten Umfragen angeschaut, wie die Mehrheit der Bevölkerung über die Corona-Maßnahmen denkt. Da sieht man, das Gros findet die Vorgaben, seien sie vom Bund, den Ländern oder Kommunen erlassen worden, sinnvoll und angemessen. Vielen gingen die Lockerungen sogar zu weit. Der Konsens zwischen den Regierenden und den Regierten in dieser Frage bröckelt, besteht aber weitgehend fort.

Kann man aus Ihrer Antwort schlussfolgern, dass die Politik aus Pegida keine Lehren gezogen hat?

Es gab Kommentare von namhaften Politikern zu den jüngsten Demonstrationen, gerade auch zu der in Berlin. Dort seien nur Verrückte unterwegs, die „Covidioten“. Man wird der Sache aber in keiner Weise Herr, wenn man „Nazis raus“ ruft. Das ist derselbe Fehler wie bei Pegida auch. Man stellt Leute, die Gründe haben, ihren Protest zu äußern, auch wenn uns diese unangenehm sind, pauschal in die rechte, gar rechtsradikale Ecke. Damit bestätigt man sie in ihrer Haltung. Und das ist unklug. Nicht wenige, die da unterwegs sind, leben mit Vorurteilen, mit Ressentiments, aber sie leben nicht von ihnen. Das unterscheidet sie von den Berufsreaktionären. Mit den protestierenden Normalos kann und muss man reden. Man muss ihrem Protest auf den sozialen Grund gehen, wieder und wieder, sonst verliert man sie. Wir leben in entsicherten Demokratien. Die Bindungswirkung der Parteien wird schwächer, auch die Filter- und Sortierfunktion der klassischen Massenmedien funktioniert nicht mehr auf die altvertraute Weise. Unzufriedene finden heutzutage immer Wege, sich am „Establishment“ vorbei zu äußern, zu organisieren. Einschüchterungen und Verbote bewirken da nichts mehr. Das Dümmste, was man tun kann, ist den Protest zu pathologisieren.

Es wäre schon viel erreicht, wenn man Menschen, die am „System“ zweifeln, nicht so vor den Kopf stößt, dass aus Zweiflern Gegner der offenen Gesellschaft werden.

Wolfgang Engler

Die Wut auf den Demonstrationen richtet sich auch vermehrt gegen Journalisten. Viele sind in der Berichterstattung behindert worden. Wie gefährlich ist diese aufgeheizte Stimmung für das Recht auf Pressefreiheit?

Da ist Wut im Spiel. Wenn man nach Verbindungslinien zwischen Pegida seit 2014 und diesen Demonstrationen fragt, ist die Rede von der „Lügenpresse“ ein weiteres verbindendes Element. Ebenso Handgreiflichkeiten gegenüber Journalisten. Die Vertreter der vierten Gewalt haben heute einen schweren Stand.

Glauben Sie, dass auch Medien Verantwortung an der aufgeheizten Stimmung tragen?

Insofern sie zu Pauschalformeln greifen, wie das auch jetzt wieder der Fall war. Das verärgert die Leute ungemein. Ich würde sehr dazu raten, davon Abstand zu nehmen und zu differenzieren.

Und so gelingt es, Menschen wieder zurückzugewinnen?

Das vermag ich nicht zu sagen. Es wäre schon viel erreicht, wenn man Menschen, die am „System“ zweifeln, nicht so vor den Kopf stößt, dass aus Zweiflern Gegner der offenen Gesellschaft werden.

Im kommenden Jahr ist Bundestagswahl. Angela Merkel kandidiert nicht mehr, womit eine 16-jährige Ära endet. Welche Chancen birgt das?

Gut und richtig wäre es doch, dass es nach der Corona-Krise im Bundestagswahlkampf zu einer zugespitzten Thematisierung dieser Erfahrung kommt. Woran hat es in der Bekämpfung der Pandemie gehapert? War, ist es wirklich eine gute Idee, den öffentlichen Sektor als eine Art Parasit der Privatwirtschaft zu betrachten? Ist es eine gute Idee, Teile des Sozialsystems zu privatisieren? Ist nicht die Art, wie wir die Finanzkrise bewältigt haben, mitverantwortlich dafür, dass es Engpässe im medizinischen Bereich auch in der Bundesrepublik gab? Müssten wir bestimmte Felder nicht ausdehnen, also öffentliche Güter und Dienstleistungen, um auf künftige Krisen besser vorbereitet zu sein? Solche Themen müssen in den Vordergrund treten. Wir haben diese Erfahrungen gemacht und dürfen als Bürger erwarten, dass unsere politischen Repräsentanten diese Erfahrungen aus ihrer Sicht zum Thema eines Wahlkampfs machen, damit wir auch wissen, wo es in den nächsten Jahren hingehen soll.

Markus Wächter
Wolfgang Engler

Der Soziologe Wolfgang Engler wurde 1952 in Dresden geboren. Er studierte Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin, promovierte 1981. Seine Habilitation folge 1989. Drei Jahre später wurde er Professor an der Schauspielschule „Ernst Busch“ in Berlin, die er von 2005 bis 2017 leitete. Zu seinen Werken zählen unter anderem „Die Ostdeutschen als Avantgarde“ und „Lüge als Prinzip. Aufrichtigkeit im Kapitalismus“. Zuletzt veröffentlichte er zusammen mit der Journalistin Jana Hensel den Gesprächsband „Wer wir sind. Die Erfahrung, ostdeutsch zu sein“.