Was hilft gegen das verbreitete Gefühl, angelogen zu werden? Vielleicht: Unsicherheit als Haltung.
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BerlinWenn die Demos am Wochenende eines gezeigt haben, dann das: Adorno und Horkheimer trafen 1944 voll ins Schwarze. Die technisierte Medien-Informationsmaschine, schrieben sie, habe die Aufklärung in ihr Gegenteil verkehrt. Diese „Kulturindustrie“ werfe den Menschen ein vorverdautes Abbild der Welt zum Konsum vor und sei dabei derart allgegenwärtig, dass man ihr nicht entfliehen könne und dadurch unmündig werde. So steht es, sehr verkürzt, im zweiten Kapitel der „Dialektik der Aufklärung“. Und so kam es auch zu diesem Berliner Wochenende. 

YouTube-Videos erscheinen vielen Menschen – intelligenten Menschen, die weder Nazis noch Reichsbürger sind – heute nicht weniger wahrhaftig als die Tagesschau. Das hat eine Logik: In beiden Formaten sieht man nicht die Welt, sondern ein Abbild von ihr. Und das Vertrauen, dass das von der Tagesschau produzierte Abbild akkurater sein sollte als das von Aktivisten, ist bei vielen unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger geschwunden.

Der Geist war 1944 schon aus der Flasche. Nun bedroht er, erneut und verstärkt, die Gesellschaft. Die Technologien, die unsere Wahrnehmung filtern, haben sich auf eine Art und Weise erweitert und vervielfältigt, wie zumindest Adorno sie erahnen, aber mangels Glaskugel unmöglich vorhersagen konnte. Die Abbilder der Welt, die wir konsumieren, haben sich vermehrt und ausdifferenziert. Über Tiktok, Facebook, YouTube und tausende weitere Kanäle erreichen sie heute ein gigantisches Publikum.

Attila Hildmann ist im Grunde genau so egal wie Claus Kleber

„Ich verstehe nicht, was hier passiert. Aber ich glaube, mir werden Zerrbilder davon gezeigt“: Es ist dieser Eindruck, der erneut auf den Straßen Berlins sein Ventil fand. Deshalb wirkte die Querdenker-Demo zwar entschlossen, aber seltsam ziellos, forderte Liebe, Lockerung der Maskenregeln, Schutz vor Zwangsimpfung, Putins Hilfe. Hier passierte nichts Neues, Corona hin oder her: Es ist das gleiche Gefühl, das zuvor die treibende Kraft war hinter Berlusconis, Trumps, Orbans, Bolsonaros Wahl. Hinter der Brexit-Abstimmung. Hinter Pegida.

Eins sei hier ausdrücklich gesagt: Es ist berechtigt und nicht wohlfeil, von mündigen Menschen zu verlangen, dass sie nicht Arm in Arm mit Nazis und Rassisten marschieren. Sie tun es aber trotzdem. Und antworten auf die Frage nach dem Warum sinngemäß mit: Warum nicht? Ist nicht meine Meinung, aber jeder spinnt auf seine Weise. Für sie ist wichtiger, was sie bei diesen Leuten – denen, die hier ihre ganz eigene, gefährliche Agenda fahren – von sich selbst wiederzuerkennen glauben. Das Gefühl, dass irgendwas nicht stimmt. Etwas Großes.

Es gibt momentan keine Alternative zur Kulturindustrie – und hoffentlich macht sie uns auch nicht wirklich so dumm, wie Adorno, der alte Grantler, es vermutete. Deshalb ist, vielleicht, die einzige Chance, die wir haben, etwas Neues auszuprobieren: Unsicherheit als Haltung. Momentan wirken die Nachrichtenmoderatoren (oder die Schreiberin dieser Zeilen) offenbar nicht weniger süffisant und selbstzufrieden als der Schlaumeier auf YouTube, der im Brustton der Überzeugung darlegt, wie Bill Gates uns alle impfen und chippen wird. Die Chance, die wir haben, ist die: Vielen Leuten, die am Sonnabend auf der Straße waren, ist Attila Hildmann im Zweifel genauso egal wie Claus Kleber. Das hat sich im direkten Gespräch vielfach gezeigt.

Die Lichtgestalten mit allen Antworten gibt es nicht

Die Unsicherheit, das Noch-nicht-wissen, das Ausprobieren auszusprechen und dadurch zu normalisieren: Vielleicht wäre das eine Möglichkeit, den Unterschied zwischen diesen beiden zu erkennen. Vielleicht könnten auch wir, die Medienschaffenden, uns so wieder darauf besinnen, dass wir die Wahrheit nicht zeigen können – sondern nur ein Abbild von ihr. Vielleicht ist dieses Virus, über das wir noch immer so vieles nicht wissen, dafür ein guter Ansatzpunkt.

Die Unsicherheit, die wir derzeit aushalten müssen, muss stärker Ausdruck finden in den Medien, die die Menschen konsumieren – anstatt dass sie ihnen vorgaukeln, sie hätten auf jede Frage eine Antwort. Keine pauschale Medienschelte: Natürlich wird vielfach schon genau so und sehr verantwortungsvoll kommuniziert. Doch die langen Reportagen und Dokumentationsfilme, die ausgewogenen Wissenschaftsstücke, sie erreichen nicht alle. Deshalb muss diese Haltung hinter jeder Schlagzeile stehen, hinter jeder Zehn-Zeilen-Meldung, in jedem Aufmacher aufscheinen: Die Lage stellt sich für uns gerade so dar. Möglicherweise ist das aber morgen schon wieder anders.

Dazu gehört auch, dass erlaubt und medial gestützt wird, wenn andere so kommunizieren. Eine Politikerin muss sich, ohne dass ihr mangelnde Führungskraft unterstellt wird, hinstellen und sagen dürfen: „Leute, ich weiß es doch auch nicht, jeder Wissenschaftler sagt mir was anderes. Gestern hieß es keine Maske, heute geht’s nicht ohne. Lasst es uns einfach ausprobieren und sehen, ob es wirkt. Wenn nicht, diskutieren wir weiter. Bitte macht mit.“ Es gibt keine Lichtgestalten, die alle Antworten haben. Was das Richtige ist, muss jeden Tag neu verhandelt werden.