Viele Menschen profitieren in der Corona-Krise von staatlichen Hilfen.
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BerlinDie Zustimmungswerte solcher Politiker, die momentan Entschlossenheit zeigen, schnellen in die Höhe. Die Freunde von Luxusproblemchen finden wenig Publikum – Verschwörungstheoretiker eher, denn sie suchen nach Generalschuldigen. Wegen Corona müssen Grundrechte vorübergehend beschränkt werden. Aber ich vertraue unseren Politikern in Bund, Ländern und Gemeinden. Sie werden ihre erweiterten Befugnisse nicht missbrauchen.

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Anders verhielt es sich im Fall der Machtübernahme Hitlers 1933. Die Weltwirtschaftskrise hatte Deutschland seit drei Jahren fest im Griff: mehr als sechs Millionen Arbeitslose, durchschnittlich um 25 Prozent geringere Löhne, Gehälter und Renten. Die meisten Menschen lebten an der Existenzkante. Frauen, die die Miete nicht mehr zahlen konnten und mit ihren Kindern auf die Straße gesetzt werden sollten, drehten den Gashahn auf. Und was machte die Regierung Hitler sofort? Sie schränkte die Grundrechte ein, verübte Terror gegen kleine Menschengruppen, die – verschwörungstheoretisch – als Sündenböcke galten. Vor allem aber spannte sie riesige Rettungsschirme auf.

Das Thema „Rettungsschirm“ kommt in keinem Schulbuch und in keiner Gedenkstätte vor. Jetzt aber bietet sich der Moment zu begreifen, dass Hitler und seine Leute ihre Erfolge weniger mit „Charisma“ und „völkischer Ideologie“ erzielten als mit Methoden, die auch wir derzeit zur Krisenbewältigung richtig finden.

1933 stoppte die NS-Regierung sofort Hunderttausende rechtskräftige Pfändungs- und Exmittierungstitel. Hermann Göring erklärte: „Der Hauseigentümer, der unbarmherzig und skrupellos arme Volksgenossen um Nichtigkeiten willen obdachlos macht, hat den Schutz des Staates in diesem seinem Treiben verwirkt.“ Seit Kriegsbeginn, 1939, durfte bei Familien, die Soldaten stellten, nichts mehr gepfändet oder die Mietwohnung gekündigt werden.

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Im Moment wird diskutiert, den „Helden des Coronaalltags“ steuer- und sozialabgabenfreie Zulagen zu bezahlen. Ich bin sehr dafür. Die Polizisten, Verkäuferinnen, Müllwerker, Krankenschwestern und viele andere haben das verdient. Erfunden wurde dieses System im Oktober 1940. Nach dem Sieg über Frankreich wurden die Zulagen für Nacht-, Sonn- und Feiertagsarbeit von Steuern und Sozialabgaben befreit, und das bis heute.

Vor allem bediente sich die NS-Regierung hemmungsloser Staatsverschuldung. Diese ermöglichte die äußerlich perfekte Überwindung der Krise – Wirtschaftsboom und Vollbeschäftigung. Die Leute fragten nicht, und fragen auch heute nur selten, woher das Geld für ihre so sehr erwünschten Hilfen in schweren Zeiten kommt. Deshalb verschaffte die Politik der ungedeckten Schecks Hitler bis 1939 ständig wachsende Zustimmungswerte. Und in diesem Zusammenspiel von Volk und Führung steuerte Deutschland geradewegs in die Alternative Staatsbankrott oder Krieg. Das prognostizierten Staatswissenschaftler wie der konservative Carl Friedrich Goerdeler und der ordoliberale Wilhelm Röpke schon früh.

So gesehen war der von Deutschland verursachte Zweite Weltkrieg die blutigste Konkursverschleppung der Geschichte. Nach der Coronakrise sollten die dafür aufgenommenen Schulden bald zurückbezahlt werden, und zwar von uns allen, die wir jetzt davon profitieren – von Rentnern wie von Lohn- und Gehaltsempfängern, von mehr und von weniger Bemittelten.