Ein Mitarbeiter trägt Stühle aus den Sitzreihen des Zuschauerraums des Berliner Ensembles.
Foto: dpa/ZB/Britta Pedersen

BerlinNeulich hatte ich eine Veranstaltung im Theater. Dort herrscht bis zum Platz für Mitarbeiter und Gäste Maskenpflicht. Die Abstände auf der Bühne werden mit dem Zollstock ausgemessen, wenn sich zwei Darsteller berühren, müssen sie dabei Gummihandschuhe tragen. In einen Saal, in dem sonst über 200 Gäste sitzen, dürfen nur 40 hinein. Dazwischen müssen Plätze frei bleiben. Überall stand Desinfektionsspray herum.

Nach der Veranstaltung fuhr ich mit dem Rad nach Hause, vorbei an den Restaurants von Mitte und Prenzlauer Berg. Ich konnte durch die Fenster schauen, drinnen saßen die Gruppen von Gästen dicht an dicht nebeneinander, ohne Mundschutz. Ich dachte an das Theater und fühlte mich unwohl. Es war ein staatliches Theater, es darf sich keinen Corona-Fall erlauben, sonst wird es wieder geschlossen. Einerseits. Andererseits schien es, als ob mit unterschiedlichem Maß gemessen wurde. Wie kann trotz der Einschränkungen kulturelles Leben stattfinden?

Ziemlich sicher wurde in den Restaurants, die ich sah, gegen die Corona-Regeln verstoßen, nach denen man unter anderem zu Menschen, mit denen man nicht zusammenwohnt, mindestens anderthalb Meter Abstand halten soll. Doch wenn man den neuen Corona-Alltag, den wir leben, betrachtet, stellt sich dieses Gefühl der Widersprüchlichkeit, der Unübersichtlichkeit fast täglich ein.

Vielen Arbeitnehmern wurde nach dem Sommer gesagt, sie sollen wieder ins Büro zurück, und nun steigen gerade wieder überall die Zahlen. Ausbrüche am Arbeitsplatz meldet das Robert-Koch-Institut derzeit zum Glück kaum. Doch wird das bei steigenden Infektionszahlen so bleiben? Lässt sich in jedem Büro der Abstand zu den Kollegen einhalten, werden die Räume wirklich gut durchgelüftet? Beispiel Kita und Schule: In mancher Einrichtung gelten in unterschiedlichen Gruppen unterschiedliche Regeln: In der einen Gruppe darf man Spielzeug von zu Hause mitbringen, in der anderen nicht. Die eine Klasse plant eine mehrtätige Klassenfahrt, die andere sagt sie ab.

Das mag im Einzelfall banal klingen, aber der Alltag zerfällt gerade in lauter Kleinteile, und das führt in der Masse zu Verunsicherung: Was ist richtig? Niemand weiß es so ganz genau, jeder versucht zu improvisieren, die empfohlenen Regeln mit dem Alltag in Einklang zu bringen. Denn wie lässt sich ein Leben mit ständigem 1,50-Meter-Abstand, zwei Armlängen etwa, führen? Die Bundesregierung hat die Umsetzung delegiert, auf die Länderebene, die Länder auf die Bezirksebene, das hat zu mehr Flexibilität geführt, aber auch zu einem ziemlichen Durcheinander.

Viele Menschen leiden gerade, der Opernsänger, der nicht mehr arbeiten kann, der Arbeitnehmer, der seine Arbeit verloren hat, die Eltern, die Angst davor haben, dass Kitas und Schulen wieder zumachen. Ist sich der CDU-Politiker Norbert Röttgen bewusst, was er bei Eltern anrichtet, wenn er mal so nebenher im Interview die Möglichkeit eines zweiten kompletten Lockdowns erwähnt? Den meisten Eltern steckt noch der erste Lockdown in den Knochen, als sie über Wochen Homeschooling, Homeoffice und Betreuung verbinden mussten. Wann beginnen wir, die Folgen der Corona-Politik aufzuarbeiten, das ist die große Frage, die auch die Publizistin Jagoda Marinic neulich stellte.

Die Politik verliert sich im Detail, im Klein-Klein, im Maßnahmen-Stakkato. Dominiert wird die Debatte wie im Frühling von Virologen wie Christian Drosten, der sagt, dass die Pandemie erst richtig losgeht. Oder von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, der die Zügel anziehen will. Dadurch entsteht – womöglich unfreiwillig – ein autoritärer Geist. Es geht immer um Verbote, Einschränkungen, Verpflichtungen.

Ich bin keine Maskenverweigerin und sympathisiere auch nicht mit den Demonstranten, die neulich in Berlin auftraten und kein Problem mit Rechtsextremisten an ihrer Seite hatten. Aber ich spüre eine Zerrissenheit, die vielleicht die Zerrissenheit vieler ist, die aber nicht besprochen wird. Ich will keine strengen Vorschriften, aber ich will auch nicht alles dauernd selbst entscheiden müssen. Ich ahne auch, dass es für diese Zerrissenheit für die nächsten Monate, vielleicht für das nächste Jahr keine Auflösung gibt. Aber wir sollten ihr Raum geben.