Den Markt in Padua können die Bewohner nur noch über einen Zugang erreichen.
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PaduaNoch vor wenigen Wochen gingen romantische Bilder um die Welt: Italiener stehen auf ihren Balkonen, singen und musizieren gemeinsam. Doch diese Zeit scheint vorbei. Gewalt und Denunziation würden zunehmen. Die Sorge um den finanziellen Ruin sei groß. Die sich zuspitzende Lage beschreibt Valentina Saini, Italien-Korrespondentin des in Brüssel erscheinenden Magazins EU-Observer, in einer Reportage. 

Saini schildert Szenen von Angst und Armut. Balkone seien keine Bühnen mehr, sie würden nun vielmehr als Posten für sogenannte Balkon-Sheriffs genutzt: Wer sich nicht an die Ausgangssperren hält, wird bei der Polizei gemeldet. Saini berichtet, wie Eltern, die mit körperlich beeinträchtigten Kindern spazieren gehen, von jenen, die auf ihren Balkonen Wache halten, beschimpft werden.

Die Nerven liegen bei vielen Italienern blank. Nach einer Umfrage des Piepoli-Instituts und des italienischen Psychologenverbandes fühlten sich acht von zehn Italienern wegen der Abriegelung gestresst. Ein Grund seien hauptsächlich finanzielle Sorgen und Existenzängste. Italienische Lokalzeitungen berichten von langen Schlangen vor Pfandleihhäusern. Um sich Lebensmittel kaufen zu können, tauschen die Menschen ihren Schmuck und Uhren.

Durch Corona erlebt Italien die schlimmste Wirtschaftskrise, welche sich durch alle Schichten ziehe. Nicht nur soziale Unterschichten wie Obdachlose, Migranten und Roma seien stark benachteiligt. Auch die Mittelschicht habe Existenzängste. Ein junger Wirtschaftsanwalt berichtet dem EU-Observer: „Meine Kanzlei hat immer weniger Arbeit“, wird der Mann zitiert. „Die Partner sind besorgt, und wenn sie Köpfe abschlagen müssen, werden die ersten, die fallen, die von uns jungen Angestellten sein“.

Die Corona-Krise hat das soziale Miteinander stark verändert. Die Quarantäne habe seit Langem bestehende soziale Probleme in Italien verschärft: häusliche Gewalt nehme zu, die Gefängnisse seien überfüllt. Zwar würden die meisten Menschen recht gut mit der Situation umgehen, sagt Psychologin und Psychotherapeutin Serena Valorzi dem Observer. Aber: „Es ist viel schwieriger, einen klaren Kopf und Einfühlungsvermögen zu haben, wenn unangenehme Emotionen wie Wut, Traurigkeit oder Angst vorherrschen und wenn tiefe emotionale Bedürfnisse wie Freiheit und Sicherheit nicht erfüllt werden“, sagt sie.