Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos: Eine Ausbreitung des Coronavirus wäre fatal.
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AthenFachleute warnen seit Tagen: In den überfüllten Flüchtlingslagern auf den griechischen Ägäisinseln droht eine unkontrollierbare Coronavirus-Epidemie. Jetzt handelt die Regierung. Aber ob die Maßnahmen greifen, ist fraglich.

Geschlossene Schulen, Geschäfte und Restaurants: Mit immer neuen Maßnahmen kämpft die griechische Regierung gegen die Ausbreitung des Coronavirus. Den überfüllten Migrantenlagern aber widmeten die Behörden bisher wenig Aufmerksamkeit. Dabei ist dort die Ansteckungsgefahr besonders groß.

Griechische Regierung mit 12-Punkte-Plan für Camps

Am Dienstag gab das griechische Ministerium für Migration und Asyl einen Maßnahmenkatalog bekannt, mit dem die drohende Gefahr gebannt werden soll. Der Zwölf-Punkte-Plan umfasst Besuchsverbote in den Camps für die kommenden zwei Wochen. Bei Neuankömmlingen wird die Temperatur gemessen. Mit mehrsprachigen Flugblättern werden die Lagerbewohner informiert, wie sie die Ansteckungsgefahr reduzieren können.

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Sportveranstaltungen und Schulunterricht in den Camps werden eingestellt. Die sanitären Einrichtungen und Gemeinschaftsräume in den Lagern sollen regelmäßig desinfiziert werden. Einige Maßnahmen des am Dienstag veröffentlichten Katalogs klingen angesichts der Zustände in den Lagern geradezu grotesk. So wird den Bewohnern empfohlen, Abstand voneinander zu halten und Menschenansammlungen zu meiden – wie soll das in der Praxis gehen? Das Lager Vathy auf Samos wurde für 648 Bewohner gebaut, beherbergt aber aktuell 7463 Menschen. Im größten griechischen Insellager, dem berüchtigten Camp Moria auf Lesbos, halten sich 19 344 Bewohner auf. Ausgelegt ist es für 2 840 Personen.

„Unkontrollierbare Zustände“ bei Ausbreitung

Fachleute warnen vor „unkontrollierbaren Zuständen“, wenn sich das Virus in den Lagern ausbreitet. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) fordert eine sofortige Evakuierung der Insellager. „Die entsetzlichen Lebensbedingungen in den überfüllten Hotspots auf den Inseln sind ein idealer Nährboden für Covid-19“, heißt es in dem Aufruf. Hilde Vochten, medizinische Koordinatorin von MSF in Griechenland, berichtet: „Fünf- oder sechsköpfige Familien müssten auf drei Quadratmetern Fläche schlafen. Für sie ist es schlicht unmöglich, die empfohlenen Maßnahmen zu befolgen, wie sich regelmäßig die Hände zu waschen und Distanz zu anderen zu halten.“

Vochten fürchtet, es wäre unmöglich, einen Ausbruch in einem der Lager einzudämmen: „Bisher haben wir noch keinen Notfallplan zu Gesicht bekommen, mit dem sich die Menschen, die dort leben müssen, schützen und behandeln ließen.“