BerlinIm Schnitt dauert es von der Entwicklung eines Medikaments bis zur Zulassung laut dem Verband der Pharmaunternehmen dreizehn Jahre. Bei Impfstoffen kann es schneller gehen, vier Jahre bei Mumps, das war das schnellste bisher. Beim Corona-Impfstoff soll dieser Zeitraum auf einen Bruchteil reduziert werden: Im vergangenen Februar hat die Firma Biontech nach Angaben ihres Gründers Ugur Sahin mit den Forschungen zu einem Wirkstoff gegen Covid-19 angefangen, Ende des Jahres könnten womöglich schon die ersten Patienten geimpft werden.

Am Freitag wurde bekannt, dass das Mainzer Unternehmen mit seinem amerikanischen Partner Pfizer in den USA bei der Arzneimittelbehörde FDA einen Antrag auf eine Notfallzulassung seines Impfstoffes eingereicht hat. In zwei bis drei Wochen könnte laut US-Medienberichten eine Zulassung vorliegen. Die Herstellung des Impfstoffes läuft bereits. Auch die europäische Arzneimittelagentur (EMA) prüft in einem beschleunigten Verfahren die Zulassung. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) verbreitet Optimismus. „Man muss sagen, dass die Nachrichten der jüngsten Tage bezüglich der Entwicklung eines Impfstoffes sehr zuversichtlich stimmen. Wir rechnen auch in Europa mit Zulassungen, die im Dezember oder sehr bald nach der Jahreswende erfolgen könnten. Dann wird das Impfen natürlich beginnen“, sagte sie am Freitag nach der Videokonferenz des Europäischen Rats.

Dann wären zwischen der Entwicklung und Zulassung des Wirkstoffes nicht mehrere Jahre vergangen, sondern weniger als dreizehn Monate. Kann das gut gehen? Als Russland im August mitteilte, dass es einen Impfstoff namens Sputnik V entwickelt habe, war die Empörung über den Schnellschuss groß. In Deutschland warnten Fachleute, dass eine große klinische Studie fehle, man deshalb wenig über Wirksamkeit und Nebeneffekte sagen könne. Biontech und Pfizer haben bisher nur Zwischenergebnisse veröffentlicht, aber es wird gefeiert, als wäre das Ende der Pandemie schon in Sicht.

Doch sosehr sich jeder nach einer Rückkehr zur Normalität sehnt, könnte diese Fixierung der westlichen Regierungen auf einen Impfstoff sich als einseitig erweisen. Kommt der Impfstoff, ist das Virus besiegt, die Pandemie vorbei – so die Logik. Doch es bleiben auch bei Impf-Anhängern einige Fragen.

Zwei Drittel der Bevölkerung müssten sich impfen, um die Verbreitung von Corona zu stoppen. Laut einer Umfrage wollen sich siebzig Prozent der Bevölkerung impfen lassen. Doch ist das ernst gemeint oder eher so ein Vorsatz wie bei den Silvester-Befragungen, wenn viele Menschen angeben, dass sie mehr Sport machen wollen? Was, wenn viel weniger Menschen sich impfen lassen? Wenn die Impf-Skepsis, die weit in die Bevölkerung reicht, größer wird? Es wird noch sehr viel Vertrauensarbeit der Politik notwendig sein.