Ich hatte mir vorgenommen, diesmal nichts zur Seuche zu schreiben. Dann begegnete mir im Sportstudio mein Leser. Wenn wir uns bisher über den Weg gelaufen waren, hatte er meine Texte gelobt und mich überreden wollen, ein Buch daraus zu machen. Doch nun, ich war gerade in der Kniegelenkstreckmaschine arretiert, fragte der Leser, ob es mir denn gut gehe; die Kolumnen seien irgendwie anders gewesen zuletzt.

Ich ahnte, was er meinte. Mir ist Gelassenheit abhandengekommen. Ironie. Das Außenstehende. Also erzählte ich vom Sommer und Herbst: wochenlang Ruhepuls 120, Zähneklappern rund um die Uhr, Schweißausbrüche bei der geringsten Anstrengung. Kein schöner Ostseeurlaub. Zurück am Schreibtisch gipfelte die Veranstaltung in den schwersten Depressionen seit zehn Jahren und Überlegungen, mich in die Klapse einzuweisen oder vorher von der Minna-Todenhagen-Brücke zu hüpfen. Stattdessen setzte ich eine Weile mit der Kolumne aus. Guter Kompromiss.

Erst als es besser wurde, fiel mir auf, dass das Herzrasen kurz nach der zweiten Covid-Impfung begonnen hatte. Ich hörte von Leuten, die über ähnliche postvakzinale Symptome klagten. Glauben Sie’s oder nicht: Bis dahin hatte ich im Leidenskontext keinen einzigen Gedanken an Comirnaty verschwendet. Ich war beide Spritzen locker angegangen: Was soll’s, Pocken, Masern, Tetanus, ich hatte sie alle. Eine Impfpsychose ist auszuschließen. Andererseits ist mir klar, dass das Zusammentreffen beider Ereignisse zufällig sein kann. Doch der Verdacht nistet in meinem Kopf.

Die Gattin ist geboostert. Meiner Mutter und den Schwiegereltern habe ich, weil Risikogruppe, davon nicht abgeraten. Meinem Sohn sehr wohl. Mich wird man zur dritten und allen weiteren Dosen zwingen müssen. Selbst wenn die Chance einer Kausalität nur bei fünf Prozent liegt, ich werde es nicht darauf ankommen lassen. Das ist das Ergebnis eigener Abwägungen. Man kann das ängstlich finden. Irrational. Aber es ist meine Entscheidung. Die sollte es auch bleiben.

Womöglich schleicht sich dieses Gefühl in meine Texte. Es fällt mir schwer, fluffig zu bleiben, wenn Joshua Kimmich, Sahra Wagenknecht, Harald Schmidt und unzählige weniger Prominente über ihre Körper verfügen und dafür als Spinner und Nazi-Mitläufer ans Kreuz genagelt werden. Es gebricht mir an Lockerheit, wenn Politiker Menschen mit frisierten Zahlen an die Kanülen schubsen. Ich verliere die Distanz, wenn ein Volkskörper imaginiert und Ausgrenzung zur Bürgerpflicht erklärt wird. Für mich ist das unverhältnismäßig. Corona ist nicht die Beulenpest. Die Impfung bewahrt weder vor Infektion noch Infektiosität. Ungeimpfte gefährden zuvörderst sich selbst. Das machen rauchende Couchkartoffeln aber auch.

Mein Leser sieht manches anders, respektiert aber meine Perspektive. So soll es sein. „Bis bald“, sagte er. „Hoffentlich“, ächzte ich unter der Last von etwa fünf Tonnen Stahl. Denn bald werde ich nur noch als unvollständig geimpft gelten und kaum mehr an die Geräte dürfen – nicht, um andere vor mir zu schützen, sondern einzig, um meinesgleichen zu erpressen. Ich werde verfetten und mit meinem Blähwanst alle deutschen Intensivstationen auf einmal füllen. Dazu fällt mir Jens Spahns unfreiwilliger Witz ein, „wir“ würden, wenn das alles vorbei sei, „einander viel verzeihen müssen“. Ach wo. Sterben muss ich. Sonst nichts.