BerlinDas Timing war geradezu perfekt: Gerade erst hatten die Ständige Impfkommission (Stiko), der Deutsche Ethikrat und die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina ihr gemeinsames Positionspapier mit Empfehlungen für die Zugangsregelung zu einem Covid-19-Impfstoff der Presse präsentiert, da wurde ein Durchbruch verkündet: Das Mainzer Unternehmen Biontech und der Pharmakonzern Pfizer teilten mit, der von ihnen entwickelte Impfstoff biete einen mehr als 90-prozentigen Schutz vor der Krankheit Covid-19. Biontech und Pfizer wollen nun voraussichtlich ab der kommenden Woche die Zulassung bei der US-Arzneimittelbehörde FDA beantragen.

„Wir sehen Licht am Ende des Tunnels“, hatte Gerald Haug, Präsident der Leopoldina, schon am Montagvormittag gesagt. Er blicke optimistisch auf das Jahr 2021.

Die Nachricht von Biontech und Pfizer unterstrich zusätzlich die Bedeutung des Positionspapiers, das Haug gemeinsam mit der Ethikrat-Vorsitzenden Alena Buyx und Thomas Mertens, dem Vorsitzenden der Stiko, am Montag vorstellte. Denn sie zeigte die Dringlichkeit, eine Impfstoffvergabe zu regeln, mit der viele Fragen verbunden sind: Wer bekommt die Impfung zuerst? Wie wird sie organisiert? Wie überzeugt man Impfskeptiker von der Notwendigkeit einer Schutzimpfung? Um einen ausreichenden Schutz sicherzustellen, müssten langfristig etwa 70 Prozent der Bevölkerung geimpft werden, sagte Haug. Neuen Umfragen zufolge seien aber derzeit nur etwa 50 bis 60 Prozent der Menschen in Deutschland bereit, sich impfen zu lassen. „Wir müssen hier noch mehr Vertrauen aufbauen“, sagte der Wissenschaftler.

„Die Zustimmung zu einer Impfung muss selbstbestimmt, aufgeklärt und freiwillig erfolgen“, betonte die Ethikratsvorsitzende Alena Buyx und gab damit die Antwort auf eine Frage, die in den letzten Monaten immer wieder im Zuge der Berichterstattung über die Impfstoffentwicklung aufgetaucht war. „Eine Impfpflicht ist auszuschließen“, sagte die Medizinerin.

Zunächst aber stellt sich ein anderes Problem dar. Denn auch, wenn die Zulassung eines Impfstoffes – oder auch mehrerer – kurz bevorsteht: Es wird dauern, bis überhaupt genügend Impfdosen zur Verfügung stehen. Wer also soll von einer Schutzimpfung gegen das Coronavirus als Erstes profitieren? Für die Wissenschaftler von Stiko, Ethikrat und Leopoldina sind hier der ethische Grundsatz der Gerechtigkeit und die grundlegende Rechtsgleichheit entscheidend. „Wenn eine Person durch ihren persönlichen Zustand oder durch ihre Berufstätigkeit deutlich höher gefährdet ist als die Allgemeinbevölkerung, selbst schwerwiegend oder sogar tödlich zu erkranken oder andere Menschen solch erhöhten Risiken auszusetzen, dann ist es aus Gründen der Gerechtigkeit angemessen, diese Person bevorzugt zu behandeln, also prioritär zu impfen“, schreiben die Wissenschaftler in ihrem Papier.

Zu den Menschen, die demzufolge als Erste geimpft werden sollen, gehören neben älteren Personen mit Vorerkrankungen und Bewohnern von Pflegeheimen vor allem Ärzte und Pflegepersonal und Menschen, die für das Gemeinwohl arbeiten, wie Beschäftigte bei der Polizei oder Lehrerinnen und Lehrer. Dabei solle es, so Buyx, keine Hierarchisierung unter diesen Gruppen geben, vielmehr müssten sie gleichzeitig in den Blick genommen werden.

Um Missbrauch zu verhindern, sollen die Impfungen nicht von Hausärzten, sondern in eigens dafür einzurichtenden Impfzentren verabreicht werden. Das diene, so der Stiko-Vorsitzende Thomas Mertens, auch dazu, Daten zu den Impfungen zu sammeln. Zur Gewährleistung des Datenschutzes könnten die Daten pseudonymisiert werden. Die Wissenschaftler betonten außerdem, die Impfungen müssten unabhängig vom Versicherungsstatus der Patienten erfolgen.

Allerdings müsse auch innerhalb der genannten Risikogruppen priorisiert werden: Mertens sagte, es mache angesichts des anfangs nur begrenzt verfügbaren Impfstoffs keinen Sinn, die zuerst berücksichtigten Gruppen zu groß zu fassen. Nach Einschätzung von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zählen in Deutschland rund 40 Prozent der Bevölkerung zu einer potenziellen Risikogruppe. Die Feinheiten der Priorisierung müsse letztendlich die Politik auf Grundlage der Empfehlungen vornehmen, so Mertens. Die letzte Entscheidung müsse aber der Person obliegen, „die die Spritze führt“.

Verlässliche Prognosen, wann für alle Impfwilligen in Deutschland genügend Dosen zur Verfügung stehen werden, gibt es noch nicht. Leopoldina-Präsident Gerald Haug rechnet damit, dass die coronabedingten Kontakteinschränkungen und erhöhten Hygieneregeln noch bis mindestens zum Sommer 2021 aufrechterhalten werden müssen.