Klaus Stöhr hat an der Universität Leipzig Epidemiologie und Veterinärmedizin studiert. Stöhr war lange Jahre Leiter des Global-Influenza-Programms. Als Sars-Forschungskoordinator der WHO hat sein internationales Team das Sars-Virus 2003 entdeckt. Er arbeitete später für den Pharmakonzern Novartis. 

Berliner Zeitung: Laut neuesten WHO-Zahlen gehen die Corona-Fälle weltweit deutlich und schnell zurück. Kann man sagen: Corona ist auf dem Rückzug?

Klaus Stöhr: Ja, gegenwärtig kann man das so sagen. Die Pandemie ist global eindeutig rückläufig. Die aktuellen Zahlen der WHO zeigen das ganz deutlich. Einige Entwicklungen sind besonders überraschend. Das betrifft vor allem den Rückgang der Zahlen in Nordamerika. Die Entwicklung entspricht dem, was wir zum Beispiel von den Pandemien 1957 und 1968 kennen. Es gibt Wellen, die dann nach drei Monaten wieder zusammenbrechen. Das heißt nicht, dass sie verschwinden wird – in einigen Ländern wird die Pandemie zum Jahrsende verschwunden sein, in anderen noch viel länger laufen.

Wann verschwindet eine Pandemie grundsätzlich?

Das Endergebnis einer Pandemie ist immer die Herdenimmunität. Der Begriff der Herdenimmunität ist zu Beginn der Pandemie schwer in Verruf geraten. Er ist jedoch nur eine Maßzahl, die angibt, wie viele Menschen schon immun sind. Der Begriff kommt aus der Biologie. Ist die Herdenimmunität hoch, verursacht ein Virus nur noch milde Erkrankungen. Dann wird das Virus weiter zirkulieren, aber nur noch milde Erkrankungen hervorrufen.

Welche Länder liegen vorn?

In den USA sind vielleicht bereits 40 Prozent der Bevölkerung immun. Das lässt sich hochrechnen aus der Zahl der Erkrankten, den Geimpften und der geschätzten Dunkelziffer. Ein großer Prozentsatz der Amerikaner hat also bereits Antikörper. Ähnlich ist es wohl auch in Schweden und der Schweiz. Das liegt daran, dass diese Länder eine andere Form der Pandemie-Bekämpfung gewählt haben. Weil sie keine so restriktiven Maßnahmen ergriffen haben, haben bereits mehr Menschen eine natürliche Immunität erlangt; die Populationsempfänglichkeit für das Virus ist dort also geringer. In Deutschland ist die Populationsempfänglichkeit allerdings noch höher, weil es härtere Maßnahmen gegeben hat.

Was ist mit den viel beschworenen Mutationen?

Die generelle Angst vor Varianten, den sogenannten Mutationen, ist unbegründet. Zum einen ist festzuhalten, dass es bereits 7000 verschiedene Varianten gibt. Ganz speziell sieht die Realität bei der sogenannten UK-Variante anders aus als die Modelle vorhergesagt hatten. Die Befürchtung, dass die britische Mutante infektiöser sein könnte, hat sich aus den Beobachtungen in vielen europäischen Ländern bis dato nicht bestätigt: In Irland und Großbritannien gab es einen dramatischen Rückgang der Zahlen der Infizierten, obwohl dort etwa 90 Prozent die britische Mutation haben dürften. In Frankreich, Schweiz und Dänemark sehen wir anhand der empirischen Zahlen einen ähnlichen Trend. Trotz eines deutlichen Anstiegs des Anteils der britischen Mutation gehen die Fallzahlen weiter ungebrochen zurück. Wenn die Wirklichkeit nicht mit den Modellen übereinstimmt, bin ich dafür, dass wir die Modelle der Realität anpassen.

Wie kann sich ein Staat in einer Pandemie rational verhalten? Und wie sollte es weitergehen?

Was wir brauchen, sind fachübergreifende Expertenrunden. Alle Maßnahmen müssen aufgrund einer wissenschaftlich begründeten Risikoeinschätzung beschlossen werden. Dann können flexible, dynamische Stufenpläne verabschiedet und differenzierte Maßnahmen beschlossen werden. In den Expertenrunden sollten möglichst viele Disziplinen vertreten sein. Jeder Einzelne hat nur seine Position im Blick. Wenn ich einen Intensivmediziner frage, wird er aus seiner Sicht so viele Schließungen als möglich verlangen. Ein Kinderarzt wird so viele Öffnungen als möglich verlangen. Wir brauchen alle Disziplinen und unterschiedliche Experten in den einzelnen Disziplinen. Jeder Experte sagt schließlich etwas anderes. Zur den Disziplinen gehören neben anderen Virologen, Infektiologen, Epidemiologen, Krankenhaushygieniker, Sozilogen, Kinderärzte, Psychologen, und so weiter. Das Expertengremium muss die Entwicklung nachhaltig evaluieren. Damit ein solches Gremium funktioniert, wäre die Einsetzung eines Koordinators für Risikoabschätzung nötig. So etwas gibt es auch bei anderen Katastrophen, wie etwa einen Reaktorunfall.

Wie soll die Bevölkerung konkret geschützt werden?

Ein solcher Stufenplan ist auch eine Positivagenda. Er gibt den Leuten eine Perspektive. Auf diese Weise können wir Transparenz schaffen. Heute haben wir keine faktenbasierten Entscheidungen. Wir stolpern von Lockdown zu Lockdown. Und wir machen trotzdem Fehler: Die Öffnung der Schulen ist längst überfällig.

Die Pandemie-Politik in Deutschland war ja eines nicht – differenziert …

Die Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung dürfen nicht nach dem Gießkannenprinzip vorgehen. Es gibt eine unterschiedliche Risikoabschätzung für die einzelnen Zielgruppen. Warum sollen wir die Kinder und Jugendlichen wegschließen, obwohl sie kaum betroffen sind? Es ist stimmt nicht, dass das Sterben in den Altenheimen in den Kitas beginnt. Alte Menschen müssen endlich durchgehend stärker geschützt werden. Schulschließungen sind die Ultima Ratio und sollten wirklich nur bei der höchsten Risikostufe erfolgen. Es müssen auch regionale Unterschiede gemacht werden: Warum sollen die Einwohner in Schleswig-Holstein oder Rheinland-Pfalz Kontaktsperren haben, weil die Inzidenzzahlen in Thüringen oder Sachsen hoch sind? Das wichtigste bei den Maßnahmen ist die Differenzierung: Wir müssen differenzieren nach Alter, Region und Zeitpunkt. Das Virus ist nicht nur saisonal abhängig.

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Epidemiologe Klaus Stöhr

Wir haben wohl leider wenig aus dem gelernt, was wir vor einem Jahr falsch gemacht haben. Nun werden die Grenzen zu Tschechien und Tirol wieder geschlossen. Dabei ist völlig klar, dass in einer globalisierten Welt sich ein Virus nicht von geschlossenen Grenzen aufhalten lässt. Jetzt bereiten die ersten Bundesländer ihre eigenen Stufenpläne vor, wohl aus Mangel an Führungskraft auf nationaler Ebene. Das wird die Koordinierung nicht leichter machen. Ohne Perspektive wird es schwer, die Bevölkerung weiter mitzunehmen. Und daher sinkt wohl auch die Akzeptanz.

Was würden Sie machen, wenn Sie Pandemiekoordinator der Bundesregierung wären?

Ich würde die Experten zusammenrufen und ihnen sagen: Ihr habt eine Woche Zeit, um die Zahlen zusammenzutragen und das Problem zu formulieren. Wir erheben Dinge wie etwa: Wie groß ist der Anteil des Einzelhandels am Infektionsgeschehen? Welche Zahlen haben wir in den Schulen, in den Intensivstationen, den Alten- und Pflegeheimen. Dann würde ich sagen: Wenn ihr die Zahlen habt, legt mir drei Alternativen für die nächsten Schritte vor. Dann hätten wir eine Entscheidungsgrundlage, die auf einem wissenschaftlich fundierten Diskurs beruht. In vielen Unternehmen wird so entschieden – und es gibt unzählige Beispiele, dass komplexe Probleme so gelöst werden können.