Doktor Shreeram Kamalakar Ratnaparkhe versucht es erst einmal mit Ayurveda. Wenn die Patienten mit Husten oder Fieber in seiner Klinik in den Außenbezirken Millionenstadt Pune im Bundesstaat Maharashtra im Nordwesten Indiens zu ihm kommen, misst der Arzt den Sauerstoffgehalt im Blut. Wer noch über 90 Prozent Sauerstoff im Blut hat, dem verschreibt Ratnaparkhe einen Mix von Kräutern, Antibiotika und einem antiviralen Medikament. Die Pflanzenpulver sollen der altindischen Gesundheitslehre nach den Körper stark machen gegen das Virus. Liegt die Sauerstoffsättigung des Patienten unter 90 Prozent, hat der Arzt ein Problem.

Ratnaparkhe betreibt eine Privatklinik. Sie hat sich darauf spezialisiert, allerlei Gebrechen mit traditioneller indischer Heilkunst zu behandeln. Bei Bedarf kommt auch die Schulmedizin zum Einsatz. Seit einer Woche sind alle sieben Betten in seiner Klinik belegt. Vier bis fünf Covid-Kranke täglich kämen auf der Suche nach einem freien Krankenhausbett in Pune an seine Tür. Ratnaparkhe kann sie nicht aufnehmen. Der Arzt kann jene, die in Gefahr sind zu ersticken, aber auch nicht einfach wegschicken. Seine Kollegen seien überall in der gleichen Lage, sagt Ratnaparkhe. „Die Intensivstationen sind komplett voll. Wir Ärzte müssen dann ein paar Anrufe machen.“

Während der Patient nach Luft schnappt, muss er mit dem Arzt warten, bis sich mit lauter Sirene ein Ambulanzwagen der Praxis nähert. Im besten Fall ist er mit einem Sauerstoffzylinder ausgerüstet, im besten Fall rast der Krankenwagen dann mit dem Patienten über die Landstraßen in eine weiter entfernte Klinik in der ländlichen Umgebung Punes. Doch der beste Fall ist ein seltenes Glück. Überall in Indien und so auch in Pune ist der lebensrettende Sauerstoff knapp. Freie Beatmungsgeräte gebe es gar keine mehr in der Stadt, erzählt der Arzt. Und selbst die Zylinder, die von Hand aufgedreht werden, damit der Patient über einen Schlauch und eine Maske Sauerstoff einatmen kann, seien rar geworden.

Die Corona-Lage – ein Albtraum

Ratnarparkhe hat nur eine kurze Mittagspause lang Zeit, um am Telefon zu berichten, wie sich seine Arbeit, seine Stadt und sein Land innerhalb von wenigen Tagen in einen Albtraum verwandelt haben. Von November bis März habe er keinen einzigen Covid-Fall unter seinen Patienten gehabt. Von Mitte April an ergoss sich ein steter Strom von Kranken mit niedriger Sauerstoffsättigung in die Kliniken. Schulen und Hörsäle der Universität in Pune verwandelten sich in Feldlazarette.

Im ganzen Land sind laut offiziellen Zahlen derzeit 17,6 Millionen Menschen mit dem Coronavirus infiziert, 198.000 Menschen bislang verstorben. Fünf Tage in Folge liegt die Zahl der Neuinfektionen nun schon bei über 300.000 am Tag. Seit einer Woche gebe es Schlangen vor dem Krematorium in Pune, erzählt Ratnarparkhe, es sind Verwandte, die die Verstorbenen begleiten. Ununterbrochen brenne das Feuer, das die Toten verschlingt. Immerhin: Anders als in etwa in Delhi werden die Toten nicht auf Parkplätzen neben den Kliniken unter freiem Himmel verbrannt.

AFP/Prakash Singh
Versorgung eines Patienten mit Sauerstoff in Ghaziabad.

Die verzweifelte Suche nach Sauerstoff für die Covid-Patienten

Sauerstoff komme mittlerweile mit dem Zug aus dem Süden Indiens. Offenbar tut sich im gesamten Norden Indiens keine Quelle für Pune mehr auf. Der Arzt spricht von einer Rastlosigkeit, die die Menschen in seiner Stadt erfülle. Obwohl der Bundesstaat Maharashtra einen Lockdown verhängt hat, treibe es die Bewohner auf die Straße. Manche hamsterten Lebensmittel, obwohl die Lebensmittelgeschäfte noch geöffnet hätten. Andere suchten irgendeinen Gelegenheitsjob. Und viele versuchten auf dem Schwarzmarkt zu besorgen, was in den Kliniken fehlt.

„Die Menschen wollen unbedingt etwas organisieren, sei es Sauerstoff oder Remdesivir“, sagt der Arzt. Das antivirale Medikament galt im vergangenen Jahr als Hoffnungsträger im Kampf gegen das neuartige Virus. Die Weltgesundheitsorganisation WHO rät seit vergangenem Herbst von einer Behandlung von Covid-Patienten mit dem Arzneimittel ab. Es beeinflusse den Verlauf einer Erkrankung vor allem bei schweren Verläufen kaum, hieß es aus Genf. Der Arzt teilt das Urteil der WHO. Er sagt aber auch: „Wenn morgen jemand käme und von neuem Heilmittel spricht, würden die Menschen danach suchen.“ Es klingt, als sei eine ganze Stadt am Verzweifeln.

Der Arzt berichtet, dass sich das Coronavirus in der zweiten Welle seit Mitte April anders verhält als 2020. „Wir können nicht mehr davon sprechen, dass es eine bestimmte Altersgruppe gefährdet.“ Es erkrankten einfach alle, auch Babys. „Die Symptome sind schwerer, und die Sterblichkeit ist möglicherweise höher“, sagt der Mediziner. Ob dies nicht auch dem Kollaps der Kliniken geschuldet sein könnte? „Ich glaube, dass beides zutrifft. Wir können nicht mehr alle retten, die wir retten könnten. Und es sterben auch mehr Menschen, die die beste Behandlung bekommen.“

Die Virologen haben ihr Urteil über die indische Variante B.1.617 noch nicht endgültig gefällt. Sie besitzt ein Set von 13 Mutationen, eine dieser Veränderungen findet sich auch in der südafrikanischen und der brasilianischen Variante. Bislang wurde die indische Mutante noch nicht als besorgniserregend eingestuft. Sie steht aber unter Beobachtung.

Nach Angaben des Direktors des Zentrums für Zell- und Molekularbiologie in Hyderabad, Rakesh Mishra, hat sich die indische Mutante im Land bislang erfolgreicher verbreitet als andere Virus-Varianten. „Langsam wird sie sich durchsetzen“, sagte er. Jüngsten Angaben zufolge macht B.1.617 in Indien mittlerweile rund 60 Prozent der Corona-Neuinfektionen aus. Und ihre Verbreitung offenbart die Schwächen einer Nation, die sich auf den Weg zur Weltmacht sieht.

AP /Karma Sonam
Rituelles Bad im heiligen Fluss Ganges: Inder beim Kumbh-Mela-Fest Mitte April.

Ein Bad im Ganges ohne Corona-Einschränkungen

Ein Rückblick auf das sich selbst feiernde Indien Mitte April: Unter ausdrücklicher Billigung der hindunationalistischen Regierung unter Premierminister Narendra Modi nehmen 30 Millionen Inder ohne Corona-Einschränkungen beim Kumbh-Mela-Fest ein rituelles Bad im heiligen Fluss Ganges. Männer mit langen Haaren und Bärten plantschen in orange Tücher gehüllt oder auch nur mit Lendenschurz in dem Gewässer. Frauen bedecken ihr Haar mit seidenen Schals, bevor sie untertauchen. Auf Fotos sind auch fröhliche Fahnenträger zu sehen. Sie schwenken Indiens Nationalflagge als Zeichen der Einheit von Volk und hinduistischem Glauben.

Es ist die religiös orientierte Klientel der regierenden rechtsnationalen Bharatiya-Janata-Partei (BJP), die beim wichtigsten religiösen Fest der Hindus ein Bad im Ganges nimmt. Der Fluss soll angeblich einen Tropfen Amrit enthalten – den Nektar der Unsterblichkeit. In der Welt haben die Bilder vom maskenfreien und abstandlosen Treiben Verwunderung ausgelöst. Die indische Regierung verwies auf stichpunktartige Tests der Teilnehmer. Der BJP-Politiker Tirath Singh Rawat, Regierungschef des nordindischen Bundesstaates Uttarakhand, erklärte, dass das Vertrauen in das Göttliche die Angst vor dem Virus überwinde.

Der Indien-Experte Christian Wagner von der Forschungsgruppe Asien des Deutschen Instituts für Internationale Politik und Sicherheit in Berlin nennt Premierminister Narendra Modi einen „schlauen Politiker“. Der 2014 in sein Amt gewählte Hindunationalist wisse, wie er die Religiösen umgarne und das nationale Lager hinter sich vereint. Das höchste Fest des Hinduismus wegen eines Virus abzusagen, sei für Modi nicht infrage gekommen, sagt Wagner. Modis BJP lud während der Wahlkämpfe in wichtigen Bundesstaaten wie West-Bengalen in den vergangenen Wochen auch zu Massenveranstaltungen – als wäre das Virus keine Gefahr mehr, solange die Hindunationalisten die Nation beschützten.

AFP/Jewel Samad
Eine Familie in Neu-Delhi beim Abschied von einem Covid-Toten.

2020 war die offizielle Sterberate sehr niedrig

Virologen spekulierten im vergangenen Jahr darüber, warum Indien im Vergleich zu westlichen Ländern glimpflicher durch die Pandemie kam. Sie nannten die junge Bevölkerung oder das warme Wetter als Gründe. Auf die Bevölkerungszahl bezogen wies Indien den offiziellen Zahlen zufolge 2020 eine bemerkenswert niedrige Sterberate durch den neuartigen Erreger auf. Die Regierung Modi reklamierte den Erfolg für sich, hatte sie doch im Frühjahr 2020 einen besonders strengen Lockdown über das Land verhängt.

Es war eine Rosskur für Indiens Wirtschaft, die das Land nach Wagners Meinung nicht noch einmal überleben würde. Doch die Mühe schien sich gelohnt zu haben. „Man sah sich schon auf der Siegerstraße“, sagt Wagner.

Experten bezweifeln allerdings die offiziellen Corona-Statistiken. Sie stellen die Frage, warum im ganzen Land kein Platz mehr auf Friedhöfen ist und Leichen unter freiem Himmel verbrannt werden müssen. Bundesstaaten meldeten Totenzahlen, die nur einen Bruchteil der gemeldeten Einäscherungen ausmachten. Gautam Menon von der Ashoka-Universität im nördlichen Bundesstaat Haryana schätzt, dass die Zahl der Toten in Indien bis zu zehn Mal höher ist als offiziell angegeben.

Die drittgrößte indische Zeitung The Hindu veröffentlichte am 26. April einen Bericht, dem zufolge in Modis Heimatstaat Gujarat im Westen Indiens die Totenzahlen der Regierung und Statistiken von Kliniken und Krematorien eklatant voneinander abwichen. Ein Krankenhaus in der Stadt Ahmedabad allein schickte am 25. April 125 Leichen zur Verbrennung. In ganz Gujarat soll es an diesem Tag 157 Corona-Tote gegeben haben.

Die Regierung in Neu-Delhi reagierte auf ihre Art auf die Medienberichte. Der Nachrichtendienst Twitter beugte sich staatlichem Druck und löscht seit einigen Tagen Tweets, in denen die Regierung kritisiert und ihre Angaben infrage gestellt werden. Der BJP-Regierungschef des nördlichen Bundesstaats Uttar Pradesh, Yogi Adityanath, fordert die Behörden sogar auf, den Besitz von Bürgern zu beschlagnahmen, die durch Äußerungen in sozialen Medien „die Atmosphäre vergifteten“.

Grafik: BLZ/Hecher, Quelle: JHU

Indiens desolates Gesundheitssystem

Für den Indien-Experten Christian Wagner steht fest, dass das Leben der meisten Inder von einem desolaten öffentlichen Gesundheitswesen abhängt. Entgegen den Ankündigungen von Modi, die Ausstattung verbessern zu wollen, habe sich im vergangenen Jahr wenig getan.

Statt sich auf eine zweite Welle der Pandemie vorzubereiten und etwa die Sauerstoffproduktion anzukurbeln, reizte Indiens Regierung ihr Blatt als „Apotheke der Welt“ aus. Das Land übernahm eine Schlüsselrolle bei der Produktion von Impfstoffen gegen das Coronavirus. Ähnlich wie China schloss Indien mit vielen Entwicklungsländern Lieferverträge für das in Indien entwickelte Covax-Vakzin und die in Lizenz produzierte Astrazeneca-Version Covishield. Indien wollte gleichziehen, um geopolitisch nicht vom Rivalen China abgehängt zu werden. Der einheimische Bedarf schien im Kalkül der Regierung weniger wichtig zu sein. „Man hat die Produktionsmöglichkeiten für den einheimischen Markt offenbar falsch eingeschätzt“, sagt der Experte Wagner.

Nach aktuellem Stand haben rund acht Prozent der Bevölkerung ihre erste Impfdosis erhalten. Es wird dauern, bis das Virus durch eine herbeigeimpfte Herdenimmunität in Schach gehalten werden kann. Zeit, die vielen Covid-Patienten bei zur Neige gehenden Sauerstoffvorräten in Pune und in ganz Indien fehlt.

Einige Staaten, darunter auch Deutschland, schicken nun mit Sauerstoff beladene Flugzeuge nach Indien. Sogar die mit Indien verfeindete Atommacht Pakistan hat Hilfe angeboten. In Pakistan sorgte eine Solidaritätskampagne für den gebeutelten Nachbarn in den sozialen Medien für Aufsehen. Indiens Regierung würde aber Sauerstoff aus Pakistan niemals annehmen, glaubt Christian Wagner. „Das käme einer nationalen Schmach gleich.“