Ein Arbeiter desinfiziert eine U-Bahn in Teheran.
Foto: AP Photo/Ebrahim Noroozi

TeheranSchulen und Universitäten in Teheran sind geschlossen, viele Cafés verwaist. Die Kellner tragen Mundschutz und Handschuhe. Die meisten Fluglinien haben ihre Verbindungen in den Iran gestrichen. Der stellvertretende Gesundheitsminister hat sich infiziert – ebenso wie andere Politiker und Funktionäre. „Alles hier dreht sich um Corona“, schildert Adnan Tabatabai, Politikwissenschaftler und Iran-Experte aus Deutschland, die Situation in der iranischen Hauptstadt. „Das System fährt runter. Teheran ist eine Stadt auf Sparflamme.“

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Nach China, wo das Virus zum ersten Mal auftrat und sich rasant verbreitet hat, ist der Iran – enger Handelspartner Chinas – das am stärksten betroffene Land: Das Mullah-Regime meldet derzeit um die hundert Infizierte. Regierungsvertreter widersprechen sich in der Zahl der Todesfälle. Mal ist von weniger als 20 Toten in ganz Iran, dann von 50 Toten allein in der Stadt Qom die Rede. Tatsächlich ist die Zahl der Infektionen wohl deutlich höher als angegeben. In einer am Dienstag veröffentlichten Studie rechnen kanadische Wissenschaftler mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent mit mehr als 18.000 Infektionen im Iran.

Iranische Regierung hat bisher keine Gebiete abgeriegelt

Der Iran ist ein beliebtes Reiseziel in der muslimischen Welt. Die Pilgerstätte in der Stadt Qom wird nach staatlichen Angaben pro Jahr von 5,2 Millionen Gläubigen aus dem Ausland besucht. Bisher hat die iranische Regierung im Gegensatz zu vielen anderen betroffenen Staaten keine Gebiete abgeriegelt. Zahlreiche Fluglinien haben ihre Verbindungen jedoch auf eigenen Beschluss gestrichen.

Adnan Tabatabai ist Mitgründer und Geschäftsführer des Thinktanks Carpo in Bonn, der Wissenschaftler mit Unternehmern vernetzt. Als Iran-Experte berät er Bundesministerien und Stiftungen. Gerade ist er aus persönlichen Gründen in Teheran. Zu spät habe das Regime das Ausmaß des Problems öffentlich gemacht, sich im Krisenmanagement als schwach erwiesen, sagt er. Durch unterschiedliche Meldungen zu Betroffenenzahlen gehe weiteres Vertrauen verloren.

Berichte über eine Notlage gibt es bisher nicht

„Doch die Kritik ist – wie immer im Fall von Iran – politisch extrem eingefärbt“, sagt Tabatabai. Die Inkompetenz der iranischen Regierung würde von politischen Gegnern überspitzt, das Virus auf verantwortungslose Weise instrumentalisiert. In Teheraner Medien und auch in der Zivilgesellschaft werde das Thema „lebensnaher und weniger polemisch“ diskutiert. „Man konzentriert sich auf das Wesentliche.“

Auf Werbetafeln und in den sozialen Medien klärten staatliche Stellen und private Unternehmen inzwischen intensiv darüber auf, wie eine Ansteckung am besten zu vermeiden ist: Kein Händeschütteln. Keine Begrüßungsküsse. Häufiges Desinfizieren. Eine Armlänge Abstand.

Schwer einzuschätzen ist, wie Krankenhäuser den Ansturm bewältigen. Berichte über eine Notlage gibt es bisher nicht – was bei der Informationspolitik des iranischen Regimes allerdings wenig bedeutet.

China und Iran proben den politischen Schulterschluss

Seit Monaten steht der Iran unter anderem wegen Angriffen auf US-Stützpunkte unter scharfen US-amerikanischen Sanktionen, was die Versorgung erschwert. „Auch bei nicht sanktionierten Gütern hat der Iran oft Probleme, Handelspartner zu finden“, so Tabatabai. Dazu zähle medizinisches Equipment, von hochwertigen Instrumenten über antiseptische Mittel bis hin zu Masken und Mundschutz. „Sie werden in zu großer Masse gebraucht. Sie werden jetzt knapp.“

Die besonders betroffenen Diktaturen China und Iran proben in der Krise den politischen Schulterschluss: Regierungsvertreter in beiden Ländern bekundeten Solidarität, berichtet Tabatabai. In Teheran wurde der berühmte Azadi Tower mit Solidaritätsbekundungen in chinesischen Schriftzeichen angestrahlt. Passend zum politischen Kontext, so Tabatabai, „in dem sich der Iran vom Westen abwendet“.