Großbritanniens Premier Boris Johnson.
Foto: AFP/DANIEL LEAL-OLIVAS

Zu Wochenbeginn erklärte Boris Johnson seinen Landsleuten, dass sie nun ihre Wohnungen nicht mehr ohne weiteres verlassen dürften. Tags darauf drängten sich U-Bahn-Passagiere in London auf engstem Raum.

Das Foto, mit dem eine verzweifelte Krankenschwester die Lage dokumentierte, machte vor allem eines klar – nämlich wie unklar vielen Briten die Anweisungen „von oben“ noch immer sind. Einerseits sollen sie sich unverzüglich daheim isolieren. Andererseits hält die Regierung es für nützlich, wenn die Wirtschaft am Laufen gehalten wird, die Bevölkerung also weiter zur Arbeit geht.

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Johnson sorgte wochenlang für Verwirrung

Verwunderlich ist die Ungewissheit nicht. Der Premierminister selbst hat wochenlang mit seinen Äußerungen für Verwirrung gesorgt. Noch am 1. März hatte Johnson gemeldet, das Virus werde sich zwar „aller Wahrscheinlichkeit ein bisschen weiter ausbreiten“. Aber Britanniens staatliches Gesundheitswesen, der NHS, sei in der Lage, damit fertig zu werden. Davon sei er „voll überzeugt“. Zwei Tage später berichtete der Regierungschef stolz, dass er noch immer überall Hände schüttele. Selbst nach dem ersten britischen Todesfall beteuerte er, es gelte der Leitsatz „business as usual“. Die „riesige Mehrheit“ seiner Landsleute könne getrost weitermachen wie bisher.

Vom 10. bis 13. März strömten eine Viertelmillion Gäste mit Zustimmung der Regierung zum jährlichen Pferderenn-Festival nach Cheltenham – obwohl Johnson der Nation währenddessen eröffnen musste, dass leider „noch viele Familien liebe Angehörige verlieren werden“. Und Mitte des Monats weigerte sich der Premier noch standhaft, Restaurants, Pubs, Geschäfte oder Schulen per Anordnung zu schließen. Nicht wenige Briten fragten sich, ob es wichtiger war, die Räder des Kommerz am Laufen zu halten, als für den Schutz der Bevölkerung zu sorgen.

In diese Richtung wies jedenfalls eine Formulierung des wissenschaftlichen Top-Beraters Johnsons. Sir Patrick Vallance sprach davon, man müsse eine „Herden-Immunität“ gegen das Virus aufbauen. Eine solche Immunität der Widerstandsfähigsten sei bei einer Ansteckung von mindestens 60 Prozent der Bevölkerung zu erwarten.

„Halt Pech, wenn das bedeutet, dass ein paar Rentner dabei draufgehen“

In den Ohren vieler Briten klang das, als sollten die Alten und Schwächsten im Lande dem Volkswohl geopfert werden. Der nagende Verdacht verstärkte sich, als Johnsons rabiater Chef-Stratege Dominic Cummings mit den Worten zitiert wurde, der Schutz der Wirtschaft müsse Priorität haben – und es sei „halt Pech, wenn das bedeutet, dass ein paar Rentner dabei draufgehen“. Cummings hat diese Version bestritten und soll Johnson in der Folge zum Umdenken gedrängt haben.

Wegen mangelnder Transparenz in Sachen Regierungsplanung kommen aber immer mehr Briten Zweifel, wenn sie Johnsons feierliches Gelöbnis hören, er werde bis Juni das Blatt gewendet haben und „das Virus alsdann zum Teufel jagen“, für alle Zeit.

Donald Trumps Rhetorik lässt hier grüßen. Johnsons Landsleute sollen offenbar glauben, dass ihre Nation auch in der gegenwärtigen Krise anderen Nationen überlegen bleibt. Was sich da auf fatale Weise rächt, sind nicht zuletzt nationalistische Töne aus vier langen Brexit-Jahren, gekoppelt mit tiefsitzenden neoliberalen Auffassungen, wie sie der jetzt in London regierenden Tory-Rechten zu eigen sind. Denn bis Montag dieser Woche sträubte sich Johnson noch gegen eine feste Hand bei der Eindämmung des Virus. Sportplätze, Kulturinstitutionen, Schulen und einzelne Gaststätten schlossen in Eigeninitiative, bevor es der Staat es anordnete. Nun muss sich der Premier vorhalten lassen, neun kostbare Wochen vergeudet zu haben.

Denn von Mitte Januar an, als klar wurde, dass das Virus zwischen Menschen übertragbar ist, „hatten wir im Vereinigten Königreich Zeit, hinzuhören, zu lernen und uns vorzubereiten“, zieht der Edinburgher Professor für Weltgesundheit, Devi Sridhar, bitter Bilanz. Jetzt, sagt Sridhar, suche man in größter Eile die Zeit wettzumachen, die durch zwei Monate Passivität verloren gegangen ist. Skeptiker schauen schon angsterfüllt nach Italien – und befürchten, dass ihnen auf der Insel noch Schlimmeres droht.