Wir haben alle nicht gerade die beste Zeit unseres Lebens. 
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BerlinWer in Krisenzeiten lebt, die länger andauern als ein paar Tage oder Wochen und auf die man selbst keinen Einfluss hat, reagiert meist pragmatisch: Man richtet sich, so gut es geht, darin ein. So ist es auch mit der Corona-Pandemie. Auch wenn es manchmal anders aussehen mag, die meisten von uns halten sich an die Corona-Auflagen: Maske tragen, keine Partys, jedenfalls keine großen, Vorsicht beim Besuch der betagten Eltern, Homeoffice, wo es geht. Es ist nicht das tollste Jahr, das wir gerade erleben, aber ich finde, wir kriegen das alle ganz gut hin. Man hält sich an das, was geboten ist.

Problematisch wird es allerdings, wenn die Ansagen dazu widersprüchlich sind. Genau das aber erleben wir zur Zeit.

Eigentlich haben wir uns gerade an den Gedanken gewöhnt, dass es Berlin mal wieder vermasselt hat. Einzelne Bezirke tauchen auf dem bundesweiten Ranking der höchsten Fallzahlen pro Einwohner ganz oben auf. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn attackierte die Hauptstadt, in der man merkwürdig angeschaut würde, wenn man ein Restaurant mit Maske betritt. Auch der CDU-Generalsekretär machte Berlin heftige Vorwürfe. Schleswig-Holstein überlegt gar, Reisende aus Neukölln, Mitte oder Friedrichshain-Kreuzberg unter Quarantäne zu stellen. Die Kritik von außen ist so harsch, dass die Berliner Politiker reagieren. Nun ist von Alkoholverboten die Rede, womöglich haben wir bald eine Sperrstunde in Berlin.

Das alles wäre leichter auszuhalten, wenn es nicht auch ganz andere Stimmen gäbe. Die ARD hat am Montag darüber berichtet. In einem Brennpunkt gleich nach der Tagessschau wurde die Frage gestellt, was uns der Anstieg der Infizierten-Zahlen eigentlich sagt. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber mir persönlich sagte der Anstieg der Zahlen bisher: Ja, jetzt kommt der Herbst, jetzt muss man wohl mal wieder ein bisschen vorsichtiger werden. Man kann sich natürlich irren.

Den Ärztevertretern, die interviewt wurden, sagte der Anstieg der Fallzahlen nämlich – nichts. Man sollte versuchen, von den Zahlen wegzukommen, sagte einer von ihnen, und ein anderer erklärte, die Fokussierung auf Corona sei „schon extrem“. Der Virologe Hendrik Streeck erklärte, dass natürlich alle Experten mit einem Anstieg der Infektionszahlen rechneten. Und klar, 20.000 mehr pro Tag, das klinge vielleicht nach Apokalypse, aber es sei wirklich kein Grund, Angst zu haben.

Dann wurde eine Grafik eingeblendet. Man sah eine rote Linie, die erst deutlich nach oben zeigte und dann schnell wieder abfiel. Danach bewegte sie sich wie eine Schlange am Boden immer weiter nach rechts. Die rote Linie zeigte die Fälle der Menschen, die „an und mit Corona“ gestorben sind. Die Unterscheidung sollte deutlich machen, dass längst nicht alle, die in der Statistik gezählt werden, echte Corona-Tote sind. Sie war aber letztlich unerheblich, denn es gibt derzeit ohnehin sehr, sehr wenige Corona-Tote. Es gibt überhaupt sehr wenige Corona-Infizierte, die gerade im Krankenhaus behandelt werden müssten.

Am nächsten Tag hört man einen Experten der Charité beim Radiointerview zu, der sagt, das mit den Fallzahlen pro 100.000 Einwohner sei längst überholt. Auch er betont, dass die schweren Fällen entscheidend seien, von denen es aber nur wenige gebe.

Das ist natürlich ein Grund zu großer Erleichterung. Man hätte an dieser Stelle Ärzten, Pflegepersonal und auch den Bürgerinnen und Bürgern sagen können, dass sie vieles sehr gut gemacht haben in den vergangenen Monaten. Aber leider enthält jede neue Botschaft aus der Pandemie vor allem eine neue Mahnung an uns Bürgerinnen und Bürger. Jetzt lautet sie, dass wir uns in Phase zwei der Pandemie befinden und nun lernen müssten, mit dem Virus zu leben. Ich weiß ja nicht, was Sie bisher gemacht haben, aber ich dachte eigentlich, dass wir seit März lernen, mit dem Virus zu leben. Leider wurde nicht genau erklärt, was die Experten jetzt von uns erwarten.

Es ist vor allem schwierig, diese Informationen mit den Aussagen der Bundeskanzlerin zusammenzubringen. Im Bundestag erklärte sie erst vor wenigen Tagen, dass man jetzt auf keinen Fall nachlassen dürfe im Hinblick auf die Schutzmaßnahmen. Die steigenden Zahlen kommentierte sie mit den Worten, dass sie befürchte, man könne das bisher Erreichte durch Leichtfertigkeit verspielen.

Liebe Experten und Politiker, was sind wir denn nur – zu leichtfertig oder zu panisch? Bitte nur ernstgemeinte Zuschriften.