Ein junger Mann mit Maske liest in einem Schulbuch. (Symbolbild)
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New YorkStephanie Keith fühlt sich hilflos in diesen Tagen des Coronavirus. Als arbeitende, alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern, die zu Hause sitzen, sieht die New Yorker Fotoreporterin sich, wie viele Eltern, restlos überfordert. „Mein Sohn“, berichtet sie, „lernt nicht gut, wenn er nur Arbeitsblätter hat“, sagt sie. „Aber ich kann nicht für ihn da sein und den ganzen Tag mit ihm lernen.“

Ende der vergangenen Woche hat der New Yorker Bürgermeister Bill de Blasio beschlossen, die öffentlichen Schulen der Stadt für den Rest des Schuljahres zu schließen. Konventioneller Unterricht wird frühestens wieder im September beginnen. Nun haben Eltern wie Stephanie Keith Angst, dass ihre Kinder in ihrer Ausbildung hoffnungslos ins Hintertreffen geraten.

Die New Yorkerin Keith ist nicht alleine mit ihren Ängsten. 20 Staaten der USA haben bereits beschlossen, in diesem Schuljahr nicht wieder zu öffnen. Je mehr sich das Virus von der Ostküste aus über das Land ausbreitet, desto mehr Staaten werden sich dieser Regelung wohl anschließen.

US Bildungsministerin Betsy DeVos hat in dieser Lage zwar die Parole ausgegeben, das Lern-Niveau nicht nur zu halten, „sondern in vielen Fällen mit Hilfe der neuen Technologien sogar anzuheben.“ Doch gerade in vielen öffentlichen Schulen wie jener, die Stephanie Keiths Kinder in New York besuchen, ist das mehr eine Wunschvorstellung, denn ein realistisches Ziel.

Der Unterschied im Lern-Niveau zwischen den oft sehr teuren Privatschulen und den bezahlbaren öffentlichen Schulen der USA ist bereits in normalen Zeiten eklatant. Nun droht die Coronakrise in den USA dieses soziale Ungleichgewicht noch deutlich zu verschärfen.

So konnten viele Privatschulen rasch und unbürokratisch auf Online-Betrieb umstellen. Die Schüler waren durchweg mit Endgeräten ausgestattet. Die Lehrer hatten die Kapazitäten, sich direkt mit den Problemen einzelner Schüler zu beschäftigen und helfend einzugreifen.

In vielen Schulbezirken kämpfen die öffentlichen Schulen zurzeit hingegen darum, überhaupt den Betrieb aufrecht zu halten. In Los Angeles etwa, wo 80 Prozent der Schüler an den öffentlichen Schulen aus Familien kommen, die unterhalb der Armutsgrenze leben, sind 15.000 Kinder seit der Schulschließung verschwunden. 40.000 Kinder melden sich nur unregelmäßig bei ihren Lehrern.

Die Hindernisse für viele dieser Familien sind schier unüberwindbar. Viele Haushalte habe keinen Breitband-Internetanschluss, es mangelt an Endgeräten – auch, wenn die Schulbezirke von Los Angeles und New York – die größten Schulbezirke des Landes – noch kurz vor der Schulschließung Zehntausende von Chromebooks und iPads ausgegeben haben.

Doch da hören die Schwierigkeiten nicht auf. Die Familien unterprivilegierter Kinder sind häufiger als andere von der Krankheit betroffen. Kinder haben es mit kranken Eltern und Geschwistern zu tun und müssen oft Aufgaben im Haushalt übernehmen. Viele Eltern sind zudem arbeitslos geworden und kämpfen um das Überleben. Für das Lernen bleibt da oft keine Zeit mehr.

In New York haben 114.000 Kinder noch gravierendere Hindernisse. Ihre Familien sind obdachlos, sie müssen in überfüllten Notunterkünften versuchen, ihre Schularbeiten zu machen. Nicht zuletzt dieser Kinder wegen hat Bürgermeister De Blasio lange gezögert, die Schulen zu schließen. Die Schulen entlasteten die Familien und boten den Kindern wenigstens eine warme Mahlzeit.

Für die Ausbildung und die Berufsaussichten dieser sozial schwachen Schüler könnte die Corona-Krise deshalb verheerende Auswirkungen haben. So sagt der Schul-Koordinator des Schuldistrikts Miami, Alberto Carvahlo: „Wir sehen uns einer historischen akademischen Regression unserer schwächsten Bevölkerung ausgesetzt.“

Die erzwungene Umstellung auf digitalen Unterricht ist deshalb in den USA nur dort ein Erfolg, wo ohnehin ausreichende Ressourcen für eine gute Ausbildung vorhanden sind. Thomas Hatch, Pädagogik-Professor an der New Yorker Columbia University sagt: „Wir wissen, dass Online-Unterricht niemals ungleiche Voraussetzungen ausgleicht. In der Regel werden sie dadurch verstärkt.“