Frau mit Mundschutzmaske.
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BerlinUnter Klaus Wowereit war Berlin arm, aber sexy. Nach der Corona-Krise wird Berlin weniger sexy sein und erheblich ärmer. Die ertragreichsten Branchen der Stadt müssen weiterhin mit extremen Einschränkungen rechnen: Clubs, Bars, Konzerte, Theater und sogar private Partys bleiben verboten. Die Vorschriften werden offenbar konsequent geahndet: Als Freunde neulich eine Grill-Party veranstalteten, benachrichtigten Anwohner die Polizei. Jeder der Anwesenden sollte wegen des Verstoßes gegen das Infektionsschutzgesetz 1500 Euro Strafe zahlen. Insgesamt spielte der Einsatz 25.000 Euro in die leeren Kassen der Stadt.

Strafgelder allein werden die Corona-Ausfälle jedoch nicht wettmachen. Der Finanzsenator legte dieser Tage erste Zahlen vor. Im Vergleich zum März sanken die Einnahmen aus der Gewerbesteuer im April um 90 Prozent und aus der Umsatzsteuer um 37 Prozent. Erträge aus der Übernachtungs- und Vergnügungssteuer fehlen vollständig, ebenso die Spielbankabgabe. Ähnlich verhält es sich auf Bundesebene.

Zugleich müssen Bund und Länder Milliarden aufbringen: Kurzarbeit, Soforthilfe, Kredite und andere Zuwendungen haben das volle Ausmaß des Crashs bislang abgefedert. Doch zahlreiche freie Berufe, Selbstständige, Kleinunternehmer, Werkstudenten oder Freelancer stehen jetzt schon vor existenziellen Problemen. Sie sind in Berlin als Stadt der Kreativen und der digitalen Bohème besonders zahlreich – und sie machen nicht nur den Charme der Stadt aus, sondern sind auch ein zentraler Wirtschaftsfaktor.

Die Corona-Krise trifft junge Leute in einer ohnehin schwierigen Lage: Viele von ihnen kämpfen seit Jahren um ein ordentliches Auskommen. Eine alternde Bevölkerung, die dank guter Gesundheit lange im Berufsleben bleiben kann, verbaut ihnen den Eintritt ins geregelte Berufsleben. Die Lebensläufe vieler Dreißigjähriger sind ein Flickenteppich aus Praktika, befristeten Jobs und Studienaufenthalten. Obschon oft besser ausgebildet als die Alten, kommen sie nicht zum Zug.

Und diejenigen, die es doch geschafft haben, sind in der Corona-Krise oft die ersten, die wegen des Betriebszugehörigkeitsgesetzes das Unternehmen verlassen müssen. Ihre soziale Absicherung ist überschaubar, die Perspektive oft schlecht. An Schulen und Universitäten werden die Unterrichtsausfälle und Einschränkungen die Lage des jugendlichen Prekariats in Zukunft eher verschärfen.

Die Entwicklung hat auch eine politische Dimension. Die New York Federal Reserve hat Anfang Mai eine Untersuchung der Zahlen aus dem Deutschland der 1930er-Jahre vorgelegt: Es zeigt sich ein Zusammenhang zwischen den Zahlen der Opfer der Spanischen Grippe von 1918, den Ausgaben für Wohlfahrt der Kommunen und dem Aufstieg des politischen Extremismus. Untersucht wurden vor allem jene öffentlichen Ausgaben, die Kindern und Jugendlichen zugutekamen. Fazit der Notenbank-Studie: Je mehr junge Leute an den Folgen der Pandemie starben und je weniger die Städte in der Lage waren, den jungen Leuten eine Perspektive zu geben, desto stärker schnitten die Nationalsozialisten bei den entscheidenden Wahlen 1932 und 1933 ab. Interessant: Nur die Rechtsextremen profitierten von der Lage. Die Kommunisten verloren in derselben Zeit an Zuspruch.

Glücklicherweise gibt es nur wenige jugendliche Todesfälle wegen Corona. Und doch zeichnet sich ab, dass nicht die Rentner, sondern die jungen Leute am meisten unter den Folgen der Pandemie leiden werden. Ein harter Verteilungskampf steht bevor: Alle sind von Corona geschädigt. Es ist jedoch bei weitem nicht so viel Geld vorhanden, wie zur Rettung benötigt wird. So stellt sich die Frage: Welche Branchen sollen gerettet werden und welche nicht? Wer hat Priorität?

Die Erfahrungen der 1930er-Jahre legen nahe, öffentliche Gelder nicht zur Rettung von großen Unternehmen zu verwenden. Sie sollten mit einem klaren Schwerpunkt den jungen Leuten zugutekommen – etwa in der Form von Lohnkostenzuschüssen für neue Arbeitsplätze für junge Frauen und Männer. Die Jungen haben in der Corona-Krise Solidarität mit den Alten gezeigt. Sie haben einen Preis gezahlt. Die Gesellschaft steht in ihrer Schuld.