„Wer kann, lege etwas hinein. Wer nicht kann, der nehme sich etwas heraus“: Der Corona-Lockdown war auch die Zeit des Helfens. 
Foto: Reuters/Ciro De Luca

NeapelEine Straße in Neapel. Von einem der oberen Stockwerke hängt ein Korb hinunter mit einem Zettel. Auf dem steht: „Wer kann, lege etwas hinein. Wer nicht kann, der nehme sich etwas heraus.“ Ich bin gerührt. Mir kommt in den Sinn: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“ Karl Marx schrieb das 1875 in seiner Kritik des Gothaer Programms. Das war für ihn das Fernziel der Revolution. So würde Gesellschaft im Kommunismus funktionieren. Dieser Zettel am Korb ist der Vorschein einer humanen Gemeinschaft.

Aber bleiben wir erst einmal bei dem Korb, statt gleich assoziierend in ein Utopia zu entfliehen. Dieser Korb hing wirklich hinunter, und dieser Zettel steckte wirklich an ihm. Wir nehmen einmal an, es war so. Es handelt sich also um kein gestelltes Foto. Es ist ein kleiner Korb.

Man muss nicht viel haben, um in diesen Korb etwas legen zu können. Man muss sehr bedürftig sein, um sich aus diesem Korb etwas zu nehmen. Zum Beispiel die kleine Büchse mit geschälten Tomaten, die obenauf liegt. Hier gibt es keine Gesellschaft. Hier gibt es nur die eine Person, die den Korb, in den sie sich sonst etwas hineinlegen lässt, das Nachbarn, Freunde, Verwandte ihr eingekauft haben, jetzt nutzt, um etwas zu geben. Nicht den Nachbarn, Freunden, Verwandten, sondern Bedürftigen, Fremden. Sie weiß natürlich, dass es – wir sind in Neapel – auch Leute gibt, die die Tomatenbüchse klauen und für ein paar Cent verkaufen. Aber das Risiko geht die unbekannte Person ein. Sie weiß: Es gibt keinen Gebrauch ohne Missbrauch.

Zur Lage gehört nicht nur, dass der Korb klein ist. Wichtig ist auch: Es ist nur einer. Es hängen nicht aus allen Fenstern die unterschiedlichsten Angebote herunter. Keine Fußbälle, keine Skateboards, keine Spiele, keine Bücher. Da oben ist eine Person, die möchte denen, die nichts zu essen haben, etwas zu essen geben, und sie fordert die anderen auf, es ihr gleich zu tun. Sie weiß, das würde uns schon ein ganzes Stück weiterhelfen.

Der Mensch ist keine Ich-AG

Ich würde sie gerne kennenlernen, diese unbekannte – ich bin mir sicher, es ist eine Frau – Neapolitanerin. Die Aufnahme stammt vom 30. März 2020. Corona-Zeit. Ausgangssperre. Nur für das Allerwichtigste darf man aus dem Haus. Die sonst vollgedrängte Straße in der Altstadt von Neapel ist leer. Kaum jemand kommt an dem Korb vorbei, um etwas hineinzutun oder sich etwas herauszunehmen. Hilfsbereitschaft, könnte ein Zyniker sagen, kostet in solchen Zeiten nicht viel. Andererseits wissen wir, dass in Zeiten der Not die Hilfsbereitschaft wächst. Der Mensch ist keine Ich-AG. Die Idee der Profitmaximierung steckt ihm nicht in den Genen. Er muss sie sich antrainieren. Der eine mehr, der andere weniger.

In Italien war es während des Lockdowns verboten, draußen zu joggen. Schon bevor es so weit war, wurden Jogger von den Fenstern herunter immer wieder beschimpft. Als würden sie das Virus geschwind durch die Städte tragen. Die Stunde der Exekutive ruft immer auch die auf den Plan, die gerne exekutieren wollen. Der Lockdown ist ohne den auf ihn achtenden Blockwart nicht zu denken. Das Coronavirus und unsere Maßnahmen gegen es, haben unsere Welt verändert. Fotos wie dieses zeigen das. Die Vorstellung aber, man könnte etwas hinüberretten aus den Zeiten der Gefahr ins normale Leben, scheint mir abwegig. Die Tatsache, dass jetzt Milliarden locker sitzen für notleidende Firmen oder sogar notleidende Einzelne, lässt viele hoffen, man werde nun entdecken, dass man auch Geld zur Bekämpfung des Klimawandels, Geld für die Digitalisierung Deutschlands, Geld für die von der Modernisierung zunehmend ausgeschlossenen Gegenden in Ost und West habe.

Alte Nöte kommen zurück

Damit ist nicht zu rechnen. Bald wird alles wieder sein wie zuvor. Im Guten wie im Bösen: Wir werden einander wieder umarmen und herzen. Die Blockwarte ziehen sich wieder auf den Kreis ihrer Familie zurück. Die Taschendiebstähle werden zunehmen, und die betrügerischen Manipulationen (nicht nur) der Automobilindustrie. Es werden wieder Leute kommen – dieselben wie vor einem Jahr –, die uns predigen: „Die Ausländer sind unser Unglück“. Wir werden dem wieder zuhören. Erfreut oder verärgert, aber wohl immer auch mit dem Gefühl der Erleichterung, dass wir uns nicht mehr über Sars-CoV-2 informieren müssen, dass uns nicht mehr zu interessieren braucht, dass in Bayern mehr als 2000 Menschen Opfer des Erregers wurden und in Mecklenburg-Vorpommern nur 20. Wir geraten uns auch nicht mehr in die Wolle darüber, ob das Coronavirus die Leute umgebracht hat, oder ob es nur in den Toten gefunden wurde. Der Erreger Sars-CoV-2 interessiert uns nicht mehr. Dankbar lassen wir uns wieder vom Gefälle zwischen Arm und Reich, vom Treiben jugendlicher Gangs erregen.

Die Neapolitanerin wird den Zettel vom Korb entfernen. Sie lässt ihn jetzt nur noch herunter, wenn der Nachbarssohn nach ihr ruft, damit sie ihm den Einkaufszettel und das Einkaufsgeld herunterlässt. Eine halbe Stunde später ruft er wieder und sie lässt den Korb herunter, damit er die Einkäufe hineinlegen kann. Sie hat sich wieder einen Gang über drei Stockwerke erspart. Die neue Not ist gebannt. Die alten Nöte verlangen ihr Recht.

Die Erinnerungen verschwimmen

Aber – ich glaube an dieses Aber – es bleibt eine mal blasser werdende, dann wieder erstarkende Erinnerung daran, dass all unsere Sorgen einmal fast nichtig wurden angesichts einer alles unter sich begrabenden riesengroßen Furcht. Für ein paar Wochen relativierte sich alles, weil ein neuer Faktor unsere ganze Welt neu justierte: Die 60 bis 160 Nanometer (zehn hoch minus neun) winzigen Coronaviren. Die Straßen waren leer, Fabriken und Büros geschlossen. Enkel durften die Großeltern nicht mehr besuchen, ganze Länder verbarrikadierten sich hinter Aus- und Einreisesperren. Der Mensch, das „social animal“ sah im „social distancing“ seine einzige Chance zu überleben. Es gab Väter, die hörten auf, ihre Söhne zu umarmen, Liebespaare, die nur noch über Skype miteinander verkehrten.

In der Erinnerung werden die Tage und Wochen verklärt werden. Die leeren Straßen und Plätze zeigten einem, so wird man es erzählen, die Schönheit der Stadt. Man erinnert sich an Autobahnen, auf denen Hirschrudel unterwegs waren. An die Lautlosigkeit um einen. Die allerdings, die mit Kind und Kegel zu Hause bleiben mussten, werden von ganz anderen Erinnerungen berichten. Bei ihnen herrschte, werden sie sagen, Lärm und Enge. Also das Gegenteil der Ruhe und Leere, von denen die Fotos jener Monate erzählen.

Was ist, ist veränderbar

Aber – auch dieses Aber ist wichtig – wie auch immer die Erinnerungen der Einzelnen aussehen, fest steht die Erfahrung, dass ein anderes Leben möglich war. Es gibt, daran kann man sich jetzt erinnern, Alternativen zum Status quo. Was ist, ist veränderbar, und das auch ganz schnell. Das gehört zu den großen Corona-Erfahrungen. Zu denen freilich auch gehören wird, dass sie schnell verdrängt werden. Nicht nur von denen, denen es gut geht in der Welt, wie sie ist, sondern auch von den vielen anderen, die zwar gerne eine andere Welt hätten, aber sich nicht in der Lage fühlen, dorthin zu gehen. Sie kauften sich keine Körbe und taten es ihrer Nachbarin nach. Sie ärgerten sich womöglich über sie, fanden, was sie tat, wichtigtuerisch, sinnlos, Theater. Dieses Foto aber erinnert daran, dass Menschlichkeit eine einfache Sache ist, das Vernünftige, das Naheliegende, das leicht zu machen ist, das jeder versteht.

Ich bin gerührt von dem Korb mit dem Zettel daran, auf dem steht „Wer kann, lege etwas hinein. Wer nicht kann, der nehme sich etwas heraus“. Dabei gehöre ich zu denen, die keinen Korb hinausgehängt haben. Ich habe niemandes Leben erleichtert. Ich war kein Helfer. Ich war es vor Corona nicht, war es bei Corona nicht, und ich werde es auch danach nicht sein. Ich bin gerne gerührt und mache dann nichts. Ich durchschaue meine Trägheit, mein feiges Einverständnis mit dem Status quo, aber auch das treibt mich nicht dazu, den Zuschauerplatz zu verlassen, um das Vernünftige zu tun. Ich sollte mir dieses Foto auf den Computer laden, um mir täglich vor Augen zu halten, wie leicht es wäre, ein Helfer zu sein.