Berlin - Es wäre viel schöner, wenn man über die Rede der Bundeskanzlerin am Mittwoch einen Comic zeichnen könnte, statt einen Leitartikel darüber zu schreiben. Dann könnte man nämlich eine Denkblase über ihrem Kopf zeichnen. „Warum muss ich euch wieder und wieder das Gleiche erzählen?“, könnte darin stehen. Und, falls noch Platz ist: „Ich bin es so leid.“

Die Kanzlerin mag am Beginn ihrer Rede am Mittwoch womöglich wirklich derartige Gedanken gehabt haben –  doch sie hat, wie in all den Jahren zuvor, ihr Manuskript vor sich aufs Pult gelegt und ihren Job gemacht. Diesmal allerdings mit einer für sie ungewöhnlichen Eindringlichkeit.

Auf der Tagesordnung stand die Aussprache über den Haushalt des Kanzleramtes, aber in Wirklichkeit geht es in den Haushaltswochen im Parlament immer erst in zweiter Linie um den Etat. Das Ganze wird von der Opposition zur Generalabrechnung mit der Regierung genutzt und von dieser zur Verteidigung ihrer Politik. Was aber, wenn die Chefin eine Politik verteidigen muss, die sie selbst nicht für gelungen hält? Man konnte das am Mittwoch deutlich hören. Deutlicher als sie es vielleicht vor Jahren noch ausgedrückt hätte.

Es war eine der besten Reden ihrer Kanzlerschaft. Darin sind sich noch am gleichen Tag viele Kommentatoren einig. Doch die Bewertungen haben etwas Abschließendes; sie zeigen, dass sie am Ende ihrer Kanzlerschaft steht. Es ist der letzte Etat, den Angela Merkel als Kanzlerin verabschieden wird. Wenn man so will, befindet sie sich gerade auf Abschiedstournee. Sie weiß es selbst und vielleicht hatte die Rede auch deshalb einen resignierten Unterton.

Sie ist nicht zufrieden mit den Maßnahmen, die in der Pandemie ergriffen wurden. Wie kann man das auch sein an einem Tag, der mit der Meldung einer neuen Rekordzahl von Corona-Toten begann? Sie ist in ihren 15 Jahren der Kanzlerschaft selten als große Rednerin aufgefallen. Ihre Stärken sind ihre Durchsetzungskraft, die sie vor allem durch Beharrlichkeit erreicht. Kommt sie an einem Tag nicht ans Ziel, versucht sie es am nächsten erneut. Auf EU-Ebene hat das erst jetzt wieder funktioniert, wie die Einigung mit Ungarn und Polen zeigt. Im Inland erlebten das in diesem Jahr der Corona-Pandemie vor allem die Ministerpräsidentinnen und -präsidenten der Bundesländer aus nächster Nähe. So oft wie in diesem Jahr haben die Länderchefs wohl noch nie mit dem Kanzleramt beraten. Doch obwohl es mehr Infizierte und vor allem viel mehr Tote gibt als im Frühjahr, war bisher nicht mehr drin als ein Teil-Lockdown, der Kultur und Freizeitindustrie opfert, aber dennoch keinen großen Erfolg bringt. Es scheint, als sei Merkels Autorität auf dem internationalen Parkett größer als zu Hause.

Also versucht sie es noch einmal mit noch deutlicheren Worten. Sie sagt, dass es ihr im Herzen leidtäte, dass man die Kontakte beschränken müsse. Doch die Wissenschaft flehe geradezu um härtere Maßnahmen. Merkel presst die Handflächen zusammen; auch die Kanzlerin fleht um härtere Maßnahmen. Sie sagt, sie glaube an die Kraft der Aufklärung. Die Wissenschaft liefere Erkenntnisse, „die real sind“. Ausgerechnet da gibt es Geraune von Seiten der AfD. Merkel kontert sie ungerührt. „Es macht nichts, dass Sie nicht so denken“, sagt sie nach rechts. „Aber es ist schade.“ Die SPD-Länderchefs werden sich wohl nicht mehr lange gegen einen neuen Bund-Länder-Gipfel in den nächsten Tagen sperren können.

Doch der furiose Auftritt kann es nicht verbergen: Die Krisenkanzlerin ist dabei zu verschwinden. Das hat mit der Wahl im nächsten Jahr zu tun, bei der sie nicht mehr antreten wird. Noch gibt es keinen Nachfolger für sie – nicht als Kandidat fürs Amt und auch nicht in ihrer Partei, die sie so lange prägte. Die CDU hat nun schon seit fast einem Jahr eine Interims-Parteichefin, die ja schon vor ihrem angekündigten Rücktritt wenig Autorität hatte. Am Ende dieses langen Pandemiejahres zeigt sich, dass Merkel diese Lücke nicht mehr füllen kann. Das liegt weniger an ihr als an der Tatsache, dass wir auf den Jahreswechsel zugehen. Jeder will dieses Corona-Jahr 2020 nur noch hinter sich bringen.

Die Hoffnung ruht auf 2021, dem Jahr, in dem sich Angela Merkel aus der Politik zurückzieht. Die Politikerinnen und Politiker, mit denen sie es zu tun hat, haben das bereits realisiert. Nicht mehr lange, dann werden es auch die Wählerinnen und Wähler tun. Man darf gespannt sein, wie sich das auf die Umfragewerte der CDU auswirken wird. Vermutlich kann Angela Merkel sehr viel besser ohne sie auskommen als umgekehrt.