ErfurtJe krasser die Umstände und je rigider die Maßnahmen, umso vorsichtiger werden die Menschen. Dieser einfache Grundsatz gilt auch für die Corona-Pandemie. Rasant steigende Infektionszahlen und Teil-Lockdown haben die Deutschen in ihre Häuser getrieben. Das Schutzverhalten ist zurzeit sehr hoch. Ein großer Teil der Menschen in Deutschland hat sich abgeschottet, verzichtet aufs Feiern und trifft nur noch vereinzelt andere Artgenossen. Die Warnungen von Wissenschaftlern und die Restriktionen seitens der Politik haben offenbar gefruchtet. Und doch sind Zweifel angebracht. Interessanterweise werden nämlich für gute Bekannte durchaus Ausnahmen gemacht. Als ob man sich bei denen nicht mit dem Coronavirus anstecken könnte.

Nicht alles ist logisch im Zusammenhang mit Corona. Das ist so in Bezug auf die Maßnahmen, die die Politik verordnet. Genauso widersprüchlich verhalten sich aber anscheinend auch die Bürger. Diese Erkenntnis gewinnt man spätestens beim Lesen der aktuellsten Ausgabe des Corona-Monitors der Universität Erfurt.

Der Lockdown und das Volk ist diesmal das Thema. Die Forscher rund um die Gesundheitswissenschaftlerin Cornelia Betsch fragen seit März die Befindlichkeiten der Deutschen ab – zu Anfang im wöchentlichen, später im zweiwöchentlichen Rhythmus. Angesichts des Teil-Lockdowns sind die Forscher mittlerweile wieder auf einen wöchentlichen Turnus zurückgekommen. Denn ohne das Mitwirken der Bevölkerung werden alle Maßnahmen ins Leere laufen. In Erfurt versucht man deshalb, möglichst dicht an der Stimmung dranzubleiben, bewertet, wie gut Erkenntnisse der Wissenschaft im Volk verbreitet sind, und gibt Politikern Empfehlungen, wie sie ihr Kommunikationsverhalten verbessern können.

Befragt werden in jeder Woche etwas über tausend Menschen aus verschiedenen Bundesländern, wie sie sich in verschieden Situationen verhalten und ob sie die Vorschriften kennen und gutheißen. Weil die Stimmung bereits vorher als zunehmend angespannt galt, haben die Forscher sich diesmal (Befragung am 3. und 4. November) besonders mit dem Kommunikationsbedarf im Teil-Lockdown befasst.

Im Kern geht es vor allem darum, ob die Risiken wahrgenommen werden, ob die Menschen ihr Verhalten entsprechend anpassen und ob der Zusammenhang zwischen Verhalten und Restriktionen wirklich klar geworden ist. Ist die Botschaft angekommen, dass Kontakte drastisch und schnell reduziert werden müssen, damit die Dauer möglichst kurz sein kann? Sieht man die Ergebnisse der Befragung, sind durchaus Zweifel angebracht.

77 Prozent der Befragten stimmen zu, dass eine drastische Reduktion der Kontakte helfen kann, die Pandemie einzudämmen. 23 Prozent sind nicht sicher oder denken das nicht. Über 80 Prozent geben an, in der letzten Woche häufig oder immer auf Feiern verzichtet zu haben und sich in der Öffentlichkeit wie im Privaten mit höchstens einem weiteren Haushalt getroffen zu haben. Dass eine drastische und schnell einsetzende Kontaktreduktion notwendig ist, damit die Dauer der Kontaktreduktion möglichst kurz und effektiv ist, (Leopoldina, 2020) scheint sich als Erkenntnis allerdings noch nicht durchgesetzt zu haben. Nur circa die Hälfte der Befragten kennt diese Zusammenhänge. Das Wissen stieg leicht im Vergleich zur Vorwoche. Wer zustimmt, dass ein früherer Lockdown schneller wieder mehr Kontakte erlaubt oder kürzer ist, richtet allerdings weniger Schaden an und steht den Maßnahmen auch weniger ablehnend gegenüber.

Die gängigen Regeln über das Abstandhalten, das Tragen von Masken, häufiges Händewaschen und Lüften (AHA und L) sind mittlerweile fast jedem bekannt und fast alle halten sich auch daran. Die Corona-Warn-App wird jedoch nur von etwa der Hälfte der Befragten als effektives Mittel zur Pandemie-Eindämmung angesehen.

Aber im Privaten gelten dann plötzlich andere Maßstäbe. Es wird weniger Abstand gehalten, weniger oft eine Maske getragen. „Wer sich anderen besonders verbunden fühlt, zeigt weniger Schutzverhalten, ekelt sich weniger, wenn sich die Gäste der Feier unhygienisch verhalten, und schätzt trotzdem das eigene Infektionsrisiko als geringer ein“, schlussfolgern die Forscher.

Ein bedenkliches Verhalten zeigt sich im Hinblick auf die Weihnachtszeit. Die Erfurter Forscher haben auch danach gefragt. Sie wollten wissen, wie die Leute Übertragungsrisiken bei Familienfeiern an Weihnachten eindämmen wollen. AHA-und-L-Regeln werden selten genannt. 15 Prozent finden Abstandhalten auf solchen Feiern sinnvoll, die Masken fallen unter zwei Prozent, das Lüften unter sechs Prozent. Am häufigsten wird die Beschränkung der Personenzahl genannt (57 Prozent), gefolgt von Abstand (15 Prozent) und Verzicht (11 Prozent). Strategien des Testens, Erleichtern der Nachverfolgung, vorherige Selbst-Isolation oder Begrenzung auf Treffen von Personen mit potenziell geringerem Risiko (ohne Symptome, keine Risikobegegnung) werden selten genannt (je unter 4 Prozent). Verbote werden extrem selten genannt (1 Prozent). 9 Prozent sprechen sich sogar aktiv gegen Verbote zu Weihnachten aus.

Cornelia Betsch
COSMO-Studie

Covid-19 Snapshot Monitoring ist ein Gemeinschaftsprojekt von Universität Erfurt, Robert-Koch-Institut, Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Leibniz-Zentrum für Psychologische Information und Dokumentation, Science Media Center, Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin und Yale Institute for Global Health unter der Leitung der Psychologin und Gesundheitswissenschaftlerin Prof. Dr. Cornelia Betsch.

Anders sieht es bei Partys aus. Die Vorschläge für Partys und Weihnachten unterscheiden sich zum Teil stark: 70 Prozent berichten von der Idee, Partys zu verbieten oder zu vermeiden, nur 13 Prozent sprechen Verbote oder Verzicht in Bezug auf Weihnachten an.

Weihnachten zeige sich als sensibles Thema mit hohem Kommunikationsbedarf, so die Forscher. Freiwillige Regeln würden bevorzugt. „Zu Beginn des Teil-Lockdowns wurde die Aussicht auf Weihnachten mit der Familie als ein Ziel und Motivator kommuniziert. Hier ist es möglicherweise sinnvoll, ein vorsichtigeres Erwartungsmanagement zu betreiben und zunächst nichts in Aussicht zu stellen, was dann gegebenenfalls nicht gehalten werden kann“, so die Empfehlung.

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