Margarete Stokowski: „Ich kann nur dazu raten, auch im Freien Maske zu tragen“

Gesundheitsminister Karl Lauterbach startet die Aktion „Ich schütze mich“ zur Corona-Vermeidung. Die Autorin Margarete Stokowski berichtet von ihrem Long Covid.

Margarete Stokowski ist ein Gesicht der Kampagne „Ich schütze mich“. Sie selbst leidet an Long Covid.
Margarete Stokowski ist ein Gesicht der Kampagne „Ich schütze mich“. Sie selbst leidet an Long Covid.AFP/Andersen

Margarete Stokowski leidet an Long Covid. Darüber twittert die Autorin seit Monaten. Nun hat sie auch auf einer Pressekonferenz von ihrer Erkrankung erzählt. Sie habe sich im Januar zum dritten Mal gegen Corona impfen lassen, sich danach infiziert, zunächst milde Symptome entwickelt, dann aber die typischen Langzeitfolgen gespürt: heftige Kopfschmerzen, Fatigue, Brainfog. Erst jetzt trete langsam ein wenig Besserung ein. Margarete Stokowski hat davon erzählt, weil sie Teil einer Aufklärungskampagne der Bundesregierung ist. „Ich schütze mich“ ist der Titel. Am Freitag wurde die Aktion vorgestellt.

Die 36-Jährige ist eine von insgesamt 84 Menschen, die von jetzt an berichten sollen, warum sie sich weiter gegen das Virus schützen. Täglich soll ein neuer Kronzeuge präsentiert werden. Einer pro eine Millionen Einwohner in Deutschland, und die 84 Millionen, an die sie sich wenden, sollen sensibilisiert werden für die Infektionswelle, die für Herbst und Winter erwartet wird und teilweise schon begonnen hat.

Manche Kronzeugen erklären ihr Schutzbedürfnis mit Humor, andere mit ernstem Nachdruck. Wie Margarete Stokowski. „Ich sehe, dass viele Leute, sonst ganz gut informierte Leute, keine Ahnung von Long Covid  haben“, sagt sie. Immer noch herrsche das Klischee vor, die Spätfolgen einer Corona-Infektion würden den Symptomen eines Burn-outs ähneln. Sie selbst könne ihrer Arbeit als Autorin derzeit nicht nachgehen. Einfache Verrichtungen würden zu einer Herausforderung, im Haushalt etwa.

„Ich habe in dreifacher Hinsicht Glück im Unglück“, sagt Stokowski. „Erstens habe ich einen Arzt, der Long Covid ernstnimmt.“ Das sei keine Selbstverständlichkeit. Sogar in Schwerpunkt-Praxen würden Patienten auf Unverständnis stoßen. „Zweitens“, zählt sie weiter auf, habe ich einen Freund, „der mich pflegt, für mich einkaufen geht, was ich selbst nicht mehr machen kann, und andere Dinge für mich erledigt.“ Und drittens „habe ich ganz okay verdient, sodass ich finanziell noch gut zurechtkomme. Ich sage bewusst: noch“.

Margarete Stokowski kritisiert die Krankenkassen

Das ist auch ein Punkt, bei dem Stokowski dringenden Handlungsbedarf sieht: bei der Kostenübernahme durch die Krankenkassen. Sie zum Beispiel solle eine Reha machen, obwohl die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bei Krankheitsbildern wie Fatigue davon abrate. Führe eine solche Reha nicht zum gewünschten Erfolg, erläutert Stokowski, müsse die Rentenkasse für weitere Kosten der Behandlung aufkommen, nicht mehr die Krankenkasse.

Insgesamt, hält die Autorin fest, „ist die Versorgungslage sehr schlecht“. Ihren ersten Termin beim Long-Covid-Netzwerk der Berliner Charité habe sie in der zweiten Novemberhälfte. „Mehr Forschung“ wünscht sich Stokowski. Und eben mehr Aufklärung, wobei sie betont, dass sie nicht dabei wäre, wenn es in der Kampagne nur „um eine Privatisierung der Verantwortung“ gehen würde.

Neben ihr sitzt Karl Lauterbach, der Bundesgesundheitsminister. Der SPD-Politiker hat wie so oft schon darauf hingewiesen, dass eine vierte Impfung für Menschen über 60 Jahren sinnvoll sei. „Die Sterberate sinkt um 90 Prozent“, hat Lauterbach gesagt und für die neuen Impfstoffe geworben, die an die Omikron-Variante von Sars-CoV-2 angepasst sind, der in Deutschland noch vorherrschenden Variante. Geworben hat er ebenso für Medikamente gegen Covid-19, vor allem für Paxlovid. Impfstoff und Medikament stammen aus dem Hause Pfizer.

„Es handelt sich nicht um eine Angstkampagne“, sagt der Minister nun und spricht dann von einer „bestürzenden Entwicklung“.  Dass es nämlich viele Bürger nicht mehr interessiere, dass vor allem betagte Menschen jenseits der 75 immer noch an Covid-19 sterben könnten. Das Mitgefühl sei zu Beginn der Pandemie größer gewesen. Es bestürze ihn ebenso, dass viele Menschen Long Covid nicht ernst nehmen würden, da doch immerhin bis zu zehn Prozent der Menschen nach einer Infektion daran und darunter litten.

Keine Angstkampagne also. Im Fernsehen, in sozialen Netzwerken, auf Plakaten und in Zeitungen wird sie laufen. Sie soll auch dazu führen, dass Menschen in Innenräumen wieder Masken tragen. Lauterbach appelliert deshalb an die Bundesländer, schon jetzt diese moderate, aber effektive Maßnahme zu verordnen, anstatt zu warten, bis die Infektionswelle großen Druck aufbaut. 

Das mit den Masken in Innenräumen geht Margarete Stokowski nicht weit genug. Sie sei sich sicher, dass sie sich an der frischen Luft angesteckt habe. Sie sagt: „Ich kann nur dazu raten, auch im Freien Maske zu tragen.“