Deutschland diskutiert über 2G und eine Impfpflicht; in Österreich wurde gar schon eine generelle Impfpflicht beschlossen. Widerspruch gegen einen harten Kurs wird immer schärfer abgebügelt. Frank Plasberg fragte jüngst: „Nur ja keinen Zwang: Ist unsere Politik beim Impfen zu feige?“ Die Wissenschaft bestätigt doch, dass es mehr Druck braucht, so in Person des Präsidenten der Leopoldina, Gerald Haug, der einem schärferen Kurs im Vorwort der 9. Ad-Hoc Stellungnahme seiner Akademie das Wort redete.

Angesichts der derzeitigen Rhetorik befällt mich als Wissenschaftler großes Unbehagen. Um Missverständnissen vorzubeugen: Zweifelsohne ist der kommende Winter eine Herausforderung für Deutschland, und es wäre zu hoffen, dass der Schutz vulnerabler Gruppen mithilfe der Impfungen besser gelingt als im letzten Jahr. Beratung in Sachen Impfung ist nicht mein Thema; das gehört vor allem in die Arztpraxen. Aber mich beunruhigt, wie Politik, Teile der Medien und leider auch manche Kollegen kommunizieren und sich Entscheidungsfindungsprozesse vorstellen. Vieles, was „im Namen der Wissenschaft“ als unumstößlich verkündet wird, hält einer näheren Betrachtung nämlich keineswegs stand.

In einer Streitschrift habe ich beispielsweise jüngst beleuchtet, dass beim Einsatz mathematischer Modelle für Vorhersagen des Infektionsgeschehens erhebliche Defizite bestanden und die Realität weit komplexer ist, als es gemeinhin verbreitet wird. Ich habe darauf hingewiesen, dass es natürliche Mechanismen gibt, die exponentielles Wachstum von Epidemien brechen können, und viele Modelle verzerrte Vorhersagen liefern, weil sie der Komplexität der Infektionsausbreitung nicht gerecht werden.

Argumente gegen Joshua Kimmich entpuppen sich als vorschnell

Ebenso habe ich herausgearbeitet, dass auch sehr detaillierte Simulationen des Infektionsgeschehens ihre Tücken haben. Die Berliner Zeitung hat mein recht technisches Papier dankenswerter aufgegriffen, und dabei einen Aspekt meiner Kritik im Grunde noch unterschätzt. Denn es ging mir weniger um bessere Rezepte für Pandemie-Simulationen, sondern vor allem darum, dass im Eifer des Gefechts oft naiv gearbeitet und sogar Lehrbuchwissen aus der mathematischen Epidemiologie ignoriert wurde. Politiker und weite Teile der Medien fällen dann auf der Basis von Halbwissen sehr selbstbewusst Urteile und Entscheidungen.

In der Frage des Impfzwangs scheinen mir ähnliche Mechanismen im Spiel zu sein. Es befremdet beispielsweise sehr, dass der Präsident der Leopoldina seine Vorschläge zur Ausweitung der 2G-Regel und einer berufsbezogenen Impfpflicht in das Vorwort einer Stellungnahme packt, welche für diese Maßnahmen gar keine wissenschaftliche Begründung zu liefern sucht. Ihr Thema waren eigentlich antivirale Medikamente. Und die Argumente, mit denen ein 26-jähriger Joshua Kimmich zum „Sozialschädling“ abgestempelt wird, entpuppen sich bei näherer Betrachtung, gelinde gesagt, als vorschnell. Kaum einer seiner Kritiker dürfte an der Tafel bestehen, wenn er abschätzen müsste, ob die freie Entscheidung junger Männer in Kimmichs Alter über drei, vier Jahre tatsächlich die Krankheitslast durch COVID-19 nennenswert beeinflussen.

Noch immer spukt außerdem in vielen Köpfen die Idee herum, Impfen könne die Pandemie bei dauerhaft niedrigen Infektionszahlen beenden, offenkundig selbst bei Lothar Wieler, dem Präsidenten des RKI. Angesichts der bekannten Parameter der Impfung ist das aus Sicht der mathematischen Epidemiologie so absurd, wie der Glaube, ein Glas würde nach dem Loslassen nicht auf den Boden fallen, wenn man es vorher lang genug festhält. Doch aus dem Bauch heraus gefällte Urteile sind nun einmal bequemer.

Die Realität könnte kaum weiter von dem Ideal entfernt sein, das Wieler im Frühjahr 2020 vorschwebte - der glücklichen Rettung der Crew von Apollo 13. Gene Kranz, Flight Director während der Explosion des Sauerstofftanks, hatte seinen Leuten damals bekanntermaßen eingeschärft: „Lasst uns die Sache nicht durch Herumraten schlimmer machen.“ Es waren nicht Pathos und übereifriges Herumexperimentieren, dass die Crew von Apollo 13 sicher zurück auf den Boden brachte. Es war abgeklärte, unaufgeregte Professionalität. Jeder kannte die notwendigen Handbücher und Checklisten, jeder wusste um die Wichtigkeit transparenten Zusammenwirkens, jeder wusste, dass er in seinem Zuständigkeitsbereich hundertprozentig zuverlässig funktionieren musste. Die Führungskräfte verstanden, dass Sie sich nicht mit oberflächlichen Visionen und Überredungskunst durchwursteln konnten.

Stattdessen konnten sie dank Detailkenntnis und Betrachtung der Lage von allen Seiten eine tragfähige Lösung finden, allen Unsicherheiten zum Trotz. Sie wussten, dass Ihnen Vertrauen nicht einfach aufgrund ihrer Position zuwuchs, sondern aufgrund ihrer Kompetenz, ihrer Ehrlichkeit und ihrer Fähigkeit zuzuhören und zu lernen. Man hatte die Lektion aus Apollo 1 gelernt, wo drei Astronauten bei einem Brand der Landekapsel während einer Übung ums Leben gekommen waren.

Autoritätsanspruch ohne Kompetenz?

Angesichts des Beispiels anderer Länder sollten wir uns fragen, ob man mit einem solchen Führungsverständnis und mit realistischen Zielen mehr erreicht als mit einem überbordenden Autoritätsanspruch. Hätte man sich gleich auf Booster für vulnerable Gruppen konzentriert, anstatt mit fragwürdiger Begründung unbedingt die Impfung an die Schulen zu bringen, wären wir vielleicht besser aufgestellt. Wer aus Maßlosigkeit alles will, macht am Ende alles schlecht. Es ist gut möglich, dass ausgerechnet Bayern und Österreich als Bannerträger der harten Linie nach der Winterwelle schlechter dastehen lässt als das viel gescholtene Schweden, das ja auch noch den Nachteil eines höheren Urbanisierungsgrads hat. Zu denken geben werden ihnen unerwartete Wendungen im Winter aber wohl kaum.

Ganz unabhängig von der Frage der richtigen Impfstrategie, sollten wir aber im Auge behalten, welchen permanenten Schaden man anrichtet, wenn Autoritätsanspruch und Kompetenz des Führungspersonals sich nicht die Waage halten. Wenn sich die derzeitige Entscheidungskultur verfestigt, ist ein großer Knall irgendwann programmiert.

Bernhard Müller wurde 2009 an der TUM mit einer am Max-Planck-Institut für Astrophysik (MPA) angefertigten Arbeit über Neutrino-Strahlungstransport in Sternexplosionen promoviert. Seit 2021 ist er Associate Professor an der Monash University in Australien. Seine Forschung zu Supernova-Explosionen und den Endstadien massereicher Sternen stützt sich wesentlich auf komplexe Simulationen auf Höchstleistungsrechnern. Hier fließen Strömungsmechanik, Strahlungstransport, Kernphysik, Neutrinophysik und Relativitätstheorie ein.