Versorgungsnotstand: Auf dem Stammesgebiet der Navajo im US-Bundesstaat Arizona haben die Geschäfte wieder geschlossen.
Foto: Imago Images/Jim Thompson

New YorkWenn Donald Trump am kommenden Dienstag zu einer Wahlkampf-Party an die Universität von Arizona in Phoenix kommt, werden sich Tausende seiner Anhänger in einer überfüllten Halle drängeln und ihm zujubeln. Masken werden die wenigsten tragen, Doug Ducey, der Gouverneur des Staates und ein feuriger Anhänger Trumps, hat sie für optional erklärt.

Überhaupt findet Ducey, das Coronavirus sei für seinen Staat kein großes Problem. Er war einer der ersten Landesherren der USA, der Restaurants, Kneipen und Veranstaltungsorte wieder eröffnet hat. Davon haben ihn auch die neuesten Statistiken nicht abbringen können, die Arizona als einen der Bundesstaaten mit den höchsten Infektionsraten ausweisen. Im vergangenen Monat haben sich in Arizona die Neuinfektionen verdoppelt, die Notaufnahmen der Krankenhäuser sind zu 85 Prozent ausgelastet.

Nur in einer Ecke des Staates nimmt man diese Statistiken ernst. Im Nordosten von Arizona, auf dem Stammesgebiet der Navajo, hat man in dieser Woche alle Geschäfte wieder geschlossen und eine Ausgangssperre verhängt. „Wir können hier keinen erneuten Ausbruch riskieren“, sagt der Präsident der Navajo, Jonathan Nez.

Nez’ Nation ist so hart vom Coronavirus getroffen worden wie keine andere Bevölkerungsgruppe der USA. 322 Navajo sind am Coronavirus gestorben oder etwa 177 pro 100.000 Menschen. Die Rate ist höher als in irgendeinem anderen Staat in den USA, inklusive so schwer getroffenen Gegenden wie New York.

Bei den Corona-Tests im Mai auf dem Gebiet der Navajo Nation ergab sich eine überdurchschnittliche Infektionsrate.
Foto: Imago Images

Für Ryan Benally, der als Sozialarbeiter mit den Navajo arbeitet, liegen die Gründe auf der Hand: „Wir leiden mehr als jede andere Gruppe in den USA unter systematischer Diskriminierung.“ Die Versorgung und die Lebensumstände in den Reservaten sind noch einmal deutlich schlechter als in den urbanen Wohnquartieren von Afro-Amerikanern und Latinos der sozialen Unterschicht.

In vielen Fällen leben die Navajo in überfüllten Mehrgenerationenhaushalten. Oft gibt es nur unregelmäßig fließendes sauberes Wasser. 35 Prozent der indigenen Bevölkerung von Arizona leben unter der Armutsgrenze. Die medizinische Versorgung ist bestenfalls lückenhaft.

Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Navajo, ebenso wie andere indigene Völker, direkt von der US-Bundesregierung abhängig sind. Die Bundesbehörde, welche die medizinische Versorgung verwaltet, der „Indian Health Service“, wird jedoch seit vielen Jahren finanziell ausgetrocknet. Pro Kopf und Jahr stehen der Behörde rund 3100 Dollar zur Verfügung. Insgesamt liegen die Bundesausgaben für Gesundheit jedoch bei mehr als 9000 Dollar pro Bürger. „Wenn ich über den strukturellen Rassismus in diesem System nachdenke, dann steigt in mir der Zorn auf“, sagt deshalb Eileen Bartlett, eine Internistin, die in Albuquerque im Bundesstaat New Mexico täglich indigene Patienten versorgt.

Zugesagte Milliardenhilfen kamen nicht an

Inmitten der Corona-Krise sind die Zustände nur noch schlimmer geworden. Der Kongress hatte den indigenen Völkern in seinem Nothilfepaket zwar acht Milliarden Dollar zugesagt. Anfang Juni war jedoch noch kein Cent in den Reservaten angekommen. „Indem sie die Gesundheitskrise unter den Stammesgemeinschaften ignoriert“, schrieb die einstige Präsidentschaftskandidatin Elizabeth Warren deshalb in einem offenen Brief, „setzt sie eine traurige Tradition gebrochener Versprechen gegenüber den Ureinwohnern fort.“

Die Stammesbehörden fühlen sich von der Bundesregierung vollkommen im Stich gelassen. Die Gesundheitsreform von Barack Obama hatte unter anderem die Behörden der indigenen Nationen als den entsprechenden Behörden der Bundesstaaten gleichrangig anerkannt. Die Trump-Regierung hingegen weigert sich, mit ihnen überhaupt nur zu kommunizieren.

Sieht keinen größeren Handlungsbedarf: Doug Ducey, der Gouverneur des Staates Arizona und ein feuriger Anhänger Donald Trumps.
Foto: AP/Ross D. Franklin

So bekommen bis heute die Verwaltungen der Reservate von der nationalen Seuchen-Behörde CDC nicht die Daten zur Verfügung gestellt, die sie brauchen, um auf ihrem Gebiet die Epidemie einzudämmen. „Sie geben uns nicht die Werkzeuge, die wir benötigen, um die Seuche zu bekämpfen, weil sie uns einfach nicht anerkennen“, sagt Abigail Echo-Hawk, die Direktorin des Urban Indian Health Institute.

Die Vernachlässigung durch den Bund und die gesundheitliche Bedrohung sind jedoch nur ein Aspekt der Katastrophe, der sich die indigenen Völker der USA derzeit ausgesetzt sehen. Zu alldem kommen noch wirtschaftliche Härten in einem Ausmaß hinzu, mit denen sonst kaum eine andere Gruppe zu kämpfen hat.

Seit Beginn der Corona-Krise haben praktisch alle Spielcasinos in den USA geschlossen. Für mehr als 40 Prozent der 574 anerkannten indigenen Nationen bilden diese Casinos jedoch die Existenzgrundlage. Rund 700.000 Jobs gingen der Branche seit März verloren. In einigen Reservaten liegt die Arbeitslosigkeit nun oft bei 70 Prozent oder höher. Auch andere Einnahmequellen entfallen in diesem Jahr den Bewohnern. Der Tourismus fällt praktisch aus, Märkte und Messen, auf denen man Kunsthandwerk verkaufen kann, finden nicht statt.

Joseph Kalt, der an der Universität Harvard die Geschichte und Soziologie indigener Völker studiert, glaubt deshalb, dass die Lage für die Indianer Nordamerikas so schlimm ist wie seit dem 19. Jahrhundert nicht mehr. „Man kann das nur mit dem Aussterben der Büffelherden vergleichen.“

Am schmerzlichsten ist für die indigenen Völker in Nordamerika, dass von ihrem Schicksal kaum jemand Notiz nimmt. „Der Mord an George Floyd hat eine dringend notwendige Debatte über Rassismus in diesem Land losgetreten“, sagt Ryan Benally. „Wir fragen uns derweil, ob wir auch diesmal wieder aus dieser Diskussion ausgeklammert werden.“

Während das ganze Land nach Gerechtigkeit schreit, leiden und sterben seine Ureinwohner in Stille und Vergessenheit. Aber für die indigenen Völker der USA ist das nichts Neues. „Wir versuchen, wie immer, irgendwie zurechtzukommen“, sagt Benally. „Doch irgendwann erreichen auch wir unseren Siedepunkt.“