Leere, wo früher der Verkehr brauste und sich Touristen drängelten: das Teatro Marcello gegenüber des römischen Kapitolshügels. 
Foto: AP/Andrew Medichini

Rom/Paris/New YorkDie Italiener dürfen das Haus nur verlassen, wenn es unbedingt nötig ist. Diskutiert wird, was das konkret heißen soll. Während die Franzosen langsam beginnen, ihren Alltag umzustellen, droht auch in New York, der Stadt, die nie schläft, der Stillstand. Drei Stimmungsbilder aus der westlichen Hemisphäre. 

Italien: Der Shutdown ist längst vollzogen

Mit dem Sohn im Park Fußball spielen oder joggen am Strand, darf man das in Zeiten der Pandemie noch oder riskiert man eine Strafe? Solche Fragen diskutieren Italiener dieser Tage in Chatgruppen, auf Facebook, am Telefon. Die Verunsicherung, was erlaubt ist und was nicht, ist groß. Denn die drastischen Anti-Corona-Dekrete und offiziellen Erklärungen sind in einigen Details etwas widersprüchlich.

„Halten wir uns fern voneinander, um uns morgen mit noch mehr Wärme zu umarmen“, hat Premier Giuseppe Conte   als Devise ausgegeben. Alle Bürger sind dazu angehalten, nur noch dann das Haus zu verlassen, wenn es unbedingt nötig ist. In der Öffentlichkeit müssen sie den Mindestabstand von einem Meter zueinander einhalten. Nicht nur Schulen, Universitäten, Kinos, Theater, Museen, Schwimmbäder, Fitness-Clubs sind geschlossen. Seit Donnerstag gilt das auch für Restaurants, Bars, Boutiquen, Shoppingmalls, für Friseure und Kosmetikstudios. Und der Vatikan lässt in Rom alle Kirchen schließen.

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Geöffnet bleiben Apotheken, Supermärkte, Banken, Postämter, Tabakläden und Bestattungsinstitute. Auch die Essens-Lieferdienste arbeiten weiter, Pizzen werden von Mundschutz tragenden Boten an der Wohnungstür überreicht. Busse und Bahnen fahren noch, allerdings mit eingeschränkter Kapazität.

Verwaltungen und Betriebe sollen ihre Mitarbeiter ins Homeoffice schicken oder zum Urlaubnehmen ermuntern. Die Industrieproduktion läuft dagegen weiter, um Italiens Wirtschaft nicht völlig in den Ruin zu treiben. Laut Regierungsdekret müssen aber Betriebsteile stillgelegt werden, die für die Produktion verzichtbar sind, wie   Buchhaltung oder Personalbüros. Am Donnerstag hatte es in zahlreichen Fabriken  Proteste und Spontanstreiks gegeben. Die Arbeiter erklärten, sie fühlten sich nicht gegen das Virus geschützt, und forderten eine zweiwöchige Produktionspause. Viele haben sich nach Gewerkschaftsangaben krankgemeldet.

In den Straßen ist die Polizei deutlich präsenter als sonst, berichten Bekannte. Stichprobenartig wird kontrolliert, ob Passanten und Autofahrer die zwingend vorgeschriebene „autocertificazione“ dabei haben. Das ist ein Formular, das man sich ausdrucken muss und in dem man mit Unterschrift versichert, dass man gute Gründe hat, draußen unterwegs zu sein: berufliche etwa oder gesundheitliche. Wer lügt, riskiert harte Strafen – zwischen einem und sechs Jahren Haft, schreibt die Zeitung Il Sole 24ore.

Lebensmittel einkaufen ist den Italienern ganz klar weiter erlaubt. Supermärkte und Läden dürfen aber immer nur fünf Kunden auf einmal Einlass gewähren.

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Die   Frage, wie es mit Spaziergängen und Sport zu halten ist, ist dagegen nicht so leicht zu beantworten. Eine Bekannte berichtet auf Whats-App, sie habe beobachtet, wie fußballspielende junge Männer in einem römischen Park Bußgelder zahlen mussten. „Im Dekret steht doch, dass körperliche Bewegung im Freien erlaubt ist“, schreibt sie. Tatsächlich steht darin, dass Sport im Freien möglich ist – aber nicht in Gruppen. Alleine zu joggen, dürfte demnach kein Problem sein.

Beim Spaziergang zu zweit müsste man vermutlich lediglich die Ein-Meter-Distanz zueinander halten. Aber ganz klar ist das auch wieder nicht: Es wäre besser, auf solche Aktivitäten ganz zu verzichten, zitierte die Zeitung La Repubblica am Freitag Innenministerium und Polizei. Denn gingen alle spazieren, wären die leergefegten Straßen, Parks und Strände wieder zu voll, so das Argument.


Panikstimmung in New York

So etwas hatte Miki Yamashita in New York noch nie erlebt, obwohl die gebürtige Japanerin seit mehr als 20 Jahren in der Stadt lebt. Mehr als eine Stunde musste sie am Donnerstagnachmittag anstehen, um überhaupt in den beliebten Bio-Supermarkt Trader Joe’s zu kommen. Und als sie es endlich geschafft hatte, waren die Regale leer.

New Yorker sind Krisen gewöhnt und nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen. Doch am Donnerstag war eine deutliche Panikstimmung in der Stadt zu spüren. Bürgermeister Bill DeBlasio hatte in einer langen Pressekonferenz am Mittag wegen des Coronavirus den Notstand ausgerufen. Er forderte die New Yorker dringend dazu auf, das Haus nur noch zu verlassen, wenn es unbedingt notwendig ist.

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Bislang gibt es in New York City zwar nur 95 bestätigte Fälle, im Staat New York 328. Die Zahlen sind jedoch wenig aussagekräftig, weil es in New York wie überall in den USA nicht annähernd genügend Corona-Tests gibt. Weil die Regierung in Washington die Entwicklung und Verteilung der Tests verschleppt hat, sind in den gesamten USA bislang gerade einmal 2000 Tests durchgeführt worden.

Das Ergebnis ist eine völlige Verunsicherung. Niemand weiß genau, wie weit verbreitet das Virus bereits ist oder wo es sich vor allem konzentriert. New Yorker, die Symptome einer möglichen Infektion haben, wurden von DeBlasio gebeten, zu Hause zu bleiben. Nur Menschen, die bereits schwer krank sind, sollen in die Krankenhäuser gehen. „Für prophylaktische Untersuchungen haben wir einfach nicht die Kapazitäten“, sagte der Bürgermeister.

In der Stadt, die sonst nie schläft, kommt das öffentliche Leben nun nach und nach zum Erliegen. Am Donnerstag gaben alle großen New Yorker Museen bekannt, dass sie bis auf weiteres schließen. Die Broadway-Theater, die der Stadt jährlich beinahe zwei Milliarden Dollar Einnahmen bringen, haben ebenfalls den Betrieb eingestellte. Bars und Restaurants wurden angehalten, ihre Belegung mit Gästen um die Hälfte zu reduzieren.

Viele Menschen, die in der Gastronomie arbeiten, sind deshalb ratlos. Reuben Silverberg etwa, der als Barkeeper arbeitet, bekam am Donnerstagabend eine Nachricht, dass er vorerst nicht mehr gebraucht werde. „Ich habe keine Ahnung, wie es jetzt weitergehen soll“, sagt er. Das Gefühl teilt er mit dem Großteil seiner Mitbürger.


Kein Wangenküsschen mehr in Paris

Was, ihr gebt euch noch den Wangenkuss?“ Die beiden Frauen, frisch ertappt bei der typisch französischen Begrüßung, schrecken schuldbewusst zurück, als Kollegen sie vor einem geschäftlichen Abendessen in einem Pariser Restaurant maßregeln. Das darf man jetzt also auch nicht mehr?

Nur langsam und oft ungern beginnen die Franzosen, ihren Alltag und ihre Gewohnheiten bis auf weiteres umzustellen. Regelmäßige Durchsagen im Radio, in Bahnen und Metrozügen – die am Freitag in der französischen Hauptstadt weiterhin gut gefüllt waren – ermahnen sie zu absoluter Vorsicht.

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Die bisherige Gelassenheit droht zu kippen, der erstaunte Blick auf Länder wie China oder Italien richtet sich aufs eigene Land: Wie gut ist das französische Gesundheitssystem auf eine hohe Zahl an Infizierten vorbereitet? Nicht dringliche Operationen werden verschoben. Eine Hochschwangere, die ihre Entbindung in den kommenden zwei Wochen erwartet, erfährt, dass diese nicht in einem Pariser Krankenhaus stattfinden könne. Es werde eine Hausgeburt.

Auch in der Tourismusbranche herrscht Katastrophenstimmung: „Wir haben lauter Absagen, vor allem seit Donald Trumps Einreiseverbot für Europäer“, klagt die stellvertretende Direktorin eines Pariser Hotels. Versammlungen mit mehr als 100 Menschen werden verboten. Tags zuvor lag die Obergrenze noch bei 1000. Wer kann, soll zu Hause bleiben und die sozialen Kontakte aufs Äußerste beschränken, mahnt die Regierung. Auch Besuche in Seniorenheimen sind nicht mehr möglich.

Für viele Franzosen ist es nur eine Frage der Zeit, bis ein „italienisches Szenario“ mit Schließung von Grenzen und einem Stillstand des wirtschaftlichen und sozialen Lebens eintritt. Bis Donnerstag wurden in Frankreich offiziell 2876 Krankheits- und 61 Todesfälle gezählt – Tendenz rasant steigend.

Präsident Emmanuel Macron rät nach Möglichkeit zum Homeoffice und hat die Schließung aller Kindertagesstätten, Schulen und Universitäten ab Montag angekündigt. Zumindest bei einem Bevölkerungsteil löste das unverhohlene Freude aus: den Schülern. Allerdings nur solange, bis sie realisierten, dass sie trotzdem arbeiten müssen und kaum mehr ausgehen dürfen: kein Gruppensport, keine Partys, kein Besuch von Einkaufszentren.

Und auch kein Wangenküsschen.