„Stopp! Ab hier ist das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung Pflicht!“. Im föderalen Deutschland gibt es nicht eine, sondern eine Vielzahl von Corona-Regelungen. 
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BerlinDer deutsche Sonderweg durch die Corona-Krise ist für Außenstehende gleichzeitig rätselhaft und chaotisch, aber letztendlich effektiv und lobenswert. Die neue Corona-Vereinbarung zwischen Bund und Ländern ist ein gutes Beispiel dafür. 15 Ministerpräsidenten und eine Ministerpräsidentin werden von einer starken Frau moderiert.

Das Ganze wirkt auf dem ersten Blick ziemlich durcheinander und entspricht überhaupt nicht den deutschen Tugenden Ordnung, Disziplin usw. Das Deutschland von 2020 ist glücklicherweise paradox. Denn das chaotische Hin und Her zwischen dem Bund und den Bundesländern hat sich als Segen erwiesen. In zentral regierten Ländern wie Großbritannien oder Frankreich sieht die Corona-Situation noch weniger rosig aus.

Wie immer in Deutschland kommt nach den Verhandlungen eine Regelung (Bußgeld für Maskenverweigerer), eine vage Formulierung (ab 50 Euro) sowie eine Ausnahme. Ausnahmen werden immer wieder geduldet, diesmal in Sachsen-Anhalt. Regierungschef Reiner Haseloff lehnt ein Bußgeld ab, weil sich die Menschen in seinem Land an die Corona-Regeln halten würden. Obwohl sie ja nicht gerade für ihre Maskenfreude bekannt sind.

Das föderale System kompensiert teilweise auch die regionale Inkompetenz – etwa das bedauerliche Schauspiel um die Rückkehrertests an Berliner Flughäfen. Ich gehöre nicht zu denen, die Berlin einen Failed State nennen, einen gescheiterten Staat, aber das Missmanagement war schon unfassbar. Und das Scheitern war vorprogrammiert, da die Zahlen der Rückkehrer aus Risikogebieten schon Ende Juli bekannt waren. 

Ich kenne auch persönliche Anekdoten vom Corona-Test-Chaos hierzulande. Ein deutscher Freund, der in Stockholm wohnt, wollte im Juli seine Eltern in Bayern besuchen, aber erst schaute er bei der Familie seiner Frau in Strausberg bei Berlin vorbei. Um nach Bayern zu fahren, brauchte er einen Corona-Test. Um einen Corona-Test zu machen, benötigte er ein Rezept von einem Arzt. Das musste er an die Teststelle faxen. Zwei Tage später bekam er dort einen Termin. Der Test wurde durchgeführt. Drei Tage später durfte er das Ergebnis vom Test-Zentrum abholen. Und dann musste er nur noch das Ergebnis an das Gesundheitsamt im Landkreis faxen.

Nur mit einem zertifizierten Corona-Test durfte er innerhalb Deutschlands weiterreisen. Erst dann, fünf Tage nach seiner Ankunft in Deutschland, durfte er nach Bayern weiterfahren. Der Corona-Regelung nach sollte der Test spätestens drei Tage nach Einreise stattfinden. Egal. Natürlich hat ihn keiner kontrolliert, weder in Berlin, Brandenburg noch in Bayern, obwohl er aus einem Risikoland (Schweden) angereist war. Diese lange traurige Corona-Komödie spricht von der wahnsinnigen Komplexität, der man oft in diesem Land begegnet.

Nehmen wir, als Vergleich, ein Beispiel aus Dänemark. In Juni bin ich mit meiner dänischen Freundin nach Kopenhagen gereist und musste am dritten  Tag feststellen, dass ich unter einem Fieber litt. Corona? Meine Freundin rief eine zentrale Telefonnummer an. Ich bekam eine temporäre Sozialversicherungsnummer zugewiesen. Zwei Stunden später stand ich in einem Testzelt vor der Rigshospitalet in Norden der Stadt. Keine Schlange. Freundliche, englischsprechende Mitarbeiter. Zwei Minuten später war ich auf freien Fuß. Nach zwei Tagen rief ich die staatliche Gesundheitshotline an: „Nein, du hast kein Corona.“ Und das war’s. Das kostenlose, steuerfinanzierte, digitalisierte Gesundheitswesen in Dänemark hat sich als effizient und nutzerfreundlich erwiesen.

Trotzdem: Dänemark hat genau die gleiche niedrige Anzahl von Corona-Toten wie Deutschland: 11 auf 100.000. Zwei sehr unterschiedliche Systeme, vergleichbare Ergebnisse. Was beide Ländern verbindet: kluge Frauen an der Spitze, die rational Entscheidungen treffen auf Basis der neusten wissenschaftlichen Kenntnisse. Das kann man von Trump, Bolsonaro, Putin und Co. nicht gerade behaupten.

Ich habe nie gedacht, dass ich das sagen würde: Die Deutschen sollen sich freuen, dass sie eine nüchterne Wissenschaftlerin als Kanzlerin haben. An Merkels Politik gibt es einiges, was mir nicht gefällt. Ihre langweilige Art zu agieren nervt. Aber sie schafft es immer wieder, ein wenig Einigkeit unter den sehr unterschiedlichen Bundesländern zu schaffen. „Katzen hüten“, nennt man das im Englischen. Das Ergebnis: das deutsche Chaos erweist sich als verdammt Corona-resistent.

Ich verstehe echt nicht, worüber die „Corona-Kritiker“ sich so aufregen. Es könnte noch viel schlimmer sein.

Maurice Frank ist Redakteur der englischsprachigen Website der Berliner Zeitung.