Das indigene Volk der Guajajara in Brasilien haben sich vor dem Coronavirus in den Regenwald zurückgezogen.
Foto: dpa/EFE/Marcelo Sayao

Die Hilferufe der Indigenen-Organisation CPEM in Bolivien sind eindeutig. Die Interessenvertretung der Ureinwohner in dem lateinamerikanischen Vielvölkerstaat fordert eine Informationskampagne der nationalen, regionalen und lokalen Behörden über die Corona-Pandemie, ihre Auswirkungen sowie mögliche Präventionsmaßnahmen – und zwar in der Originalsprache der indigenen Völker.

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Coronavirus hat indigene Völker erreicht

Die Ignoranz der bolivianischen Behörden zeigt sich darin, dass die überlebenswichtigen Informationen bisher gar nicht alle indigenen Völker erreichen können. Denn sie werden nur in spanischer Sprache verbreitet. Die Mitteilungen des Gesundheitsministeriums müssten zumindest in die wichtigsten indigenen Sprachen übersetzt werden.

Mittlerweile hat das Coronavirus auch die indigenen Völker Lateinamerikas erreicht. In Kolumbien sind Angehörige des Volkes der Yukpa von mindestens einer Coronavirus-Infektion betroffen. Aber die Maßnahmen der lokalen Behörden in der Grenzstadt Cucuta stoßen auf heftige Kritik: „Die Gemeinde ist eingesperrt und befindet sich in einem schlechten gesundheitlichen Zustand“, sagte Marta Peralta, Präsidentin der Indigenen-Partei MAIS.

Versorgung sicherstellen

Der Nationale Indigenenverband ONIC forderte die Regierung des rechtsgerichteten Präsident Ivan Duque auf, die Versorgung der betroffenen Gemeinde sicherzustellen. Notwendig seien humanitäre Hilfe, Lebensmittel, Schutzausrüstung sowie die Einhaltung gewisser hygienischer Standards, wie etwa sauberes Trinkwasser, um die Ausbreitung des Virus zu stoppen.

In Brasilien warten laut Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) einige indigenen Völker erst gar nicht auf die Hilfe des rechtspopulistischen Präsidenten Jair Bolsonaro, der die Pandemie als ein „Grippchen“ bezeichnet hat und mit seiner agrarindustriefreundlichen Abholzungspolitik ohnehin eine Bedrohung für sie ist.

Weg in die Selbstisolation

Mehrere indigene Völker wollen sich zum Schutz vor der Corona-Epidemie im Land in die freiwillige Isolation zurückzuziehen. Die Ashaninka im Westen Brasiliens haben diesen Schritt bereits beschlossen. „Wir werden uns für eine Weile zurückziehen und keinen Zutritt von außen zulassen“, sagt Francisco Piyãko, einer ihrer Anführer und Koordinator der Organisation der indigenen Völker des Flusses Juruá (OPIRIJ).

Es geht unter den Indigenen die Angst um, dass sich die Geschichte wiederholen könnte. Denn im Zuge der Kolonialisierung durch die Europäer waren verschiedene Krankheiten in die neue Welt gebracht worden, die die indigene Bevölkerung stark dezimierten. Und nun ist es wieder ein von außen eingeschleppter Virus, der die indigenen Völker Lateinamerikas bedroht. Da sie in der Regel zu den ärmsten Bevölkerungsgruppen zählen, haben sie kaum Zugang zu guter medizinischer Versorgung. Sie gehören zu den Verwundbarsten.

Die indigenen Völker reagieren mit Rückzug und können nur darauf hoffen, dass die selbst gewählte Isolation sie tatsächlich vor Ansteckung bewahren wird. „Da sie von staatlicher Seite keinen Schutz vor der kommenden Infektionswelle zu erwarten haben, helfen sie sich selbst“, sagt GfBV-Referentin Yvonne Bangert.