Wiedereröffnung der Grenze am Brenner.
Foto: AFP/Joe Klamar

BerlinNun beginnt die Reisezeit. Die Grenzen innerhalb Europas öffnen sich wieder, auch wenn das Coronavirus immer noch da ist. Doch es hat sich gelohnt, dass Länder sich abgeschottet haben, um die Infektionszahlen niedrig zu halten. Das hat der Soziologe Ruud Koopmans untersucht. Er hält es auch jetzt noch für sinnvoll, Grenzen nur selektiv zu öffnen. Wir sprachen per Zoom. 

Herr Koopmanns, Sie haben den Zusammenhang zwischen Grenzschließungen und der Ausbreitung des Coronavirus untersucht. Ist das Coronavirus ein Virus, das keine Grenzen kennt oder nicht?

Dass das Virus keine Grenzen kennt, war zu Anfang der Pandemie eine weit verbreitete Annahme. Es war auch die offizielle Linie der Weltgesundheitsorganisation, die deshalb immer gesagt hat, dass Grenzschließungen nichts bringen. Dem hat sich die Europäische Union angeschlossen. Ursula von der Leyen nannte Grenzschließungen bis weit in den März hinein unwirksam.

Wie sind Sie als Soziologe zu der Annahme gekommen, dass das vielleicht nicht stimmen könnte?

Ich bin Migrationsforscher. Grenzen spielen in meinem Forschungsbereich eine große Rolle. Es geht um Menschen, die sich über Grenzen bewegen. Und eine wichtige Frage lautet, ob Grenzkontrollen oder Grenzschließungen bei der Steuerung von Migration wirksam sind. Ich kenne den These, dass das alles nichts bringt, aus diesem Bereich. Man könne die Menschen nicht aufhalten, heißt es. Diese Auffassung ist sehr populär, aber sie stimmt einfach nicht.

Sie haben sich also mit soziologischen Mitteln auf die Spur des Virus gemacht?

Anfangs dachte ich, dass das Thema Corona völlig an uns Sozialwissenschaftlern vorbeigeht. Aber dann habe ich mich gefragt: Warum eigentlich? Es geht ja auch beim Coronavirus um Verbreitung in einem Sozialsystem. Und damit kennen wir uns aus. Wenn es um die Verbreitung von politischen Auffassungen, Informationen oder Modererscheinungen geht, spielen soziale Verflechtungen eine große Rolle, schwache und starke Bindungen.

David Ausserhofer
Zur Person

Der Soziologe Ruud Koopmans, 1961 in den Niederlanden geboren, leitet seit 2007 die Abteilung Migration, Integration und Transnationalisierung am Wissenschaftszentrum Berlin. Er wurde 2013 Professor für Soziologie und Migrationsforschung am Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität

Das müssen Sie erklären.

Starke Bindungen bestehen etwa innerhalb einer Familie oder im Freundeskreis, der Nachbarschaft. Schwache Bindungen verbinden Menschen, die ansonsten über wenig soziale Kontakte miteinander verfügen, die vielleicht zu ganz unterschiedlichen sozialen Schichten gehören, die jeweils in einem anderen Bundesland oder auch einem anderen Land wohnen. Aber es sind gerade die schwachen Bindungen, über die sich etwa Informationen am schnellsten verbreiten.

Und das Virus?

Beim Virus ist es genauso. Es hat ja keine Beine oder Flügel. Wenn einer in der Familie infiziert ist, stecken sich wahrscheinlich auch die Familienmitglieder an, doch innerhalb der Familie stößt das Virus schnell an seine Grenzen. Aber wenn die infizierte Person auf Reisen geht, verschiedene Orte besucht, kann sie ganz viele verschiedene Menschen anstecken. Und die stecken wiederum andere an. Internationale Verbindungen sind die schwächsten Bindungen. Wenn man auf die ersten Fälle schaut, dann sind diese aus anderen Ländern in ein Land hineingetragen worden. Aus China etwa oder aus Italien. Und wenn das so ist, dann müssten Länder, die dem internationalen Reiseverkehr stark ausgesetzt sind, besonders stark von dem Virus betroffen sein. 

Also war es in Italien und Spanien deshalb so schlimm, weil diese Länder touristische Anziehungspunkte sind?

Es ist absolut nicht zufällig, dass es diese Länder waren. Sie gehören zu den meistbesuchten der Welt. Und es sind noch dazu Länder, die man wegen ihres angenehmen Klimas gern in den Wintermonaten besucht. Die ersten Fälle in Italien sind durch chinesische Touristen entstanden. Auch nach Spanien haben Touristen das Virus gebracht.

Aber dann war ja das Virus im Land. Was nützt es dann noch, die Grenzen zu schließen?

Das haben sich viele gefragt. Aber wenn man davon ausgeht, dass der internationale Reiseverkehr das Virus zumindest in der Anfangsphase verbreitet, und dass Infektionen, die ein Mensch verursacht, der quer durchs Land reist, schwer nachverfolgbar sind, dann kann es schon auch später sinnvoll sein. Ich habe den Eindruck, dass viele Politiker das im Nachhinein eingesehen haben und jetzt mit Lockerungen an den Grenzen sehr vorsichtig sind. Es ist ihnen wohl bewusst, dass wir, wenn wir den internationalen Reiseverkehr zu schnell wieder in Gang bringen, Gefahr laufen, die Erfolge bei der Virusbekämpfung in Deutschland und in Europa aufs Spiel zu setzen.

Aber Sie haben ja nicht nur Vermutungen angestellt, Sie haben untersucht, oder?

Ich bin noch dabei, verfüge im Moment also nur über Zwischenergebnisse. Bei den Ländern, für die ich Daten besitze – und die decken immerhin 99 Prozent der weltweiten Coronaopfer ab – habe ich geschaut, ob und wann diese Länder Einreisebeschränkungen eingeführt haben. Ich habe geschaut, ob sie die Einreise ganz gestoppt oder Quarantänemaßnahmen eingeführt haben, und das in Bezug auf drei Kategorien: für China, Italien und für alle Länder der Welt. Es gibt Länder, die fast nichts gemacht haben. Großbritannien etwa oder Schweden, Mexiko. Brasilien hat wenig gemacht und sehr spät reagiert. Auch viele europäische Länder waren spät dran, vor allem westeuropäische Länder. Osteuropäische Länder haben früh reagiert und auch Österreich, die Türkei, Israel. Meine Untersuchungen haben ergeben, dass Länder, die früh Einreisebeschränkungen verhängt haben, deutlich weniger Corontatote zu betrauern haben als Länder, die das nie gemacht haben oder eben erst spät.

Es haben ja nicht nur Länder Einreisebeschränkungen verhängt, sondern in Deutschland einzelne Bundesländer. Sehr zu ihrem Ärger durften die Berliner eine Zeitlang nicht mehr nach Mecklenburg-Vorpommern fahren. War das sinnvoll?

Es gibt zwei Bundesländer, die das gemacht haben, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein. Und das sind die Bundesländer mit den niedrigsten Todesraten pro Kopf in der Bundesrepublik. Innerhalb eines Landes ist es schwer zu beweisen, dass das auch ein Ergebnis von deren Einreisepolitik ist. Aber es passt genau zu den Befunden meiner Studie. Man kann auch an den deutschen Grenzen schauen. Was das Verhalten in Bezug auf Grenzschließungen angeht, unterscheidet sich Deutschland kaum von den westlichen Nachbarländern. Die Niederlande haben spät Grenzschließungen vorgenommen, Belgien und Frankreich waren noch später als Deutschland. Aber die Länder an Deutschlands östlicher Grenze haben die Grenzen früher geschlossen: Polen, Tschechien, Österreich. Und wenn man die bayrisch-österreichische Grenzregion betrachtet, dann sieht man, dass die Todesrate in Bayern viel höher ist. Dabei grenzt Österreich an Italien und nicht Bayern. Aber Österreich hat die Grenze zu Italien schon am 10. März zugemacht, acht Tage vor Deutschland. Dasselbe sieht man an der tschechisch-bayrischen Grenze und an den Grenzen zwischen Sachsen, Brandenburg und Tschechien und Polen. Das einzige Gebiet, in dem die Fallzahlen nicht unterschiedlich sind, ist die Grenzregion Mecklenburg/Polen. Dort sind sie gleich niedrig.

Jetzt beginnen die Sommerferien, viele Grenzen sind wieder offen. Wie sehen Sie das?

Zum Glück öffnen viele Länder ihre Grenzen nur selektiv. Griechenland zum Beispiel hat die Grenzen bisher nicht für jedes Land aufgemacht. Niederländer etwa dürfen nicht einreisen.

Warum nicht?

Weil die Fallzahlen in den Niederlanden immer noch relativ hoch sind. Aus Deutschland darf man einreisen, allerdings gibt es am Flughafen ein Screeningverfahren. Es ist für jedes Land mit niedrigen Fallzahlen ganz klar eine Gefahr, wenn es jetzt die Grenzen für Menschen aus Ländern mit höheren Fallzahlen öffnet.

Grenzen zu schließen – das ist nicht nur ein medizinisch begründeter Verwaltungsakt, das hat auch politische Implikationen. Es gibt die EU, doch dann sind die nationalstaatlichen Grenzen zugegangen. Wird das Folgen haben?

Das ist schwer zu sagen. Für die Ablehnung von Grenzschließungen gibt es viele unterschiedliche Gründe. In Brasilien gibt es diesen Präsidenten, der nicht glaubt, dass das Virus gefährlich ist. Für Großbritannien waren wohl wirtschaftliche Gründe ausschlaggebend. Und hinsichtlich der EU gab es auch die ideologische Komponente. Dass man das Schließen von Grenzen als etwas Verpöntes betrachtet. Deshalb hat man der WHO gern geglaubt.

Dass Grenzschließungen das Virus so effektiv aufgehalten haben, ist auch eine Lehre für die Zukunft, für die zweite Welle, oder?

Ja, sicher. Länder, die das früh gemacht haben, sind viel besser durch die Krise gekommen.