Im indischen Haora ging die Polizei mit Schlagstöcken gegen Lockdown-Verstöße vor.
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BerlinBekanntlich ist in Deutschland die Freiheit bedroht, seitdem das Tragen von Mund-Nasen-Masken zur Bürgerpflicht geworden ist. Einige, etliche, wer weiß wie viele oder eher wenige Menschen führen gegen diese volkshygienische, eben coronabedingte Pflicht ihrer Bürgerrechte ins Feld. Mehr noch: Dass man andere mit der Maske schützen soll, stellt nicht nur eine unzumutbare, sondern auch eine vergebliche Mühe dar. Schließlich kann, was die Übertragungswege von Covid-19 betrifft, rein gar nichts bewiesen werden – wenn das Virus nicht ohnehin nur ein Hirngespinst ist.

Oder ein von Bill und Linda Gates über die Menschheit gebrachtes Verhängnis. Eine Verschwörung zur Unterdrückung der Menschheit. Die tarnt sich wissenschaftlich und ansonsten bürokratisch. Letzteres findet in dem wortungetümhaften „Bußgeldkatalog zur Ahndung von Verstößen gegen die SARS-CoV-2-Infektionsschutzverordnung“ seinen deutlichen Niederschlag. Ein Manifest staatlicher Bevormundung: In Berlin kostet das „Nichttragen einer Mund-Nasen-Bedeckung“ in der U-Bahn oder im Laden bis zu 500 Euro. Gleiches gilt für Verstöße gegen die Abstandsregeln.

Schlimm, fraglos. Aber jetzt mal halblang: Gegen den rücksichtslosen und jammervollen Staatsverdruss möchten wir dezent darauf hinweisen, dass Deutschland mit seinem Masken- und Abstandsgedöns sehr gut durch die Pandemie gekommen ist. Außerdem empfehlen wir dringend einen unvoreingenommenen Blick ins Ausland. 500 Euro Strafe? Lächerlich im Vergleich zu dem, was maskenmuffelnde und abstandsverweigernde Gemeinwohlgefährder in Indien, Katar oder Marokko erwartet. Unsere Demokratie ist in Gefahr? Na, dann schauen Sie sich doch einmal um.

Drei Jahre Knast: Die Skyline von Doha, der Hauptstadt von Katar, beeindruckt durch seine futuristischen Wolkenkratzer. In dieser Oase wütet das Virus. Insgesamt sind in dem Emirat nach offiziellen Angaben mehr als 30.000 Menschen positiv auf Corona getestet worden – das entspricht etwa einem Prozent der Bevölkerung. Das Tragen eines Mund-Nase-Schutzes in der Öffentlichkeit ist hier für alle Pflicht. Bei Verstößen drohen Haftstrafen von bis zu drei Jahren und Geldbußen bis zu 55.000 Dollar (51.000 Euro). Zwar haben auch andere Länder Haftstrafen eingeführt: Im Tschad drohen dem Maskenmuffel bis zu 15 Tage Haft, in Marokko bis zu drei Monate. Doch niemand sperrt die Menschen länger weg als Katar.

Schläge und Kniebeuge: In Indien hat die Zahl der Corona-Fälle gerade die Marke von drei Millionen überschritten. Dabei ging die Polizei von Beginn an mit großer Vehemenz gegen Regelbrecher vor. Der Schlagstock prügelte die Bedeutung von Social Distancing und Maske ein, wer gegen die Ausgangssperre verstieß, wurde mit  Kniebeugen bestraft. Touristen mussten wegen eines Spaziergangs 500-mal schreiben: „Ich habe mich nicht an die Ausgangssperre gehalten, und das tut mir sehr leid.“ Es gab aber auch freundlichere Gesten: Im Bundesstaat Gujarat setzte die Polizei auf selbst gebastelte Helme in Virus-Optik, um die Bevölkerung über die Gefahren von Corona aufzuklären.

Unsere strengen Nachbarn: Die Österreicher zu unterschätzen, war schon immer ein Fehler. Wenn es sein muss, machen sie mit uns kurzen Prozess. Weil eine an Covid-19 erkrankte Deutsche in Tirol unablässig gegen ihre Quarantäneauflagen verstieß, weil sie im Supermarkt einkaufen ging, den Aufzug in ihrem Wohnhaus benutzte, im Park ausgedehnte Spaziergänge unternahm und sich mit einer Verletzung per Taxi ins Krankenhaus bringen ließ, statt den Notarzt zu rufen, und weil sie mehrfach bei Kontrollen nicht zu Hause angetroffen worden war  – wurde diese unbelehrbare Frau vom Landgericht Innsbruck kürzlich zu 10.800 Euro Geldstrafe verurteilt. Vielleicht geht da noch etwas mehr: Die Deutsche legte Berufung ein.

In Quezon auf den Philippinen hielten Polizisten Bewohner nach dem Verstoß gegen coronabedingte Verhaltensregeln stundenlang fest. 
Foto: Aaron Favila/AP/dpa

Stundenlange Vorträge: Auf den Philippinen hat Präsident Rodrigo Duterte im März eine der weltweit strengsten Ausgangssperren verhängt. Die Regierung verfolgt zur Durchsetzung des Lockdowns jene martialische Linie, die man schon von Dutertes Krieg gegen Drogen kennt. Tausende Menschen wurden wegen Verstößen gegen die Ausgangssperre bereits verhaftet. In Quezon verdonnerte man Coronasünder zu einem Vortrag über Sicherheitsmaßnahmen und richtiges Verhalten während der Pandemie und hielt sie stundenlang in einem öffentlichen Park fest. Mittlerweile herrscht auf den Philippinen nicht mehr nur Maskenpflicht, am Arbeitsplatz und in öffentlichen Verkehrsmitteln muss man zusätzlich Plastikvisiere tragen.

Scham und Schande: Indonesien ist mit über 264 Millionen Einwohnern der viertbevölkerungsreichste Staat der Welt. Die nicht ganz lupenreine Demokratie setzte bei der Bekämpfung von Corona-Gefährdern vor allem auf öffentliche Demütigung. Auf der Insel Sulawesi musste unlängst ein Mann unter den Augen der Polizei etliche Liegestütze vorturnen, weil er beim Motorradfahren ohne Maske erwischt worden war. Doch sind im Inselstaat noch andere Varianten von „Public Shaming“ bekannt: Das öffentliche Singen der Nationalhymne, die erzwungene Teilnahme an Beerdigungen von Covid-19-Opfern (so geschehen in Tuban auf Java) sowie das Reinigen öffentlicher Räume in einer leuchtend-orangefarbenen Weste mit der Aufschrift „Verletzer des Gesundheitsprotokolls“. 

Indonesien, Sulawesi: Ein „Verletzer des Gesundheitsprotokolls“.muss vor den Polizisten ordentlich pumpen.
Foto: dpa/Herwin Bahar

Panzer und Patrouillen: „Angst in den Städten“ oder „Die Regierung geht über Leichen“ – so lauten aktuelle Schlagzeilen in den marokkanischen Zeitungen. Rasant breitet sich die Pandemie im nordafrikanischen Königreich aus, besonders seit dem islamischen Opferfest Anfang August werden täglich mindestens 1000 Neuinfizierte gezählt. Dabei besteht in Marokko landesweit Maskenpflicht außerhalb der eigenen Wohnung, sie gilt sogar für Autofahrten. Doch das Gesundheitssystem ist zunehmend überfordert. Um die Pandemie in den Griff zu bekommen, verschärften die Behörden in den vergangenen Tagen ihre Maßnahmen. Sie stationierten Panzer, errichteten Straßensperren und entsandten Kontrollpatrouillen.

Party-Polizei: Zwar kommen die Behörden in Europa ohne drakonische Maßnahmen und öffentliches Bloßstellen aus, aber auch die britische Regierung hat kürzlich die Bußgelder für Corona-Verstöße erhöht. Wer wiederholt gegen die Pflicht zum Tragen einer Gesichtsbedeckung in geschlossenen Räumen verstößt, muss nun bis zu 3200 Pfund (rund 3500 Euro) bezahlen. Veranstalter illegaler Partys müssen gar mit Bußgeldern von bis zu 11.000 Euro rechnen. Auch Airbnb macht angesichts lautstarker Partys ernst: Künftig dürfen junge Leute unter 25 in Großbritannien nur noch unter bestimmten Bedingungen Häuser in der Nähe ihres Wohnorts buchen. Wer zu wenig positive Bewertungen anderer Nutzer erhalten hat, hat das Nachsehen.