Leere Stühle. 
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BerlinBundeskanzlerin Angela Merkel hat mitgeteilt, sie denke „Tag und Nacht“ über einen Weg nach, „mit dem das öffentliche Leben auch wieder Schritt für Schritt möglich wird“. Wer die Rückkehr zur Normalität als Staatsbürger auf eigene Faust und auf dem Rechtsweg erstreiten möchte, sollte dagegen auf der Hut sein: Die Staatsanwaltschaft ermittelt gemeinsam mit dem Staatsschutz gegen eine Rechtsanwältin aus Heidelberg. Ihr wird vorgeworfen, „öffentlich zu einer rechtswidrigen Tat aufgerufen zu haben“.

Die Anwältin habe, so der Staatsanwalt, „über ihre Homepage öffentlich zum Widerstand gegen die staatlich erlassenen Corona-Verordnungen aufgerufen“. Auf „Bitte“ der Polizei nahm der Internetanbieter 1&1 Ionos die Website der Anwältin von Netz, zum Zweck der „Beseitigung der bestehenden Störung der öffentlichen Sicherheit“.

Die Anwältin klagt gegen die Corona-Verordnungen vor dem Bundesverfassungsgericht und hatte dazu aufgerufen, Demonstrationen anzumelden. Nicht nur sie hat Probleme mit einer Obrigkeit, die die „Wissenschaft“ ungeprüft für ihre Entscheidungen vorschiebt. Der Berliner Rechtsanwalt Niko Härting kritisiert die Bemerkung von Experten, die Corona-Studie über Heinsberg liefere noch nicht genug Evidenz, um die Kontaktsperren in Deutschland zu lockern. Härting schreibt auf Twitter: „Als ob es wissenschaftlicher Beweise bedürfe, damit wir unsere Grundrechte wieder ungehindert ausüben dürfen. Umgekehrt ist es richtig: Wer Grundrechte einschränkt, trägt die Beweislast.“

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach kündigte im ZDF an, in diesem Sommer werde es keine Besuche im Freibad, im Badesee oder an einem Ostseestrand geben. Das Wegsperren der Bevölkerung – beschönigend „social distancing“ genannt – könnte demnach noch sehr lange dauern. Lauterbach teilte mit, dass 99 Prozent der Deutschen immer noch nicht infiziert seien. Die Herstellung eines Impfstoffs werde bis mindestens weit ins kommende Jahr dauern. Keine dieser Behauptungen kann Lauterbach belegen – es sind reine Spekulationen.

Die Corona-Krise ist nicht mit apokalyptischen Beschwörungen zu bewältigen. Martin Sprenger, Arzt und für einige Zeit Mitglied im Expertenbeirat des österreichischen Gesundheitsministeriums, sagte: Es sei darauf zu achten, dass „der Verlust an gesunden Lebensjahren aufgrund einer mangelhaften Versorgung anderer akuter und chronischer Erkrankungen nicht Faktor 10-mal höher ist“ als der Verlust an Lebensjahren durch Corona.

Die Welt verfolgt aktuell gebannt das „Sterbegeschehen auf Dashboards“. Die in einer Demokratie von den Bürgern beauftragte Politik muss über den Tag hinaus denken. Es ist nämlich, wie der Arzt Sprenger sagt, „auch tragisch, wenn jemand sterben muss oder behindert bleibt, weil die Versorgungskette nicht so funktioniert hat, wie sie noch vor der Pandemie funktioniert hätte“.

Der Shutdown als erste Maßnahme war richtig. Nun geht es darum, das Virus besser zu verstehen und wirkungsvoll zu bekämpfen. New Yorker Ärzte haben festgestellt, dass eine zu brachiale Beatmung bei bestimmten Patienten schädlich sein kann. Studien wie jene zu Heinsberg sollten weltweit zusammengeführt und veröffentlicht werden. Die offiziellen Zahlen müssen in einen Kontext gestellt werden. Statt Geheimhaltung ist maximale Transparenz aller Daten erforderlich. Das ist anonymisiert und in großer Schnelligkeit über das Internet möglich. Risikogruppen müssen gezielt geschützt werden.

Die Gelder, die man nun in Unternehmen stecken muss, die durch die Maßnahmen in die Pleite getrieben werden, wären wesentlich besser verwendet, würde man Pflegeeinrichtungen und Altenheime wirksam finanzieren und menschenwürdig schützen. Statt eines simplen Zentralismus sollten Lockerungen regional und zielgruppenspezifisch durchgeführt werden. Der Sachverstand und die Psyche der Bevölkerung sind wichtig. Bürgerrechte sind die Voraussetzung für die Freiheit des Einzelnen. Diese Freiheit ist Bedingung für jede wirtschaftliche Tätigkeit. Nur eine funktionierende Wirtschaft wirft Steuern ab. So finanzieren wir am Ende die Politiker und ein Gesundheitssystem, für das auch eine Pandemie nicht gleich der Weltuntergang ist.