Ernten auf dem Feld.
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BerlinWo für biedere Handwerker nur Wiese ist, da sehen Instinktspieler freie Handlungsräume. Das gilt nicht nur für Thomas Müller vom FC Bayern, sondern auch für Politiker. Ich liebe fantasievolle Propaganda. Es ist von beglückender Ästhetik, wenn kreative Parteiarbeiter wie aus dem Nichts Großchancen produzieren und eiskalt vollstrecken. Bei vielen Grünen kamen mir deshalb schon Freudentränen. Die verschenken keine Gelegenheit, um ihre Botschaft unters Volk zu bringen. Kaum hat der Wetterbericht Hitze, Kälte, Dürre, Regen, Schwüle oder Sturm angekündigt, äußert einer ihrer Amtsträger, dass deshalb die Energiewende beschleunigt werden müsse. Da kannst du die Uhr nach stellen. So geht Nachhaltigkeit. Jede Ressource wird genutzt. Unvergessen bleibt, wie Claudia Roth einst Zehntausende japanische Tsunami-Tote freihändig auf das Opferkonto der Kernkraft umschichtete. Man wird Spitzengrüne vor Mikrofonen selten zagen sehen, außer bei komplexesten wissenschaftlichen Fragen – wie etwa der, was besser gegen Feigwarzen hilft: Bach-Blüten oder Globuli?

In Sachen Corona allerdings war die Katastrophendeutungsperformance bisher eher enttäuschend. Während andere sich an den Hauptschuldigen Bill Gates und „Kapitalismus“ abarbeiteten, hatten die Grünen kaum Zugriff auf das Seuchengeschehen. Doch jüngst deutete eine Bundestagsrede von Renate Künast auf eine Rückkehr zu alter Form: „Der Grund für die Pandemie ist die falsche Art und Weise, wie wir unsere Nahrungsmittel produzieren, Landwirtschaft betreiben und mit der Umwelt umgehen (…) und deshalb brauchen wir jetzt eine Ernährungswende.“

Die frühere Landwirtschaftsministerin hat sichere Erkenntnisse darüber, dass das Virus nur von bedrängten Wildtieren auf gedankenlose Bauern übergesprungen sein kann und nun vorzugsweise adipöse Diabetiker umbringt. Mit diesem Wissen ist sie ganz weit vorn. Während andere Fachleute bezüglich des Pandemiehergangs noch kunstvoll Konjunktive basteln, zählt Frau Künast schon unvermeidliche Konsequenzen auf: mehr „Agrarökologie“, „Bioanbau“ und, logisch, zuckerreduzierte Lebensmittel. Das wären dann wohl auch die nächstliegenden Konsequenzen einer Zombie-Apokalypse.

Hoffentlich macht das anderen Abgeordneten Mut, sich unerschrocken von faktischen Fesseln zu befreien. Christian Lindner etwa lässt lieber seine FDP leise siechen, als mal klar zu sagen, was Corona auch ist: eine Folge des immer noch nicht abgeschafften Solidaritätszuschlags. Fehlt ihm der Schneid? Wann gibt er endlich die marktliberale Antwort auf Covid-19 und fordert, um den sagenhaften R-Wert auf Null zu senken, die Streichung aller Unternehmenssteuern?

Mir ist auch etwas aufgefallen: Es sind 8036 Kilometer Luftlinie von Wuhan nach Berlin. Wären alle Flugzeuge, Autos, Schiffe, Bahnen und Reitpferde rechtzeitig abgeschafft worden, hätten die ersten in China Infizierten Mitteleuropa heute noch nicht erreicht, sondern wären als Fußgänger unterwegs genesen oder gestorben. Kein Zweifel: „Der Grund für die Pandemie ist die falsche Art und Weise, wie wir uns fortbewegen; und deshalb brauchen wir jetzt die Mobilitätswende.“ Auch dieser Satz müsste im Parlament mal gesagt werden. Leider habe ich kein Mandat, ihn dort vorzutragen. Frau Baerbock, wären Sie vielleicht so freundlich?