Ein Tourist beobachtet die Landung eines Flugzeugs über den Mackenzie Beach in Larnaka.
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Berlin/LarnakaAirport Larnaka auf Zypern: Als zwei Zubringerbusse die Passagiere aus Wien an einem grauen Gebäude abliefern, werden wir von Wärmebildkameras gescannt, deren Ergebnis Maskenmänner prüfen, die auf Monitore starren. Dann erwarten uns zehn Frauen und Männer mit Maske, Plastikvisier und blauer Schutzkleidung. „Covid-19 Test“ steht auf einem Plakat. Noch benommen vom Dreistundenflug reihen sich die Fluggäste in dem engen Raum auf, der das Einhalten von Abstandsregeln unmöglich macht. Geben die ausgefüllten Corona-Formulare ab, lassen sich ein Stäbchen tief in die Nase fahren, bis es richtig weh tut. Den Ferienbeginn haben sie sich wohl anders vorgestellt, denke ich mir.

Für mich ist es kein Urlaubsflug. Als Auslandskorrespondent bin ich Vielflieger. Ich muss diese Maschinen benutzen, und meistens hasse ich sie und mich dafür. Sie schaden der Umwelt. Sie sind eng, voll mit anderen Leuten, und bevor es losgeht, gibt man viel Geld für teuren Kaffee aus. Corona bescherte mir eine willkommene Flugpause. Das letzte Flugzeug hatte ich Ende Februar betreten, als ich nach Berlin reiste, um meine hochbetagte Mutter zu sehen. Aber was dann passierte, war mir auch wieder nicht recht. Denn plötzlich war mir der Rückweg versperrt.

Die Republik Zypern hatte Anfang März ihre Flughäfen für praktisch alle internationalen Flüge geschlossen. Auch die türkische Republik Nordzypern hatte den gesamten Reiseverkehr eingestellt. Zypern war abgeschottet von der Welt, und zwar fast vier Monate lang. Doch was sich als hochwirksame Strategie gegen die Corona-Pandemie erweisen sollte – die gesamte Insel hat bisher nur rund 1200 Infizierte und 23 Tote zu verzeichnen –, war ein Desaster für alle Auslandszyprioten und Dauerresidenten wie mich, die zu diesem Zeitpunkt außer Landes weilten.

Corona-Berlin war magisch

Vielleicht hätte ich es noch geschafft, den letzten Zypern-Flieger zu erreichen, wenn meine Gallenblase nicht verrückt gespielt hätte. Die Schmerzen wurden so schlimm, dass ich den Notarzt rufen musste. Es war fünf Uhr morgens, in den Anfangstagen der Pandemie. Vier Mann in Schutzkleidung bewegten sich behutsam durch die Wohngemeinschaft im Berliner Bezirk Pankow, in der ich untergekommen war. Sie spulten ihre Routinen ab, aber man spürte: Alle waren extrem vorsichtig. Und das zu Recht. Vergangene Woche erklärte die Weltgesundheitsorganisation WHO, dass mindestens zehn Prozent aller Infizierten weltweit zum medizinischen Personal gehören.

In der Notaufnahme des Krankenhauses herrschte Hochbetrieb. Viele Leute, die annahmen, sie hätten sich infiziert, suchten Hilfe. Einer rief, er habe zwei Herzinfarkte überlebt: „Ick wer' jetze nich an Corona ster'm!“ Um mich herum wurde um die Wette gehustet. Nach sieben Stunden kam ein Arzt, drückte auf meinen Bauch und ließ mich sofort zur Operation einweisen. Auf der Abteilung für Inneres wurden Zimmer für Intensivpatienten vorbereitet.

Nach Entlassung aus der Klinik stand fest: Ich war in Berlin gestrandet – und beschloss, meine Heimatstadt neu zu entdecken, zehn Jahre nach Abreise in den Nahen Osten. Während mir Freunde aus Zypern am Telefon vom extrem harten Lockdown erzählten, der Ausgänge nur zum Arzt, zum Supermarkt oder zur Apotheke mit vorheriger Anmeldung per SMS erlaubte und bei Nichtbefolgung mit hohen Geldstrafen geahndet wurde, konnte man in der deutschen Hauptstadt überall herumlaufen.

Ich fuhr gern mit der fast völlig leeren S-Bahn. Es fühlte sich an wie Urlaub. Ich sah fantastische Hinterhöfe, besuchte Kirchen, Parks und Friedhöfe, die mir unerhört groß, grün und verwunschen vorkamen. Ich dankte dem Senat für den Beschluss, die Buchläden nicht zu schließen. Und ich freute mich für die kurdischen Späti-Besitzer, die von Corona profitierten. Wenigstens diese Kurden waren mal auf der Gewinnerseite.

Corona-Berlin war magisch. Die Straßen von Autos befreit, im Himmel kein einziger Kondensstreifen. Dass die Zeitblase zu platzen begann, merkte ich an der Verschiebung der Schließung des Flughafens Tegel. Das tat mir leid für meine Mutter, die in Spandau auf das Ende des  Turbinenlärms wartet. Aber ich begann, Hoffnung zu schöpfen.

Anfang Juni sendete die Regierung in Nikosia Signale, dass die Airports bald geöffnet würden. Aber Flüge zu buchen, war wie ein Videospiel, dessen Regeln man nicht kennt. Sie wurden online gelistet, verschwanden dann wieder geisterhaft.

Der Covid-19-Kranke bekam nie Anrufe vom Amt

Endlich entschied die Regierung, ab dem 20. Juni alle Beschränkungen für Anreisende aus Ländern der „Niedrigrisiko“-Kategorie A wie Deutschland, Österreich oder Norwegen fallen zu lassen. Kategorie B sind Länder wie Belgien, Spanien oder Rumänien, deren Bewohner nur mit aktuellem negativem Testzeugnis kommen dürfen. Reisende aus „Hochrisikoländern“ der Kategorie C müssen 14 Tage in strenge Quarantäne. Dazu zählen noch immer die wichtigsten zyprischen Urlauber-Herkunftsstaaten Großbritannien, Russland und Israel, weshalb man in Nikosia grübelt, wie man die Touristen einfliegen kann, ohne ein Infektionsdesaster anzurichten.

Kaum hatte ich einen Flug gebucht, der online nicht wieder erlosch, geschah der größte anzunehmende Unfall. In meiner Wohngemeinschaft begann jemand zu husten. Er bekam Fieber. Am dritten Tag ließ er sich testen, Ergebnis: positiv. Der Mitbewohner war ein junger Mann ohne die geringste Vorerkrankung. Doch schon am zweiten Tag sah er gar nicht mehr gut aus: grau im Gesicht und eingefallen. Als zwei Ärzte kamen und nach ihm schauten, wiegelten sie ab: „In einer Woche ist er wieder putzmunter. Er ist ja jung.“ Sie sollten recht behalten.

Wir anderen im Haushalt waren besorgt. Wir desinfizierten alle Klinken, Türrahmen und die gemeinsam genutzte Küche, versuchten, jede Begegnung im Flur zu vermeiden und rissen alle Fenster zwecks Durchzugs auf. Ängstlich horchten wir auf jedes Husten und achteten auf Anzeichen einer Ansteckung. Zum Glück war da nichts.

Meine Reisepläne konnte ich vergessen. Das Gesundheitsamt verurteilte uns zu zwei Wochen Hausquarantäne. Wir durften nicht mal die Post aus dem Briefkasten holen oder Müll runterbringen. Wir waren komplett auf die Hilfe der Nachbarn angewiesen – die das total gut machten. Unterdessen stieg unser Aggressionslevel. Arrest in zwei Räumen, auch wenn es die eigenen sind, ist nicht schön. 

Fast jeder, der von unserem Corona-Kranken hörte, geriet in Panik. Wir waren Aussätzige. „Unglaublich, ich dachte, Corona ist weit, weit weg“, sagte eine Freundin fassungslos am Telefon. „Es ist der Schock, dass wir sterblich sind“, bemerkte ein Mitbewohner.

Die Quarantänekontrolle war streng. Jeden zweiten Tag riefen Mitarbeiter des Gesundheitsamts an. „Wie geht es Ihnen heute? Haben Sie Fieber? Werden Sie versorgt?“ Wir wurden sogar zweimal – negativ – getestet. Sie waren sehr besorgt um uns. Mit einer Ausnahme: Der einzige Kranke bekam nie Anrufe vom Amt. Niemand wollte wissen, wie es ihm ging. Niemanden interessierte, ob er Fieber hatte. Dafür durfte er drei Tage früher die Quarantäne beenden und uns fortan mit Bier und Eiscreme versorgen. Er musste nur „Ja“ sagen, als man ihn fragte, ob er wieder gesund sei, getestet wurde er nicht.

Als ich die Dame vom Amt um eine Erklärung bat, erwiderte sie im Behördendeutsch: „Er hat sich früher als Sie infiziert, falls er Sie infiziert hat, deswegen darf er früher aus der Quarantäne. Wie mit ihm weiter verfahren wird, wissen wir nicht. Das macht die Kontrollabteilung.“ Nach kurzer Pause räumte sie ein: „Tja, manches, was wir hier tun, ist wirklich schwer zu erklären.“

Zwei Tage nach Quarantäne-Schluss saß ich im Taxi zum Flughafen Tegel. Als geborener West-Berliner habe ich den alten Airport, unser Fenster zur Welt, immer geliebt. Fliegen war cool, als es die Sicherheitschecks noch nicht gab und man in der Kabine noch rauchen durfte. Später, als Auslandskorrespondent, wurden Flugreisen etwa so normal wie Bahnfahrten. Aber dieser Tag in Tegel fühlte sich aufregend an.

Über die letzten Tage des legendären Flughafens ist viel geschrieben worden. Weil der Check-in diesmal schnell ging, blieb Zeit, das berühmte Hexagon des Terminals A noch einmal in Ruhe abzulaufen. Ich liebe leere Flughäfen. Aber noch nie erschien mir ein fast verlassener Airport so retrofuturistisch.

Ich hatte strengere Checks erwartet

Draußen, an den Abflugrüsseln, blätterte hochsymbolisch die orange Werbung für einen Autovermieter ab. Drinnen herrschte eine elegische Stille, nur von Durchsagen unterbrochen, die zum Abstandwahren, Händewaschen und Einhalten „der Mund-Nase-Masken-Pflicht“ aufriefen. Es gab auch Menschen. Kleine Passagierklumpen vor den wenigen geöffneten Gates. Polizisten mit Gesichtsmasken, die vorsichtig durch die leeren Gänge patrouillierten. Alle Airline-Schalter, Reisebüros und Geschäfte waren dicht. Früher starteten täglich mehr als 500 Flieger in Tegel. Jetzt waren es noch zwanzig. Aus Corona-Gründen hatte ich strengere Checks als früher an der Gepäckkontrolle erwartet, aber alles war wie immer, sogar etwas freundlicher, mit Nostalgie-Bonus sozusagen.

Die Maschine nach Wien ist ausgebucht, sämtliche Mittelplätze besetzt, und niemand lacht bei der Durchsage: „Bitte achten Sie darauf, immer 1,50 Meter Sicherheitsabstand zu Ihren Mitpassagieren einzuhalten – soweit möglich.“ Ich mache mich so dünn wie möglich, um wenigstens Körperkontakt zu vermeiden. Als während des Flugs Wasser und Kaffee gereicht werden, fühlen sich praktisch alle Mitreisenden animiert, ihre Masken unters Kinn zu ziehen und Aerosole durch die Gegend zu pusten. Niemand dreht die Luftdüsen über dem Sitz auf, damit frische Luft einströmt und ausreichend ausgetauscht wird. Dabei sind 50 Prozent der Passagiere Grauschöpfe aus der Risikogruppe. Zum Glück hustet keiner. Ich trage eine FFP-2-Maske, aber fühle ich mich sicher? Nicht wirklich.

Nachdem wir die Parkposition in Wien erreicht haben, kann ich es kaum glauben: Niemand steht auf und holt sein Handgepäck aus der Ablage. Alle folgen den Anweisungen. „Sie haben das System kapiert!“, bedankt sich das Kabinenpersonal. Im Flughafen stehen, anders als in Tegel, überall Desinfektionsmittelspender. Schilder erinnern an den Sicherheitsabstand, der hier 50 Zentimeter weniger beträgt.

Auch beim Anschlussflug nach Larnaka ist die Maschine bis auf den letzten Platz gefüllt. Diesmal habe ich 7E, einen Mittelplatz. Die drei Stunden mit FFP-2-Maske unter dem eiskalten Luftstrom ohne einen Schluck zu trinken – die ziehen sich. Ich verstehe alle, die sich das Ding vom Gesicht reißen und einen Becher Wasser nehmen. Doch der Preis dafür kann hoch sein – für die Mitreisenden.

Neben mir sitzt ein Wiener Flugbegleiter auf dem Weg zu einem Einsatz. Beim Covid-19-Test in Larnaka frage ich ihn, wie oft er die Prozedur schon durchmachte. „Dreimal in den letzten fünf Tagen“, seufzt er.

Ankunft in  Larnaka. Hier beträgt der Sicherheitsabstand zwei Meter. Von den Mietwagenschaltern ist nur einer besetzt. Die Luft aus der Klimaanlage ist eiskalt. Draußen brennt die Mittelmeersonne. Wer es bis hierher geschafft hat, kann nun also Ferien machen. Falls keine Quarantäne oder Maskenpflicht dazwischenkommt.

Später erzählt mir ein zyprischer Bekannter, dass seine Schwester am Flughafen Dienst tut. „Sie testen wirklich jeden einzelnen Passagier!“ Inzwischen landen wieder drei Dutzend Flugzeuge täglich. Jetzt testen sie nur noch in Stichproben. Aber noch kann man die täglichen Neuinfektionen an einer Hand abzählen. Zypern ist vermutlich der sicherste Ferienort im ganzen Mittelmeerraum. Am 1. August kann sich das ändern. Dann soll zunächst Großbritannien in die Kategorie B eingestuft werden. Obwohl sie wissen, wie sehr die Wirtschaft am Tourismus hängt, haben viele Zyprioten dabei sehr gemischte Gefühle. Ich fühle mit ihnen. Von mir aus können die Engländer gern noch eine Weile auf ihrer eigenen Insel bleiben.