Unterirdische Kommandozentrale: Die US-Luftwaffe zieht sich in die Rocky Mountains zurück.
Foto: U.S. Air Force

Die Hauptkommandos der US-Luftwaffe, NORAD und NORTHCOM, werden wegen der Coronakrise, zum ersten Mal seit Jahrzehnten, wieder in den legendären Cheyenne-Mountain-Bunker in Colorado zurückkehren. Ab jetzt wohnen Offiziere und Belegschaft in einer fensterlosen und geheimen Welt.

Lesen Sie hier unseren Corona-Newsblog >>

NORAD und NORTHCOM, die die Lufthoheit des heimatlichen Festlands sichern, werden erst nach dem Ende der Pandemie aus der unterirdischen Kleinstadt in den Rocky Mountains wieder herauskommen. Nur wenn sie vom Virus absolut geschützt sind, wird nach den Angaben des führenden Luftwaffen-Generals Terrence O’Shaughnessy, die nationale Sicherheit gesichert sein.

Truppenbewegungen weltweit untersagt

Die Notwendigkeit des Rückzugs erklärt sich auch an Hand der Tatsache, dass in dieser Woche die Mannschaften auf zwei Flugzeugträgern der US-Kriegsmarine, in Japan und Guam, wegen Covid19-Infektionen unter Quarantäne gestellt worden sind.

Militärische Einrichtungen, wo Mannschaften miteinander leben, sind um einiges mehr gefährdet als zivile Arbeiter. Das Pentagon hat zudem alle Truppenbewegungen weltweit für die nächsten 60 Tage untersagt. Das Frühwarnsystem gegen das Coronavirus in Amerika, das wird immer offensichtlicher, hat versagt.

Der Bunker in Cheyenne-Mountain, etwa 80 Meilen von Denver entfernt, wurde wegen der Gefahr der sowjetischen Langstreckenraketen in den Jahren nach 1961 gebaut. Davor hatte die gesamte damalige Leitungsebene der Luftwaffe in zweistöckigen Gebäuden auf der Petersen Air Force Base in Colorado gearbeitet. Eine Panzerfaust hätte die Zentrale zertrümmert.

Lesen Sie hier: Wenige Tests, zu viel Bürokratie: Corona-Fälle in den USA steigen rasant

Bunker für die Krisenzeit

700 Meter unter der Erde wurde der Berg unterhöhlt, 700.000 Tonnen Granitgestein wurden hinausbefördert. Es entstand eine Kleinstadt mit 15 zum Teil mehrstöckigen Gebäuden, einem Kraftwerk, einer Krankenstation und aufwendiger Wasserversorgung. Restaurant, Fitnesszentrum und Sauna fehlen nicht. Die Anlage wurde durch zwei 25.000 Tonnen schwere Stahltüren von der Außenwelt getrennt. Der Bunker wurde gebaut, um Atomkriege, Erdbeben und Feuer zu überstehen und um in einer Krisenzeit den Präsidenten zu beherbergen.

Cheyenne war aus amerikanischer Sicht ein Nervenzentrum im Kampf gegen den sowjetischen Feind. Der Bunker wurde zentralistisch geführt, besaß eine Kommandostruktur von oben nach unten. Cheyenne wurde aufgebaut zur Zeit des Mainframe Computers und nicht des heutigen, dezentralen Netzwerks.

Cheyenne als Backup

Seit dem Ende des Kalten Krieges wurden die Vorteile des zentralisierten Modells mit jedem Jahr strategisch unwichtiger. Schon 1983 wurde Cheyenne vom Spielfilm „WarGames“ kritisch in die Zange genommen. Der Teenager Matt Broderick zeigte dem Pentagon: ein Atomkrieg war nicht mehr zu gewinnen, sondern nur zu unterbinden.

Nach dem Ende des Kalten Krieges wurde das Zentrum in Cheyenne eher als Backup verwendet. 2007 wurden sogar russische Militärs unter Tage eingeladen, um Wodka mit der amerikanischen Rumpfbesatzung zu genießen. Nur kurz wurde überlegt, nach dem Angriff des 11. September 2001 in New York Präsident Bush dort zu beherbergen.

Bill Gates warnte vor einer Pandemie

Doch in den vergangenen Jahren vernimmt man wieder mehr Aktivitäten in Cheyenne, um die „Kontinuität des Regierens“ zu sichern. 2015 hat man wieder verstärkt Tätigkeiten von NORAD und NORTHCOM unter Tage verlegt, wegen Sorgen um Elektromagnetische Impulse (EMPs). Auch wurden geheime Manöver in Washington D.C. mit „Gold-Top“-Black-Hawk-Hubschraubern geprobt.

Es wird vermutet, dass das Pentagon übt, VIPs und Spitzenregierungsvertreter in einer Krise schnell aus Washington hinausbringen zu können. Die akribische Voraussicht sowie der herkulische Gestaltungswillen in der Planung von Cheyenne muten ironisch an, angesichts Amerikas mangelnder Vorbereitung in der Corona-Epidemie.

Es war Bill Gates, der in den vergangenen Jahren immer wieder vor einer Pandemie warnte. Er unterstellte dem Pentagon und der zivilen Leitung des Landes, dass mehr Mühen in den Zivilschutz investiert worden wären, hätte eine fremden Regierung eine Biowaffe hergestellt.

Lesen Sie hier: Trump und Co in Zeiten von Corona: Die Entzauberung der Populisten

USA: Kaum so verwundbar wie jetzt

Aber eins ist sicher, wenn NORAD und NORTHCOM wieder über Tage sind, wird die Rolle des US-Militärs eine Neue sein. Denn während die bürgerlichen Kräfte in Amerika sich mühen, mit der Schnelligkeit und Aggressivität des Virus mitzuhalten, haben Mitglieder des National Guards unter Leitung der US-Armee die neuen Feldkrankenhäuser in New York und in anderen Städten in Eigenregie aufgebaut. Die Dankesrede von New Yorks Gouverneur Andrew Cuomo an die Guardsmen in Manhattan wird nicht die letzte solche Rede sein.

Amerikaner haben das Bewusstsein eines Volkes, das auf einem großen und geschützten Kontinent lebt. Seit Pearl Harbor und dem 11. September hat sich das Land kaum so verwundbar gefühlt wie jetzt – und in der Krise wendet es sich auch heute dem Miltär zu.