Vor allem ältere Menschen fühlen sich ausgegrenzt, wenn es um die Nutzung von Computern, Smartphones und Apps geht. 
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BerlinWumms war für ein paar Tage auch ein Modewort in diesen Zeiten. Zum rasanten Start der Corona-Warn-App passt der Begriff ganz gut. Viel mehr Downloads als erwartet, funktionierende Technik, keine Bedenken der Datenschützer und Nachahmer in Europa, die auch auf die dezentrale Lösung setzen – mehr geht eigentlich nicht. Wenn da nicht der kritische Punkt wäre: viele, sehr viele Menschen würden gerne mitmachen, sind aber von der Teilnahme ausgeschlossen.

Das hat Gründe. Die wichtigsten: Viele Menschen besitzen gar kein Handy oder ihr Gerät ist veraltet, sodass sie die App nicht installieren können. Und das sind nicht nur, aber vor allem, ältere und benachteiligte Bürger – also genau die, die in der Corona-Zeit schon unter Vereinsamung und Ausgrenzung leiden mussten. Und jetzt lässt sie die Regierung auch noch wissen: Ihr könnt nicht mitmachen, die mit vielen Millionen Euro entwickelte digitale Lösung ist nichts für euch. Kein gutes Signal.

Natürlich gibt es auch die sogenannten Silver-Surfer, also die Senioren, die sich sicher im Netz bewegen, aber die sind die Ausnahme. Die Mehrheit ist unsicher und fühlt sich ausgeschlossen. Die Regierung benötigt aber gerade in der Corona-Zeit die Mithilfe aller Bürger, der Kampf gegen das Virus ist ein Gemeinschaftsprojekt.Das zeigt sich auch beim Abstandhalten und Maskentragen. In Sachen Nutzung der App muss die Regierung Druck machen im Silicon Valley. Apple und Google sollten die Voraussetzungen schaffen, damit die App auch auf älteren Geräten nutzbar wird.

Auch so eine Sache, die die Warn-App deutlich macht: In Europa und speziell in Deutschland sind digitale Trends in der Vergangenheit verschlafen worden. Apple und Google haben zweifellos gute Arbeit geleistet bei der Entwicklung der Schnittstelle und so die Voraussetzungen geschaffen, damit die App überhaupt funktionieren kann. Aber am Ende bleibt der Rest der Welt, außer vielleicht China, doch abhängig vom Wohlwollen und den Entscheidungen der Tech-Giganten in Kalifornien.

Vielleicht macht die Corona-Warn-App der Entwicklerszene ja Mut, nach eigenen Lösungen zu suchen. Wenn die Bluetooth-Technologie als die beste technische Möglichkeit gilt, Infektionsketten zu unterbrechen, dann wären reduzierte Lösungen hilfreich, die beispielsweise wie Armbänder getragen werden könnten. Beim Fraunhofer-Institut ist darüber schon nachgedacht worden.

Aber es fühlen sich ja nicht nur Menschen abgehängt, die die App nicht nutzen können. Die Digitalisierung galt schon immer als Beschleuniger von sozialer Ungleichheit. In Deutschland sind noch neun Millionen Menschen offline, die meisten von ihnen sind im Schnitt 71 Jahre alt, 70 Prozent von ihnen sind Frauen. Gründe der Nichtnutzung sind fehlendes Interesse, Überforderung und nicht erkennbarer Nutzen. Diese Fakten sind seit Jahren bekannt. Passiert ist wenig. 

Die Digitalisierung wird in den kommenden Jahren noch an Bedeutung gewinnen, sie wird mit der Künstlichen Intelligenz und Industrie 4.0 in noch mehr Lebensbereiche vordingen und sie wird zögerliches Verhalten bestrafen. In den vergangenen Wochen und Monaten war der Bildungsbereich ein gutes Beispiel dafür.

Als die Schulen geschlossen wurden, hatten Ministerien, Schulleiter und Lehrer oft keinen Plan, wie sie die Kinder unterrichten sollen, weil die technische Fortbildung verschlafen worden war. Eltern und Kinder haben das zu spüren bekommen. Höchste Zeit also für einen Kulturwandel. Und da lässt sich von jungen Unternehmen lernen, die auf Fehlertoleranz und das Teilen von Wissen setzen.

Bleibt ein letzter Punkt: Missbrauch der digitalen Technik. Oppositionspolitiker haben davor gewarnt, dass Unternehmen von ihren Mitarbeitern verlangen könnten, die App herunterzuladen. Im Netz gibt es erste Hinweise darauf, dass das tatsächlich passiert. Das hätte dann nichts mehr mit der von der Bundesregierung betonten freiwilligen Nutzung der App zu tun, sondern mit respektloser Unternehmensführung. Besserwisserische, autoritäre Chefs – das ist altes Denken.

Es ist schon erstaunlich, an wie viele ungeklärte gesellschaftliche Fragen uns die Pandemie jeden Tag wieder erinnert. Die Corona-App ist ein gutes Beispiel dafür.