Wenn unsere Kinder fragten, ob wir an Weihnachten zu den Großeltern fahren, haben wir in den vergangenen Wochen immer gesagt: „Wir wissen es nicht.“ Und in meinem Kopf war – wenn ich selbst an Weihnachten dachte – immer eine Art weißer Wand. Weil klar war, unsere Pläne und die Art und Weise, wie wir in diesem Jahr feiern können, hängt von Corona ab. Von der Dynamik der Infektionszahlen und davon, wie die Politik auf sie reagiert.

Das war ein völlig neues Gefühl. Und nun, da die Beschlussvorlage für die Ministerpräsidentenkonferenz am Mittwoch durchgesickert ist, haben wir den Kindern gesagt: Nein, wir werden nicht zu den Großeltern fahren. Und wir werden die Großeltern auch nicht bitten können, zu uns zu kommen. Denn wir möchten nicht riskieren, der Virus- und Todbringer für sie zu sein. Und wir möchten ihnen auch nicht zumuten, in vollen Zügen zu sitzen zwischen Koffern, Geschenktüten und Menschen, die kurz ihre Masken lüften.

Am Abendbrottisch die Frage der Kinder: Ob wir uns nicht gegenseitig Corona-Tests zu Weihnachten schenken könnten – und dann doch bei den Großeltern feiern? Ein Gelächter, ein Schweigen. Und seitdem versuchen wir uns vorzustellen, wie dieses andere Weihnachten aussehen könnte, das erste Corona-Weihnachten in unserem Leben.

Fangen wir mit den Verlusten an und arbeiten uns dann vor zu den Chancen, zu den Traditionen, die sich retten, verwandeln, erfinden lassen. Also: keine Reisen. Keine Fernreisen ins Warme. Keine Skireisen mit ischglförmigen Kontaktorgien in Liften oder beim Après-Ski. Keine Verwandtenbesuche mit Anreisen quer durch die Republik. Kein Wiedersehen mit dem Sohn, der gerade im Ausland lebt.

Keine Weihnachtsmärkte, keine funkelnden Lichter in der Nacht, keine kalten Füße, kein Glühwein und keine Tüte mit heißen Esskastanien. Keine Weihnachtskonzerte, keine großen Bachlevitationen und keine kleinen Aufführungen, bei denen Kinder mit klopfendem Herzen ihre Strophen aufsagen. Keine Gottesdienste, in denen wir „O du fröhliche!“ singen, neben unbekannten Menschen in den Holzbänken sitzen und einen Anflug von Nächstenliebe spüren. Stattdessen vielleicht die Stimme eines Pfarrers aus dem Off, Streamingdienste.

Wir spüren einmal mehr: dass wir aus dem öffentlichen Raum vertrieben sind. Dass dies ein Weihnachten der Innenräume wird. Dass das digitale Leben leider auch etwas sehr Schales und Abgestandenes hat. Und dass Corona dafür sorgt, dass wir als sinnliche Menschen irgendwie ständig frustriert werden – als Menschen, die sich mit ihren fünf Sinnen durch die Welt bewegen und etwas erfahren möchten, das anders, größer, schöner ist als das, was sich in den eigenen vier Wänden abspielt.

Dieses Weihnachten wird sehr häuslich, aber nicht sehr festlich. Weniger anregend durch den fehlenden Austausch, aber wahrscheinlich auch weniger anstrengend. Weil Termine wegfallen und eine lange Kette von eher routinierten Weihnachtsfeierlichkeiten in Büros, Schulen, Kindergärten und Vereinen. Weil keiner sich und anderen jetzt zumuten will, auf Schnäppchenjagd durch irgendwelche aerosolbelasteten Kaufhäuser zu rumpeln. Egal, werden die Geschenke eben noch amazonförmiger, als sie ohnehin schon sind. Oder man verzichtet gleich ganz aufs Kaufen und schenkt sich fast nichts: nur die Freude am reinen Zusammensein?

Der Ehrgeiz einer perfekten Vorbereitung des Weihnachtsmenus und des Weihnachtsprogramms wird gebremst, wenn eigentlich kein Besuch kommt. Doch wenn wir schon auf Kontakte fasten: An gutem Essen und Trinken muss es in diesem Jahr nicht fehlen. Es wird genug Zutaten und Zeit geben, um mit einer gewissen Hingabe zu kochen, zu backen und zu picheln.

Und dann wäre da noch die Chance, dass man bestimmte Traditionen schlichter und dadurch eindringlicher zelebriert. Wir können in den Wald fahren, um einen eigenen Weihnachtsbaum zu schlagen. Wir können die Weihnachtsgeschichte zusammen bei Tisch lesen und die Lieder, die wir sonst vielleicht in der Kirche gesungen hätten, im kleinen Kreis zu Hause anstimmen.

Wir können hinausgehen in die Natur, Holz sammeln und ein Feuer machen, lange Spaziergänge mit engen Familienmitgliedern und Freunden. Und weil die Berufstätigkeit in vielen Branchen zwischen den Jahren diesmal besonders ruhiggestellt ist, gibt es vielleicht sogar noch mehr Gelegenheit für Spiele, Gespräche und die stille Einkehr in einem Buch, das seit Monaten wie ein Versprechen auf unserem Nachttisch liegt.